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Fürths Gedächtnistrainer

Der neue Stadtarchivar Martin Schramm über seine Pläne für Schloss und Museum - 23.08.2010 18:17 Uhr

Wenn Sie morgens aufwachen, sagen Sie dann als Erstes „Herrlich, dass ich Schlossherr bin“ oder „Wie schön, ich bin Museumschef“?

Schramm: Ich denke mir, dass ich die interessanteste Dienststelle der Stadt habe. Die Aufgabenvielfalt ist wahnsinnig groß, die Mischung macht’s: Das Erstellen von Ausstellungen, der Kontakt zu Besuchern, die sich für Geschichte interessieren, das historische Flair im Schloss, der Geruch des alten Papiers im Magazin, wunderbar. Stehe ich im Festsaal, denn sehe ich vorm geistigen Auge die Pücklers dinieren. Im Museum wiederum gefällt mir der moderne Bezug. Sogar die Verwaltungsarbeit macht mir Spaß.

Haben Sie im Stadtmuseum schon ein Lieblingsobjekt ausgewählt?

Schramm: Ich gehe immer besonders gern an der Fürth-Karte von 1630 vorbei, ein einzigartiges Dokument der Dreiherrschaft.

Worin unterscheidet sich Ihre neue Tätigkeit von der, die Sie vorher ausgeübt haben?

Schramm: Das Museum ist in Fürth viel dominanter. Der Bamberger Archivarsjob beinhaltete zwar auch Ausstellungen, aber die waren zeitlich befristet und vom Umfang her nicht mit dem zu vergleichen, was hier gezeigt wird. Was in Bamberg zu sehen war, schauten sich hauptsächlich Archivbenutzer an. Der Hauptunterschied ist aber: Ich arbeite nicht mehr als Archivar, sondern als Dienststellenleiter. Die Archivarbeit ist massiv zurückgefahren, stattdessen steht die Frage im Vordergrund: Wie kriege ich Schloss und Museum in die Öffentlichkeit?

Sie treten Ihr Fürther Amt in einer Zeit an, in der striktes Sparen angesagt ist. Haben Sie bereits eine Ihrer Zukunftvisionen begraben müssen?

Schramm: Visionen sind nicht zum Begraben da. Man muss Geduld haben, wobei ich zugegebenermaßen ein eher ungeduldiger Mensch bin.

Nennen Sie uns konkret eines Ihrer Ziele.

Schramm: Es ist immens wichtig, ein Gedächtnis der Stadt aufzubauen. Die jetzige Gegenwart wird später Vergangenheit sein. Schauen Sie nach Köln, wo mit einem Schlag das Stadtarchiv zerstört wurde. In Fürth droht die Gefahr, in Jahrzehnten ein zweites Köln zu werden. Nicht wegen eines tragischen Unglücks, aber weil Papier nun mal zerfällt. Drum will ich, dass die Akten endlich so aufbewahrt werden, dass die Kartons stauben, nicht die Akten. Das ist bisher nicht der Fall. Und ich möchte, dass die Fürther einen Bezug zu diesen Akten kriegen. Das kann gelingen zum Beispiel gerade jetzt zum Eisenbahnjubiläum. Mit den uns vorliegenden Unterlagen kommen Sie rückblickend in jeden Fürther Lebensbereich hinein. Wie sich dieses Leben verändert hat — das wollen wir dokumentieren.

Sie sagten es eben selbst: Ein Großteil der Bestände im Schloss ist immer noch nicht erfasst und geordnet. Wie konnte das eigentlich passieren?

Schramm: Das ist der übliche Zustand.

Wie bitte?

Schramm: Doch. Es gibt nur wenige Archive, die in den vergangenen Jahren aufgearbeitet worden sind. Man hatte früher einfach ganz andere Ordnungsprinzipien als heute. Archive sind immer die Stiefkinder einer Stadtverwaltung. Es fehlte lange das Bewusstsein für die Schätze, die dort lagern. Der Wert des Kölner Stadtarchivs wird auf etwa 600 Millionen Euro geschätzt. Daher sollten wir uns alle überlegen, welche Wertschätzung wir dem Fürther Stadtarchiv zukommen lassen wollen. Wie soll Frau Ohm ihre Fürth-Bücher schreiben ohne das Archiv? Wie soll ein Buch über Ludwig Erhard, eine Ausstellung über die Ludwigsbahn zustande kommen? Und können Sie sich die Metropolregion vorstellen ohne Rundfunkmuseum? Da stehen Radios, Fernseher und CD-Player, schön und gut. Aber wenn wir nicht die Schaltpläne aufbewahren, dann weiß irgendwann kein Besucher mehr, wie diese Geräte mal funktioniert haben.

Die Kernaufgaben im Schloss?

Schramm: Erstens: Die Bestände erhalten und dafür sorgen, dass sie leicht zu erschließen sind. Da hat meine Vorgängerin bereits großartige Arbeit geleistet, die wir nun fortführen müssen. Zweitens: Laufende Verwaltungsakten und Firmenarchive sammeln. Ich finde zum Beispiel, dass das Quelle-Archiv nach Burgfarrnbach gehört. Und ich will das Schloss durch Führungen und Ausstellungen zugänglich machen. Nicht nur der Geschichtsinteressierte, sondern auch der Laie soll Lust bekommen, hier vorbeizuschauen. Ab 3. September gibt es zum Beispiel eine Kunstausstellung mit Werken von Atsuko und Kunihiko Kato.

Und im Stadtmuseum?

Schramm: Das ist sehr gut gelungen und in einem wohlfeilen Zustand. Jetzt geht es um die Sonderausstellungen, die Entwicklung des pädagogischen Angebots. Die Schüler sollen sich mit dieser bedeutenden Stadt identifizieren können. Man darf ja nicht vergessen: Läge Fürth in Oberfranken oder Oberbayern, dann wäre es, von München abgesehen, jeweils die größte Stadt. Mir läge außerdem daran, das Haus zu einem Museum für alle Sinne weiterzuentwickeln, mit Geruchs- und Klangstationen. Wie es in einer Backstube riecht, welchen Lärm die Goldschläger machten, das würde ich gern dokumentieren. Außerdem bin ich für ein Exponat des Monats mit herausragenden Stücken aus dem Stadtarchiv in einer Extra-Vitrine.

An welchen Erfolgen wollen Sie sich in ein paar Jahren messen lassen?

Schramm: Erfolg bemesse ich daran, ob sich der Zustand des Schlosses signifikant verbessert und dies nach außen auch dargestellt werden kann. Ich werde aber nicht das Archiv um jeden Preis ordnen, zum Beispiel um den Preis, dass die Dauerausstellung im Stadtmuseum vernachlässigt wird. Es muss auf jedem Gebiet etwas vorwärts gehen. 

Interview: MATTHIAS BOLL

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