Gentrifizierung in Fürth: Wohnen im Wandel

21.7.2015, 06:00 Uhr

© Fotos: Mark Johnston

Ein Altbau in der Hirschenstraße, angegraut, abgewohnt, und trotzdem Heimat für weit mehr als eine Handvoll Menschen. Im Hof das zugige, nicht heizbare Atelier eines Künstlers. So war es einmal, längst beherbergt das Haus schicke Wohnungen mit großzügigen Balkonen. Die Werkstatt im Hinterhof wurde zum Loft. Die Bewohner sind nun andere, keine Millionäre, aber zwangsläufig Menschen mit einem dickeren Geldbeutel als ihre Vorgänger.

Es ist ein Beispiel von vielen, gerade in der westlichen Innenstadt, jenem Dreieck zwischen Fußgängerzone, Rednitz und der Altstadt. Und es entspricht genau dem Vorgang, den Sozialwissenschaftler mit dem sperrigen Wort Gentrifizierung beschreiben: Die ärmere Bevölkerung eines Stadtteils wird von reicheren Zuzüglern verdrängt.

Oft spielt sich das so ab: Weil die Mieten günstig sind, ziehen zunächst Studenten und Künstler in einen heruntergekommenen Stadtteil. Schnell folgen Kneipen, kleine Läden, Ateliers. Plötzlich wird das Viertel interessant für Menschen mit höherem Einkommen. Eine Sanierungswelle rollt an, Investoren springen auf den Zug auf.

Der Wandel in der Fürther Innenstadt hat einen anderen Hintergrund: Er ist politisch gewollt. Über Jahrzehnte hat das Zentrum einen Niedergang erlebt, das Herz der Stadt schlug immer langsamer. Die Mittelschicht floh wegen schlechter Wohnqualität, fehlenden Parkplätzen und dem angekratzten Image der Schulen. Am Ende blieben die vier „A“, wie sie manche Forscher nennen: Arme, Alte, Arbeitslose und Ausländer.

Anfang des Jahrtausends zog die Stadt die Reißleine, wies das Viertel als Sanierungsgebiet aus. Seitdem flossen Millionen Fördergelder aus dem Bund-Länder-Programm Soziale Stadt. Die Kommune ging in Vorleistung, erneuerte Straßen, pflanzte Bäume – und siehe da: Hauseigentümer und Investoren hielten es plötzlich für sinnvoll, ihre Gebäude aufzuhübschen. In der Folge stiegen die Mieten, die sich nun viele nicht mehr leisten können. Nischen verschwinden, auch Künstler, die ihre Ateliers in der Innenstadt hatten, müssen sich nach Alternativen umsehen.

Entschluss steht noch

Alles in allem, so hatte es Fürths Baureferent Joachim Krauße schon vor drei Jahren dieser Zeitung gesagt, „ist ein gewisser Verdrängungseffekt nicht wegzudiskutieren“. Doch zu dem Entschluss, die „Bevölkerungsstruktur zu durchmischen“, steht man im Rathaus heute noch. „Das Image einer Stadt wird von der Innenstadt geprägt“, sagt Krauße. „Wenn man dort Probleme hat, ist das ganz schlecht.“ Mit anderen Worten: Fürth wurde irgendwann hauptsächlich über die vier „A“ definiert.

Es war Zeit, gegenzusteuern. Die Stadt wünsche keine Luxussanierungen, betont Krauße, aber sie will „eine ganz normale Wohnbevölkerung, die nicht die Gefahr birgt, dass das Viertel wieder absinkt“. Viele finden, dass Fürth in den vergangenen Jahren dadurch gewonnen hat. Sandsteinfassaden strahlen im Glanz früherer Jahre, nette Läden siedeln sich an – und das alles, ohne dass man den Eindruck gewinnt, die westliche Innenstadt sei nur noch eine Spielwiese für Yuppies und für Superreiche.

Massive Konflikte wie in Gostenhof gibt es bisher nicht. Die Proteste des rührigen Fürther Sozialforums etwa zielen nicht auf ein einzelnes Quartier ab, sondern auf eine Entwicklung, die ganz Fürth betrifft: Der Ballungsraum ist attraktiv, Wohnungen werden knapp, Immobilien als Anlage interessant – und die Mieten steigen.

Statt wie die Autonomen in Gostenhof Farbbeutel an Hauswände zu werfen, suchten Mitglieder des Sozialforums vor einem Jahr eine Musterwohnung in der Südstadt auf und feierten vor zwei verdutzten Mitarbeitern des Immobilienentwicklers eine „Fette-Mieten-Party“ mit Sekt, Musik und Luftschlangen. Die Forderung war klar: genug bezahlbarer Wohnraum und endlich mehr Investitionen in den sozialen Wohnungsbau. Baureferent Krauße sieht hier vor allem den Gesetzgeber auf Bundes- und Landesebene in der Pflicht, dafür entsprechende Anreize zu setzen.

Doch auch das Rathaus kann etwas tun: Die Firma „Soziales Wohnen Fürth“, eine Tochter der städtischen WBG, hat einen Altbau in der Hirschenstraße gekauft. Im Erdgeschoss bekommen die Wärmestube und das Sozialkaufhaus „Fundgrube“ Räume. Im ersten Stock des Rückgebäudes wird eine Notfallwohnung eingerichtet, ein vorübergehender Unterschlupf für Familien, die ihr Zuhause beispielsweise wegen eines Brands verlassen mussten.

Ergänzt wird das Konzept von neun Mietwohnungen im Vorderhaus, die es nach der Sanierung für einen fairen Preis von 6 bis 6,50 Euro pro Quadratmeter geben soll. Für einen Stadtteil, der gerade „gentrifiziert“ wird, ist das ein schönes Zeichen – auch wenn es nicht alle trösten dürfte, für die kein Platz mehr in der schönen, neuen Fürther Innenstadt bleibt.

Radikalkuren zum  Umkrempeln von Bevölkerungsstrukturen hat es  in Fürth schon lange vor der Erfindung smarter Steuerungsmechanismen wie dem Quartiersmanagement gegeben. Die Flächensanierung des Gänsbergviertels zwischen 1962 und 1982 war ein umstrittener Meilenstein. Der Umstand, dass es damals nur für Neubauten Fördermittel gab, hat diesen fragwürdigen Prozess befeuert.

„Zweischneidige Sache“

Es folgte die ebenfalls umstrittene Kompletterneuerung der Eschenausiedlung. Junge Familien, die freilich nicht zu den ärmsten zählten, siedelten sich in den 1980er Jahren in neuen Eigenheimen am Stadtwaldrand an, wo bis dato Arme in Behelfshäusern lebten, die ab 1949 für Flüchtlinge errichtet worden waren. Und diese Entwicklung setzt sich fort: Auch in der Heilstättensiedlung machen jetzt (unbewohnte) Nachkriegsbaracken modernen Mietshäusern Platz.

„Gentrifizierung mit Ansage“ nennt Sozialforumssprecher Stephan Stadlbauer ein weiteres aktuelles Großprojekt: die bereits weitgehend abgeschlossene Sanierung der 307 ehemaligen WBG-Wohnungen auf der Schwand nach der Übernahme durch das Evangelische Siedlungswerk. Hohe Wellen schlug insbesondere die Räumung des Hochhauses mit knapp 100 Wohnungen für den Umbau zum „Sonnenturm“. Allerdings reagierte das ESW auf die wiederholten Proteste, engagierte Sozialarbeiter für die Mieter, organisiert im Bedarfsfall Ersatzwohnungen und räumt Altmietern bei der Rückkehr in das generalsanierte Gebäude reduzierte Mieten ein.

Von der Gentrifizierung im freien Spiel der Kräfte unterscheidet sich die im Rathaus geplante Veränderung der  Sozialstruktur schon im Ansatz. Gibt hier eine Generallinie der Stadtentwicklung die Richtung vor, ist dort allein das Privatinteresse entscheidend. Deshalb können die großen Flächensanierungen in Fürth auch nicht an denselben Maßstäben gemessen werden wie private Einzelmaßnahmen beim Umbruch von Wohnquartieren. Die finanziellen Voraussetzungen schaffen jedoch in jedem Fall Fördermittel – etwa aus dem Programm „Soziale Stadt“ – und satte Steuervergünstigungen bei der Sanierung denkmalgeschützter Gebäude.

Von einer „zweischneidigen Sache“ spricht Stadlbauer. Denn gegen eine Verbesserung von Wohngebieten sei im Grunde nichts einzuwenden.  Vorausgesetzt allerdings,  die Aufwertung werde nicht auf den Rücken der einkommensschwachen Bewohner ausgetragen. Da der finanzielle Anreiz des Staates für den sozialen Wohnungsbau mit billigen Darlehen in der anhaltenden Niedrigzinsphase nicht mehr zieht, sollen nach Stadlbauers Ansicht Wohnungsbaugesellschaften in die Bresche springen und ihrem sozialen Anspruch gerecht werden. Allerdings stößt sozialer Wohnungsbau gerade in besseren Wohnquartieren auch auf Vorbehalte von Nachbarn, die um die Qualität ihrer Wohnsituation bangen.

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