Widerstand gegen Wohlfühl-Experiment

Heftiger Protest in Fürth: Kippen die Sommerstraßen?

24.7.2021, 10:20 Uhr
„Ein Schmarrn“: Am Finkenschlag, wo es vor den Häusern Grünflächen und hinter den Häusern Gärten gibt, fragen sich viele Anwohner, wozu sie eine Sommerstraße brauchen.

„Ein Schmarrn“: Am Finkenschlag, wo es vor den Häusern Grünflächen und hinter den Häusern Gärten gibt, fragen sich viele Anwohner, wozu sie eine Sommerstraße brauchen. © Foto: Wolfgang Händel

Mit dem Beginn der Sommerferien am Freitag soll Fürth erstmals drei „Sommerstraßen“ erhalten. Ob es dazu kommt, ist nach Beschwerden von Anwohnern nun aber ungewiss. Baureferentin Christine Lippert kündigt eine Entscheidung Anfang der Woche an.

Mit so viel Gegenwind, gesteht sie auf FN-Nachfrage, habe sie nicht gerechnet – "nicht in diesem Ausmaß". Was ist geschehen? Aus dem Baureferat kam der Vorschlag, in Fürth erstmals vorerst zwei geeigneten Straßenabschnitten mehr Aufenthaltsqualität zu verleihen, damit sich Anwohner dort treffen und Kinder dort spielen können. Nach dem Motto "Verkehr raus, Sitzbänke und mobiles Grün rein" wollte man Menschen, die in der Pandemie nicht verreisen können oder wollen, so für die Dauer der Ferien ein schönes Lebensgefühl schenken, mehr Miteinander unter freiem Himmel und vor der eigenen Tür ermöglichen.

Vergleichbare Experimente und Gedankenspiele nach dem Vorbild von Städten wie etwa Stockholm oder München gibt es auch in Nürnberg, wo die Adlerstraße jetzt als "Summer Street" eingerichtet wurde, und in Erlangen.

Im Mai gab der Bauausschuss einstimmig grünes Licht, im Rathaus begann das Warten auf Vorschläge aus der Bevölkerung. 22 gingen ein, eine Projektgruppe entschied sich schließlich für den Finkenschlag im Eigenen Heim (zwischen Erich-Klabunde- und Feldstraße) und die Neumannstraße (zwischen Flößau- und Weizenstraße) in der Südstadt. Außerdem gab sie grünes Licht für die Pfisterstraße (zwischen Mathilden- und Marienstraße), jedoch nur für die ersten zwei Ferienwochen.

Sommerstraßen: "Ein Schmarrn"

Geplant ist, dass Beschäftigte der Stadt ab Montag Halteverbotsschilder aufstellen, die die temporäre Spielstraßen-Regelung ab Freitag ankündigen. Durchaus denkbar aber, dass sie sie kurz darauf wieder einsammeln. Die Stadt könne von ihrem Vorhaben "noch abrücken", sagt Lippert, auch wenn schon Schilder stehen, Plakate gedruckt und Flyer verteilt wurden.

Hugo Bloch, früher Maler, ist 87 und lebt am Finkenschlag mitten im Grünen. Hinter der Häuserreihe gibt es zig Kleingärten. In seinem Gärtchen nascht er manchmal von den Stachelbeeren und plaudert über den Zaun. Mit Nachbarn zusammensitzen kann er auch an einem Tisch vor dem Haus.

Hugo Bloch, hier bei den Stachelbeeren im Gärtchen hinter dem Haus, vermisst nichts. Wozu eine Sommerstraße, fragt er und verweist auf den Parkdruck am Finkenschlag.

Hugo Bloch, hier bei den Stachelbeeren im Gärtchen hinter dem Haus, vermisst nichts. Wozu eine Sommerstraße, fragt er und verweist auf den Parkdruck am Finkenschlag. © Birgit Heidingsfelder, NN

Bloch hat schier die Qual der Wahl. Über den Einfall mit den "Sommerstraßen" schüttelt er den Kopf und sagt: "Ein Schmarrn. Erstens leben kaum Kinder hier und zweitens weiß man dann doch nicht mehr, wohin mit dem Auto." Fakt ist: Die Pkw parken Stoßstange an Stoßstange vor seinem Fenster.

Verärgerung über Autofahrer-Schikane

Die vielfachen Reaktionen auf die Sommerstraßen war auch auf der FN-Facebook-Seite fast ausnahmslos niederschmetternd. "An die Anwohner denken die gar nicht", klagt jemand, von Autofahrer-Schikane ist die Rede, ein Mann fragt: "Muss man jeden Trend, den irgendwo einer aufgetan hat, denn auch mitmachen? Haben hier eh Parkplatzprobleme und dann dieser Dummfug hier." "Die Anwohner stecken dann ihre Autos in die Hosentasche oder was?" grollt jemand, ein anderer zürnt: "Und wenn man dann abends diese Sommerstraßen mit Leben füllt, kommt dann auch das USK?"

Klar wird, auch in Mails und Briefen an die Redaktion: Viele Kommentatoren fühlen sich überrumpelt ("Mich hat niemand gefragt"), im Fokus der Kritik stehen – das betrifft alle drei Orte – die Parkplatznot und die Frage, ob es mitten in der Pandemie und angesichts der sich ausbreitenden Delta-Variante Sinn macht, "Leute dazu zu animieren, sich auf der Straße zusammenzufinden".

Anwohner bitten OB um Projektabsage

Ein Musiker aus der Pfisterstraße schreibt unter anderem, er bezahle Geld für einen Anwohnerparkplatz. Und er fragt, ob ihm die Kosten erstattet werden, wenn er den nicht nutzen kann. Er will wissen, wie das Be- und Entladen von Fahrzeugen vor sich gehen soll, wenn man nicht vors Haus fahren darf, wie mobile Pflegedienste rasch zu ihren Patienten gelangen sollen, wenn die Zahl der wenigen Parkplätze noch mehr schrumpft. Und Anwohner der Neumannstraße, die sich auch nicht mit "Toilettengängen, Partymusik und Alkoholkonsum nicht ansässiger Besucher" auseinandersetzen möchten, bitten in einem Brief an OB Thomas Jung "eindringlich" darum, das Projekt abzusagen.

Auch dieses Stück der Neumannstraße in der Südstadt wurde fürs Experiment gewählt.

Auch dieses Stück der Neumannstraße in der Südstadt wurde fürs Experiment gewählt. © Wolfgang Händel

Lippert sagt: "Im Zweifel lassen wir das Experiment gar nicht starten." Ihr zufolge gingen im Rathaus rund 50 Beschwerden und Fragen ein. Man nehme diese ernst und werde "gemeinsam nach Lösungen suchen". Ausweichparkflächen könne die Stadt nicht anbieten, Ausnahmegenehmigungen fürs Befahren seien im Einzelfall denkbar, Rettungsdienste hätten immer Zufahrt.

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