Fürther über Olaf Scholz: Kein "Obermacher", eher ein Teamplayer

9.12.2021, 08:20 Uhr
Applaus für den neuen Kanzler, natürlich besonders stark von den Genossen: Lächelnd nimmt Olaf Scholz (re.) die Ovationen entgegen.

Applaus für den neuen Kanzler, natürlich besonders stark von den Genossen: Lächelnd nimmt Olaf Scholz (re.) die Ovationen entgegen. © Foto: Kay Nietfeld/dpa

Fürths katholischer Dekan André Hermany ist nicht nur mit Angela Merkels Leistung als Kanzlerin "sehr, sehr zufrieden", er macht auch kein Hehl daraus, dass Olaf Scholz sein Wunschkandidat war. Warum? "Ich mag seine beruhigende, souveräne Art." Auch könne er gut vermitteln, wenn konträre Positionen aufeinanderprallen. Er habe "ein gutes Händchen, Argumente so zu sortieren, dass die Beteiligten im Gespräch bleiben. "Seine große Stärke ist das Verbindende." Eine Fähigkeit, die Hermany Respekt abverlangt. Er traut Scholz sogar zu, die auch wegen Corona tief gespaltene Gesellschaft mehr zueinanderzuführen.

Ein Kanzler Scholz werde kein "Obermacher" sein. "Wenn, dann ist er ein Teamplayer". Aber: "Er wird zwingende Themen wie Klimawandel und Verkehrswende ebenso wie Themen, die zuletzt ins Hintertreffen gerieten wie die Migrationspolitik, sicher angehen und uns souverän in eine gute Zukunft führen."

Wie Fürths Landrat Matthias Dießl den Politiker Olaf Scholz bisher wahrgenommen hat? Ob als Erster Bürgermeister von Hamburg oder als Bundesminister, er sei lange Jahre in unterschiedlicher Funktion in Regierungsverantwortung gewesen und werde "registrieren, was ihn im Kanzleramt erwartet". Dass der Sozialdemokrat selbst für einen Hanseaten recht unterkühlt daherkommt, sieht der Christsoziale keineswegs als Problem. Emotionen ins Land zu tragen, so Dießl, könne eher bewirken, Menschen gegeneinander aufzuwiegeln, denn sie zusammenzuführen. Aber – bei aller Zurückhaltung – Olaf Scholz dürfe darüber eines nicht vergessen: "Das Land leidenschaftlich zu gestalten." Neben den weltpolitischen Herausforderungen blickt Matthias Dießl noch gespannt auf einen anderen Punkt: Der neue Kanzler führe die erste Dreier-Koalition auf Bundesebene. Die weise nicht überall Schnittmengen auf, das gelte es, in der täglichen Arbeit auszutarieren.

Als Sprecherin des Fürther Bündnisses Families for Future legt Katrin Valentin ihren Fokus erwartungsgemäß auf das Thema Klimaschutz. Sie findet: Angela Merkel habe sich dafür zu wenig eingesetzt, folglich trauere sie der Altkanzlerin keine Träne nach. Merkels Nachfolger Olaf Scholz steht Valentin "skeptisch" gegenüber, wie sie sagt, "weil er nicht die Rolle übernimmt, die ihm eigentlich zustünde".

Der neue Kanzler mit seiner Expertise in Finanzfragen müsse den Menschen klarmachen, "dass es sich schon mittelfristig lohnt, umgehend etwas für den Klimaschutz zu tun. Je länger wir in Deutschland zögern, desto immenser werden die Kosten, die die Folgen des Klimawandels mit sich bringen." Doch bei aller Skepsis gegenüber dem SPD-Mann ist die Aktivistin froh, dass sich die Zusammensetzung des Kabinetts geändert hat. "Deswegen sind positive Schritte zu erwarten", sagt sie.

"Als Bürgermeister sieht man die Dinge realistischer"

Dass ein ehemaliger Bürgermeisterkollege nun Kanzler ist, darüber freue er sich sehr, sagt Fürths Oberbürgermeister Thomas Jung. Auch sonst ist ihm Olaf Scholz sympathisch, Jung hatte sich ihn schon als SPD-Parteivorsitzenden gewünscht.

Ein paar Mal sei er ihm persönlich begegnet, erzählt der OB, zum Beispiel, als Hamburgs Stadtchef 2014 die Fürther WBG besuchte – oder drei Monate später beim Relegationsspiel der SpVgg Greuther Fürth gegen den HSV im Ronhof saß. Nur dass sich der HSV durchsetzte, das sei an dem Tag weniger schön gewesen. . .

Seine Erfahrungen werden Scholz im neuen Amt helfen, glaubt Jung: "Als Bürgermeister sieht man die Dinge realistischer, als wenn man auf höheren politischen Ebenen sozialisiert wird." Viel zu tun gebe es für den Kanzler: "die Digitalisierung, die Bildungsgerechtigkeit und vor allem, dass wir bei Corona einen großen Schritt nach vorne machen." Ein glückliches Händchen wünscht Jung dem Neuen dabei. Und er ist überzeugt, dass es ein Wiedersehen gibt: "Schröder und Merkel waren hier – ich glaube, auch Olaf Scholz wird den Weg nach Fürth finden."

Ein neues Kapitel – wenn das mal kein guter Anlass ist, einen Schriftsteller zu befragen. Zum Beispiel den erfolgreichsten in der Region, den Fürther Bestsellerlisten-Erklimmer Ewald Arenz ("Der große Sommer"). "Um es vorweg zu sagen: Die Kanzlerschaft Merkels war nicht das Schlimmste, was uns passieren konnte." Dennoch ist der Autor und Pädagoge über den Wechsel "sehr froh", denn das Land brauche mutige Veränderungen.

Zugleich ist Arenz "sehr skeptisch", was die Kultur betrifft. "Gerade in der Pandemie war der Umgang mit allen Kulturschaffenden – von der Hochkultur bis zu allen Selbständigen – schlichtweg eine Katastrophe. Es lässt sich nicht anders sagen. Ich erwarte von dieser neuen Regierung, dass sie mutige Maßnahmen ergreift, nicht zuletzt eine allgemeine Impfpflicht."

Mit viel Wehmut hat Maike Müller-Klier vergangene Woche den "Großen Zapfenstreich" verfolgt, mit dem Angela Merkel in den Ruhestand verabschiedet wurde. Vermissen werde sie, so die Geschäftsführerin des Industrie- und Handelsgremiums Fürth, deren "Bescheidenheit, Empathie und Präsenz sowie ihre ,Fröhlichkeit im Herzen‘", die sie so "authentisch, glaubwürdig und verlässlich" gemacht haben. Das Pfund, mit der ihr Nachfolger Olaf Scholz als Kanzler wuchern könne, sei Erfahrung. "Die braucht er auch, denn die Herausforderungen sind groß und ein Dreierbündnis bestimmt nicht leicht zu führen." Müller-Klier hofft, dass sich alle Beteiligten im Sinne der Koalition verhalten und möglichst effizient ihrer Arbeit nachgehen können. Ein Pluspunkt sei, dass Scholz in seinem Kabinett ebenso viele Frauen wie Männer in Verantwortung gebracht hat

Aus wirtschaftlicher Sicht hofft sie, dass das Koalitionsprogramm mit dem Titel "Mehr Fortschritt wagen" für entsprechende Impulse sorgen wird. Neben den darin verankerten Themen Digitalisierung, Klimaschutz, Fachkräftemangel, Infrastrukturausbau und Bildung, hofft Müller-Klier, dass vor allem die ‎staatlichen Strukturen und Verfahren beschleunigt, entschlackt und ‎digitalisiert werden. Wichtig sei das klare Bekenntnis zur Marktwirtschaft, zu gesunden Finanzen, stabilen Steuern und Reformen mit Augenmaß. Sofern das gelinge, sei das gut für die Wirtschaft.

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