Herbergers «Rackerer»

26.7.2008, 00:00 Uhr
Gute Stimmung im Schweizer Trainingslager: Teamkollege Max Morlock umarmt Charly Mai (links). Repro: Günter B. Kögler

Gute Stimmung im Schweizer Trainingslager: Teamkollege Max Morlock umarmt Charly Mai (links). Repro: Günter B. Kögler

Am 4. Juli 1954 herrschte in Fürth Ausnahmezustand. Die Stadt feierte ihre «Helden von Bern»: Herbert Erhardt und Karl Mai von der Spielvereinigung Fürth. Mai war maßgeblich am 3:2 beteiligt, mit dem die deutsche Fußballnationalmannschaft im WM-Finale den hohen Favoriten Ungarn besiegte und Weltmeister wurde. Die Aufgabe des SpVgg-Spielers war es, den Torschützenkönig des Turniers, Sándor Kocsis, auszuschalten. Mit Erfolg: Kocsis blieb in diesem Spiel ohne Tor. In den sechs WM-Begegnungen hatte Mai fünf Einsätze. Lediglich im Vorrundenspiel gegen Ungarn war er nicht aufgestellt, das die deutsche Mannschaft mit 3:8 verlor.

Mai wurde am 27. Juli 1928 in Fürth geboren. Nach dem frühen Tod seines Vaters gab die Mutter ihre vier Kinder in die Obhut des Fürther Waisenhauses. Zum Kleeblatt kam Mai als 13-Jähriger. Nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft 1946 schloss er eine Lehre zum Konditor ab. 1950 schaffte er den Sprung in die erste Mannschaft der SpVgg. Ab der Spielzeit 1952/53 nahm Mai als linker Läufer seine spätere Stammposition ein.

Bundestrainer Sepp Herberger wurde auf den Fürther aufmerksam und nahm ihn in den Auswahlkader für die deutsche Fußballnationalmannschaft auf. Am 11. Oktober 1953 gab Mai im Qualifikationsspiel zur Fußball-WM 1954 gegen das Saarland sein Debüt. Das Spiel in Stuttgart endete mit 3:0.

Karl Mai war weder Torjäger noch Stratege, er war der «Rackerer» für besondere taktische Aufgaben, wie ihn Sepp Herberger für ein WM-Turnier gesucht hatte. Am 4. Juni 1954 erhielt der Fürther den ersehnten Brief vom Bundestrainer, in dem er aufgefordert wurde, sich als Mitglied des Nationalkaders zum Trainingslager nach Schöneck zu begeben.

Privat war «Charly» Mai zwar seit 1950 mit Else Steinmetz verbandelt und später verlobt, aber an eine Reise der Freundin in die Schweiz zur deutschen Mannschaft war damals nicht zu denken. Herberger untersagte den Spielern strikt, ihre Ehefrauen und Verlobten mitzubringen. Zu groß schätzte der Nationaltrainer die Gefahr der möglichen Ablenkung ein.

«Die Frauen wollen wir net»

Else Steinmetz fuhr dennoch in die Schweiz, da ihre Chefin dort Blusen für ihr Bekleidungsgeschäft einkaufen wollte, und zwar ausgerechnet zum Vorrundenspiel gegen Ungarn, das mit der verheerenden 8:3-Niederlage endete. Als Herberger Karl Mai mit seiner Verlobten über das Spielfeld laufen sah, meinte er: «Charly, die Frauen wollen wir hier net, schicken Sie die wieder heim.»

An Mais «Spezialaufgabe» im WM-Finale, Ungarns Torjäger Sándor Kocsis zu neutralisieren, erinnert eine Sondermarke der Demokratischen Volksrepublik Korea aus dem Jahr 1985. Sie zeigt Sándor Kocsis beim Kopfballspiel, beobachtet von Karl Mai. Als Weltmeister erfuhr Mai nach seiner Rückkehr zahlreiche Ehrungen. Insgesamt 22 Länderspiele bestritt der Fürther für Deutschland, das letzte am 20. Mai 1959 gegen Polen. Es endete 1:1.

Von 1942 bis 1958 lief Mai für die SpVgg Fürth auf und wechselte dann für drei Jahre zum FC Bayern München. Ab 1961 spielte er bei den Young Fellows Zürich in der Schweiz, danach beim FC Dornbirn in Österreich. Nach seinem Karriereende übernahm Mai das Traineramt bei ESV Ingolstadt, MTV Ingolstadt und FC Wacker München, den er 1969 bis ins Endspiel der deutschen Amateurmeisterschaft führt.

Im Jahr 1975 erkrankte er schwer, sechs Operationen folgten. Anfang der 90er Jahre wurde ihm der rechte Lungenflügel entfernt, am 15. März 1993 starb Karl Mai an Leukämie. Im Kreise seiner Sportskameraden war der Fürther sehr beliebt. In Anerkennung seiner Verdienste ehrte die Stadt Fürth den Fußballer im Oktober 2004 mit der Umbenennung der Bezirkssportanlage Schießanger in Charly-Mai-Sportanlage. Anlässlich der Fürther 1000-Jahr-Feier wurde 2007 ein Ehrenweg in der Fußgängerzone eingerichtet, wo Karl Mai neben Ludwig Erhard, Henry Kissinger und weiteren berühmten Bürgern der Stadt mit einer Bronzeplakette geehrt wurde.

Wiedersehen in Gremsdorf

Im Juli 2005 kam es im Rahmen einer Benefizveranstaltung der Barmherzigen Brüder in Gremsdorf, einer Behinderteneinrichtung mit Spezialisierung auf den Bau von Tischfußballkickern, zu einem Treffen zahlreicher Spieler des Endspieles von 1954 in Bern, darunter von deutscher Seite Horst Eckel, Ottmar Walter, Alfred Pfaff, Herbert Erhardt sowie von ungarischer Seite Gyula Grosics und Jenö Buzánsky.

Die beiden ungarischen Spieler trafen sich mit Karl Mais Witwe Else an deren Geburtstag. Auch morgen wird Buzánsky in Fürth sein, Grosics ist aus gesundheitlichen Gründen verhindert, wäre jedoch gerne gekommen. Mai war ein begeisterter Anhänger der ungarischen Fußballschule und schätzte die Offenheit und Kameradschaftlichkeit der ungarischen Spieler in den Jahren nach deren bitterster Niederlage im WM-Finale 1954. Über einen langen Zeitraum verbanden Karl Mai mit Ferenc Puskás freundschaftliche Kontakte.

Im Rahmen der Gedenkfeier im Fürther Hotel Mercure wird auch ein Sonderstempel der Deutschen Post vorgestellt, der an den Fußballweltmeister von 1954 erinnern soll. Zudem werden zwei Schmuckumschläge mit Porträts von Karl Mai herausgegeben, und ein Plusbrief individuell beinhaltet im Stempel Mais Porträt.

Die Idee dazu hatte der Forchheimer Reinhard Franz. Der Philatelist hat sich auf thematische Ausstellungssammlungen über Fußball-Weltmeisterschaften spezialisiert. Franz half auch bei der Vorbereitung der Gedenkfeier mit und kümmerte sich um Jenö Buzánsky, der seit vergangener Woche schon in Mittelfranken weilt.