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Donnerstag, 20.02.2020

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Fürther Stadttheater zeigt die "Blechtrommel"

Weltliteratur als Monodrama: Günter Grass’ Roman in Oliver Reeses Bühnenfassung - 19.01.2020 21:00 Uhr

Guter Dinge vor der Premiere: Stadttheater-Intendant und Regisseur Werner Müller (li.) und Boris Keil. © Foto: Hans-Joachim Winckler


Stimmt. Günter Grass’ Zwerg Oskar trommelt mit der Zeit und gegen die Zeit, macht die Volksgenossen lächerlich, etwa in jener grandiosen Szene auf dem Maifeld, als er den Nazis so lange den Marsch verdirbt, bis sie Walzer tanzen. Mit drei Jahren stellt dieser Oskar Matzerath das Wachsen ein und beschließt, Danziger Glas zerspringen zu lassen und alten Weibern unter die Röcke zu schauen. In der Heilanstalt schreibt er sein Leben auf, scheinbar ist er verrückt geworden. Oder sind es doch die Anderen?

"Die Blechtrommel" war 1959 mehr als nur Getrommel. Mit einem mächtigen Paukenschlag war Günter Grass von jetzt auf gleich der Star der bundesdeutschen Nachkriegs-Literatur - was selbst Marcel Reich-Ranicki anerkannte, der zunächst zeterte, ein paar Jahre später jedoch für diesen Jahrhundert-Roman in die Harfe schlug. Wie auch 1999 das Nobelpreis-Komitee.

816 Seiten, wie gesagt. Unspielbar. Die Bilder aus Schlöndorffs legendärer Verfilmung: unauslöschlich. Das Brausepulver. Der Pferdekopf. Das original kaschubische Unterrock-Gebirge von Anna Bronski. Und doch behauptet Regisseur Werner Müller: Die "Blechtrommel" auf der Bühne, das geht. Oliver Reese, Intendant des Schauspiels Frankfurt, war 2015 so tollkühn, die Schwarte, eine wilde Abrechnung mit Kriegs- und Wirtschaftswunderzeit, auf ein 50-Seiten-Monodrama einzukochen.

"Ich habe das ein paarmal gelesen und wusste, das ist möglich", sagt Intendanten-Kollege Müller. Es gibt keine Anstalt, keine Rück- und Vorblenden, aber es gibt Oskars Entwicklungsgeschichte, eine Geschichte der Befreiung von kleinbürgerlichen Familienverhältnissen, "die hier vielleicht sogar klarer erzählt wird als im Roman". Und es gibt Boris Keil. Sein 90-Minuten-Solo beschert ihm zwar "Muskelkater im Gehirn, doch genau wegen solcher Stücke wollte ich Schauspieler werden". Ist er, im Stadttheater-Ensemble seit 2017. Nun wuppt er das bislang größte Ding seiner jungen Karriere. "Ich mag diesen Oskar", sagt der Fürther, "ich finde ihn witzig. Und er tut mir irgendwie leid."

"Narrenfreiheit" nennt Müller als Zentralbegriff, der ihm während der Arbeit an dieser Produktion immer wieder in den Sinn kam. Frei sollen auch die Zuschauer im Kulturforum sein, sich ihr eigenes Bild von diesem wundersamen Oskar zu machen ohne den allzu simplen Brückenschlag von alten Nazis zu neuen Nazis 2020. Müller: "Wir lassen genügend Zeit und Raum, über die Gegenwart nachzudenken. Aber man sollte den Stoff auch nicht überstrapazieren."

"Die Blechtrommel": Die Premiere und die Aufführung am heutigen Sonntag (Kulturforum, Würzburger Straße 2) sind ausverkauft. Karten gibt es noch für die Vorstellungen vom 21. bis 24. Januar und im Mai (jeweils 20 Uhr) - in der FN-Geschäftsstelle (Schwabacher Straße 106), an der Theater- und Kufo-Kasse.

Matthias Boll

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