Fürths OB Thomas Jung: "Jetzt Schulden tilgen"

9.10.2016, 09:15 Uhr
Fürths OB Thomas Jung will weitere Schulden unbedingt vermeiden.

© Foto: Roland Fengler Fürths OB Thomas Jung will weitere Schulden unbedingt vermeiden.

Herr Jung, zurzeit versetzt ja die Michaelis-Kirchweih die Fürther in den kollektiven Ausnahmezustand. Sie selbst weisen gerne auf den angeblich bayernweit einmaligen Charakter dieses Festes hin. Welche Vorzüge könnten auch einen eingefleischten Nürnberger zu einem Kärwa-Besuch in die Kleeblattstadt locken?

 Thomas Jung: Er kann in Fürth ein Fest erleben, das nicht abseits auf einem anonymen Volksfestplatz stattfindet, sondern dort, wo die Menschen im Herzen einer pulsierenden Großstadt arbeiten und wohnen. Dieses Flair bietet keine Platz-Kirchweih auf der ganzen Welt.

Auch sonst erfreut sich Fürth wachsender Beliebtheit. Die von Fachleuten ursprünglich für das Jahr 2030 prognostizierte Marke von über 125 000 Einwohnern ist bereits übertroffen worden. Der rasante Bevölkerungszuwachs löst bei Ihnen aber nicht nur Euphorie aus.

Jung: Wachstum ist kein Wert an sich. Wir müssen auch darauf schauen, dass Fürths Charakter als überschaubare Großstadt im Grünen erhalten bleibt. Deswegen gibt es in unserer Stadt kein grenzenloses Wachstum, und ich sehe diese Grenzen in Sichtweite. Wir haben in den vergangenen fünf Jahren den Flächenverbrauch trotz des enormen Zuwachses nachhaltig reduziert, weil wir vorrangig Altgebiete bebauen haben lassen.

Ende vergangenen Jahres ließen Sie bezüglich der Wohnungsnot in Fürth mit dem Satz "Wir werden das nicht schaffen" aufhorchen. Angesichts Ihrer sonstigen, fast schon sprichwörtlichen Zuversicht, waren das ganz neue Töne. Sind Sie mittlerweile wieder etwas optimistischer?

Jung:  Wir haben ja die wenig wünschenswerte Situation, dass schon ab Wilhermsdorf, knapp 30 Kilometer von Fürth, die Leerstände beginnen. Wir haben Hunderttausende von leerstehenden Wohnungen in unserem Land, und es ist ausgeschlossen, dass alle Wohnungsbauprobleme in den Großstädten gelöst werden können. Einige Kommunen gehen nun an ihre Kleingartenanlagen ran, das schließe ich für Fürth aus, auch wenn das tolle Wohnlagen wären. Wir werden nicht Wohnungsbau um jeden Preis betreiben, und daher werden nicht alle Menschen, die in Fürth wohnen wollen, in Fürth wohnen können.

Durch die Neue Mitte hat die Innenstadt von Fürth entscheidende Impulse bekommen.

Durch die Neue Mitte hat die Innenstadt von Fürth entscheidende Impulse bekommen. © Foto: André De Geare

Thema Finanzen: Fürth hat es in den vergangenen Jahren geschafft, wenn auch in moderatem Ausmaß, Schulden abzubauen. Jüngst war in Nürnberg zu hören, dass neue Schulden alternativlos sind. Blickt man da mit Neid über die Stadtgrenze?

Jung: Da gibt es vielleicht eine etwas unterschiedliche Denkkultur in beiden Rathäusern, auch wenn wir sonst weitgehend parallel ticken und ähnliche Herausforderungen zu bewältigen haben. Wir in Fürth versuchen wirklich Schulden zu vermeiden, das ist für uns auch Ausdruck des Nachhaltigkeitsgedankens. Das ist während meiner ersten Amtsjahre in Fürth nicht gelungen, aber seit sechs Jahren haben wir keine Neuverschuldung mehr und bauen seit vier Jahren Schulden ab.

Das ist natürlich auch der guten wirtschaftlichen Situation geschuldet. Den allermeisten Kommunen geht es gut, was die Steuereinnahmen betrifft. Können Sie es da verstehen, wenn in einer solchen Phase jemand keine Schulden abbaut?

Jung: Man muss in der Tat die Frage stellen: Wenn man jetzt keine Schulden abbaut, wann dann? Das gilt angesichts der Rekordeinnahmen im Gewerbe- und im Einkommensteuerbereich für alle staatlichen Ebenen. Wir haben in Fürth eine sehr intensive Sparkultur entwickelt. Das war auch nötig, denn Fürth ging es richtig schlecht. Wir standen im Jahr 2009 kurz davor, keinen genehmigten Haushalt mehr zu bekommen. Das war mehr Erbarmen des Innenministers, dass wir uns noch weiter selbst regieren durften. Wir haben damals in den Abgrund geschaut, und das diszipliniert sehr. Das hat auch bei mir persönlich was verändert. Ich will so was nie mehr erleben.

Auch mit der Einkaufsstadt Fürth ging es zuletzt wieder aufwärts. Mit der Eröffnung der Neuen Mitte, des Hornschuch-Centers und des Metroplex-Kinos hat die Innenstadt einige neue Impulse bekommen. Wie nachhaltig ist die damit verbundene Aufbruchstimmung – und kommen nun auch Bürger aus der weiteren Umgebung zum Shoppen nach Fürth?

Jung:  Zum einen gab es schon immer Menschen, die sehr bewusst in Fürth eingekauft haben, weil wir hier noch eine kleinteilige Ladenstruktur haben. In einer so großen Stadt wie Nürnberg hat die im Zentrum keinen Platz mehr. Zum anderen ist zu beobachten, dass im Umfeld der Neuen Mitte nun ein ganz anderes Flair herrscht. Die Besucherströme haben sich verdoppelt, aber damit sind wir noch nicht fertig. Die ganz große Herausforderung, die in den nächsten drei Jahren ansteht, ist der Umbau des City-Centers im anderen Teil der Fußgängerzone. Das ist dann die Vollendung der Einkaufsstadt, danach brauchen wir bestimmt nichts mehr.

Seit mehreren Jahren macht Fürth auch über die Stadtgrenzen hinaus durch den Lärmstreit in der Gustavstraße und die langwierigen gerichtlichen Auseinandersetzungen von sich reden. Jetzt ist eine Änderung des Bebauungsplans im Gespräch. Könnte dieser Gordische Knoten vielleicht damit zerschlagen werden?

Jung: Der Bebauungsplan, den die Stadt vor vielen Jahren aus sehr guten Gründen für einen Anwohnerschutz aufgestellt hat, hat sich durch die Entwicklungen überholt. Wir sind uns im Stadtrat über alle Parteigrenzen hinweg einig, dass wir hier Änderungen vornehmen wollen, aber wir wissen auch, dass das wieder beklagt werden wird. Deshalb sind die Vorbereitungen sehr gründlich und damit auch sehr langwierig. Ergebnisse wird es erst Mitte nächsten Jahres geben, aber der Rückhalt in der Bevölkerung – auch bei den Bewohnern in der Gustavstraße – für diese Änderungen ist sehr groß.

Die Fronten zwischen der Stadt und den Klägern sind inzwischen ja sehr verhärtet. Wenn Sie zurückblicken: Ist da vielleicht auch vonseiten des Fürther Rathauses manchmal ein zu polemischer Ton angeschlagen worden?

 Jung: Ich gebe zu, dass ich beim Thema Gustavstraße auch leidenschaftlich bin, denn da geht es um Heimat, um jahrhundertealte Tradition, und da gelingt es mir nicht immer, emotionsfrei zu reagieren. Aber ich glaube nicht, dass die Frage der Wortwahl das entscheidende Thema ist. Wir können es nicht zulassen, dass ein Herzstück der Stadt den Todesstoß bekommt. Ich muss einfach feststellen, dass die Gegenseite einen Vernichtungswillen gegen einzelne Gaststätten und den Charakter der Gustavstraße hat, und dem muss man sich entgegenstellen.

Aber gerade Begriffe wie eben Vernichtungswille werden Ihnen dann ja auch vorgeworfen. Wäre nicht deutlich mehr Deeskalation der bessere Weg?

Jung: Es gibt von mir vielfältige Deeskalationsbemühungen. Ich bin jetzt das dritte Mal zu einem Mediationsgespräch gegangen und ich werde das auch noch zehnmal mitmachen, wenn ich auch nur einen Funken Hoffnung auf eine Einigung habe. In der Sache bin ich weiterhin kompromissbereit, aber ich werde es mir nicht verbieten lassen, die Dinge beim Namen zu nennen. Und wenn jemand wünscht, dass die Gaststätten neben ihm verschwinden, dann will er eben Vernichtung. Da geht es auch um Arbeitsplätze und wirtschaftliche Existenzen, die bedroht werden.

Sie betonen gerne, wie wichtig es Ihnen sei, dass Fürth individuell bleibt und sich von den Nachbarstädten abhebt. Wodurch zeichnet sich die besondere Fürther Lebensart Ihrer Ansicht nach aus?

 Jung: Einmal durch die Überschaubarkeit. Man kennt sich untereinander in Fürth. Man passt besser aufeinander auf, weshalb es auch vergleichsweise wenig Kriminalität gibt. Wir haben sehr viele Menschen – das geht bis zu meinen alten Klassenkameraden –, die über Jahrzehnte und Generationen hinweg in Fürth bleiben. Das schafft eine ganz andere Vertrautheit. Zudem haben die Fürther eine außergewöhnliche Toleranz, weshalb es auch wenig Akzeptanz für rechtsradikale Strömungen gibt. Darüber hinaus leben hier Reich und Arm auf engstem Raum zusammen. Wir haben im Gegensatz zu anderen Städten keinen Trend zur Segregation, sondern zur Integration.

Wie wichtig ist die vor elf Jahren aus der Taufe gehobene Metropolregion Nürnberg? Was hat diese Kooperation Fürth konkret gebracht und wie sehen Sie die Rolle Ihrer Stadt in diesem Verbund?

Jung: Man muss ehrlich sein: Der Name Nürnberg hat erst mal für Unruhe gesorgt. "Könnte man die Kooperation nicht Metropolregion Franken nennen" - solche Aussagen waren damals zu hören. Aber es wurde dann akzeptiert, und wir machen das Beste daraus, denn Fürth liegt im Herzen der Metropolregion. Wir sind überzeugte Anhänger des Metropolregion- Gedankens, auch weil unsere großen Unternehmen auf die Vernetzungen in der Region angewiesen sind.

Es gibt ja auch noch die "rote Achse" der SPD-Oberbürgermeister von Nürnberg über Fürth und Erlangen bis nach Bamberg. Ist die regionale Zusammenarbeit einfacher, wenn die Chefs in den jeweiligen Rathäusern das gleiche Parteibuch haben?

Jung: Das würde ich so pauschal nicht sagen. Wir haben ja in Schwabach einen Kollegen der CSU, und ich kann nicht sagen, dass das Verhältnis zu Matthias Thürauf anders ist als zu den anderen. Jeder weiß, dass man aufeinander angewiesen ist. Deshalb arbeiten wir zusammen, aber im Zweifel ist man sich auch selbst der Nächste. Die jeweilige Parteizugehörigkeit ist nicht entscheidend.

In vielen bayerischen Städten ist die SPD gut aufgestellt, landespolitisch sind die Prognosen aber nicht so schmeichelhaft. Sie waren vor Ihrem Amt als Oberbürgermeister acht Jahre lang Landtagsabgeordneter, kennen also beide Seiten. Wie könnten die bayerischen Genossen besser beim Wähler punkten?

Jung: Wenn ich da gute Ratschläge geben könnte, wäre ich ein sehr beliebter und gefragter Mann. Das Kernproblem der bayerischen SPD ist, dass sie Teil einer Bundespartei ist, und dass es der CSU gelungen ist, die Identifikation als bayerische Partei zu schaffen. Wir versuchen natürlich, auch in Fürth klarzumachen, dass die SPD die Partei ist, die Fürth am besten versteht und mit der Fürth am besten fährt. Das ist uns hier und zum Beispiel auch der SPD in Nürnberg ganz gut geglückt, auf Landesebene ist es uns nicht gelungen. Und ich würde übertreiben, wenn ich sage: Ich weiß, wie das geht.Interview:

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