Dienstag, 20.04.2021

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Helmut Kohl auf der Fürther Freiheit

1980 macht der spätere Kanzler Wahlkampf in Fürth – Niemand ahnt, dass seine Zeit erst noch kommt - 27.09.2020 21:00 Uhr

Hier spricht der CDU-Vorsitzende: Am 15. Juli 1980 strömen rund 2000 Fürther auf die Freiheit, um Helmut Kohl zuzuhören - oder mit Trillerpfeifen aus dem Konzept zu bringen. Vergeblich.

25.09.2020 © Foto: Kögler


Mit Kohl startet die CSU in den Bundestagswahlkampf, am 5. Oktober, also fast genau vor 40 Jahren, fällt die Entscheidung. Noch ahnt niemand, welchen Karrierepfad der Riese aus Oggersheim noch beschreiten wird. Kohl auf der Freiheit, 2000 Fürtherinnen und Fürther sind gekommen. Der Mann ist höchst prominent. Doch ob der nochmal was wird?

Denn der Kanzlerkandidat 1980 heißt mitnichten, wie jüngere Leser womöglich vermuten, Helmut Kohl. Der Christdemokrat war bereits 1976 gegen Helmut Schmidt zu Felde gezogen und dem kühlen Hanseaten knapp unterlegen. 1980 verzichtet er, woraufhin sich der CDU-Bundesvorstand im Mai für den niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht entscheidet, Vater von Ursula von der Leyen. Albrecht soll es machen und dem populären Schmidt, der dem Linksterrorismus im "Deutschen Herbst" 1977 die Stirn bot, ein Bein stellen.

Donnerwetter aus München

Doch aus München erschallt ein in dieser Form nie gehörtes Donnerwetter. Die Art und Weise der Kandidatenkür geht der CSU gewaltig gegen den Strich. Das letzte Wort hat denn auch die Bundestagsfraktion der Union, die sich in geheimer Wahl mehrheitlich nicht für Albrecht, sondern prompt für Franz Josef Strauß ausspricht.

Strauß gegen Schmidt, so lautet das Duell, das als beinharte Auseinandersetzung in die Geschichte der Bundesrepublik eingehen wird; als eine Schlacht der Weltanschauungen zumal, die beide Lager polarisiert wie seit Willy Brandts Kanzlerjahren nicht mehr.


Aus dem Archiv: Als die Taxen die Farbe wechselten


Der da also an jenem Julitag 45 Minuten lang zu den Fürthern spricht, ist eigentlich ein Düpierter, ein Geschlagener. Dass Kohl und der vulkanische Strauß einander nicht leiden können, ist in und um Bonn herum alles andere als ein Geheimnis. Biografen werden später vermerken, dass Kohl die Niederlage des bayerischen Rivalen – am Wahlabend holt Strauß 34,2 Prozent für die Union, vorn bleibt mit unfassbaren 42,9 Prozent die SPD – eher kalt lächelnd statt tieftraurig zur Kenntnis nimmt.

Böses Politspiel

Dennoch macht der 50-Jährige gute Miene zum bösen Politspiel und wirft sich nach Kräften für FJS ins Zeug. Am Nürnberger Flughafen nimmt ihn der CSU-Kreisvorsitzende Rudi Richter in Empfang, nach einer kurzen Kaffeepause im Schwarzen Kreuz geht’s schnurstracks Richtung Freiheit, wo schon die Stadtjugendkapelle Zirndorf die Zuhörerohren wärmt. An Kohls Seite: der Fürther CSU-Wahlkreisabgeordnete Werner Dollinger.

"Für Frieden und Freiheit" heißt der Slogan der Union. Die FN: "Gelöst schüttelte Dr. Kohl Hände, nahm freundlich den Beifall und gelassen die ersten Missfallenskundgebungen hin." Der Wahlkampf, so Kohl an die Störerfraktion gewandt, dürfe nicht zu einer "Olympiade der Beschimpfung Andersdenkender ausarten, sondern soll ein Messen der politischen Argumente werden."

Ein Messen, das Strauß verliert. Die sozialliberale Koalition setzt ihre Arbeit fort; zwei Jahre später jedoch macht die FDP mit ihrem Ausstieg Kohl den Weg frei fürs Kanzleramt. Dort wird er bleiben, bis 1998. Sein erster Verkehrsminister, von 1982 bis 1987, heißt Werner Dollinger. "Er kann es nicht", hatte Strauß über diesen Kohl gehöhnt. So kann man sich irren.

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