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Hier war Goethe — nie

Von Literaten wurde Fürth nicht gerade überrannt - 08.02.2011 16:00 Uhr

„Fürth war an jenem sonnigen Tage nicht so durchaus zu verachten“, urteilte Ludwig Tieck bei einem Besuch im Jahr 1812. Der Stich, entnommen aus Barbara Ohms Buch „Fürth. Geschichte einer Stadt“, entstand um 1820.Repro: FN


„Von Nürnberg weggerutscht nach Fürth...“, schrieb die Schriftstellerin Irina Liebmann in ihrem Reise-Buch „Letzten Sommer in Deutschland“ von 1997. „Zufällig nach Fürth geraten...total vergammelt“, notierte der poetische Erdkundler Horst Krüger schon 1972 in seinen Aufzeichnungen. Man merkt: Fürth liegt nicht am Weg. Zumindest nicht für Autoren. Wer als Literat in diese Stadt kommt, muss wohl schon einen besonderen Grund haben. Oder er hat sich verfahren, hat Nürnberg, Prag oder Kalchreuth knapp verfehlt.

Für ein ganzes Lesebuch geben die Fundstücke nicht genügend Material her; ignorieren aber sollte man sie auch nicht. Denn immerhin waren es nicht die Unbedeutendsten, die sich nach Fürth verirrten und ihre Eindrücke dann festhielten. Beginnen wir im Zeitalter der Romantik.

Um 1800 herum, als das Wandern auch des Dichters Lust war, taucht der Name der „kleinen, schöneren Schwester Nürnbergs“ (Poet Godehard Schramm) immer wieder auf. Da ist zum Beispiel Wilhelm Heinrich Wackenroder, Mitbegründer der Deutschen Romantik und Autor der „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“. Wackenroder kommt Ende der 1790er Jahre nach Fürth und findet die Stadt „offener als ein Dorf“ vor: „Die Straßen laufen geradezu auf Wiesen und Felder hinaus und nicht das Geringste von Umzäunung zu sehen. Wir aßen Mittag im ,Prinzen von Preußen‘. Gegenüber ist das ,Brandenburgische Haus‘, einer der größten Gasthöfe, die ich je gesehen habe.“

Kollege und Freund Ludwig Tieck meckerte in seiner Märchen- und Novellen-Sammlung „Phantasus“ 1812 zwar seltsamerweise zunächst noch über dieses „Nordamerika von Fürth“ (was auch immer er damit gemeint haben mag), das ihm „neben dem altbürgerlichen, germanischen, kunstvollen Nürnberg“ nicht recht gefallen mochte; ein paar Absätze später aber notierte er, anscheinend ein wenig verwirrt: „Allein Fürth war auch bei alledem mit seinen geputzten Damen, die am Jahrmarktsfest durch die Gassen wandelten, nebst dem guten Wirtshause und der Aussicht aus den Straßen in das Grün an jenem warmen sonnigen Tage nicht so durchaus zu verachten.“ Kärwa-Zeit!

Aus dem Häuschen gerät Tieck sogar, wenn er den fleißigen Handwerkern der Stadt über die Schultern schaut. In einem Brief schreibt er: „Und ich erinnere mich noch mit Freuden des Tages, als wir uns vor vielen Jahren zuerst in Nürnberg trafen, und wie einer deiner ehemaligen Lehrer, der dich dort wieder aufgesucht hatte und für alles Nützliche, Neue, Fabrikartige fast phantastisch begeistert war, dich aus den dunklen Mauern nach Fürth führte, wo er in den Spiegelschleifereien, Knopfmanufakturen und allem klappernden und rumorenden Gewerbe wahrhaft schwelgte und deine Gleichgültigkeit ebenfalls nicht verstand und dich fast für schlechten Herzens erklärt hätte, da er dich nicht stumpfsinnig nennen wollte: endlich bei den Goldschlägern lebtest du zu seiner Freude wieder auf.“

Auf jeden Fall hat Fürth seinerzeit seine Besucher sehr freundlich und warmherzig empfangen. Denn nicht nur Wackenroder spricht vom eher dörflichen, einladenden Charakter der Stadt, auch Ernst Moritz Arndt — der eigentliche „Ruhm“ dieses Dichters und Denkers freilich gründet sich auf bisweilen antisemitische Schriften — stellte bei seinem Zwischenstopp auf der Reise von Bayreuth nach Wien 1798 fest: „Fürth ist eine offene Stadt, wie ein Dorf, in tiefem Sande gelegen und in den stumpfen Winkel hineingebaut, den die Pegnitz und Rednitz hier bei ihrer Vereinbarung bilden... Einige sehr gerade, breite und hübsche Gassen, aber die anderen haben ein desto unangenehmeres und widrigeres Aussehen... Die Häuser sind meistens von dem gelblicht weißen Sandstein gebaut wie die Erlanger, und wie diese, meistens zwey, drey Stock hoch. Die Stadt ist bloß Fabrikstadt, und ein Ableger von Nürnberg, denn mit dessen Sinken hat diese angefangen zu steigen, und soll sich noch immer aus Nürnberg rekrutiren... Die Stadt ist nicht groß, soll aber volksreich seyn. Von dem heutigen Gewimmel darf man eben keinen Schluß machen, und ist in einer Fabrikstadt eben ein großes Getümmel, wie an einem Handwerksorte...“

Derartig proletarische Bodenständigkeit musste sensible Schöngeister naserümpfend und zwangsläufig wieder aus den engen Gassen verscheucht haben. Jacob Grimm, Bruder von Wilhelm, machte da im Jahr 1838 eine Ausnahme, wohl nicht zuletzt, weil er in den Genuss einer bahnbrechenden technischen Neuerung kam: „Ich trieb mich in der weiten Stadt Nürnberg herum... Nachmittags war ich auf der Eisenbahn nach Fürth, wohin man in zehn bis zwölf Minuten gelangt. Eine neue, aufblühende Stadt, die recht von dem althertümlichen Nürnberg absticht. Überall aber steht dieses im Vorteil. Ermüdet und auf die Rückkehr des Dampfwagens wartend, ruhte ich in einem Birkenwäldchen eine Viertelstunde von Fürth aus. Auf der Eisenbahn schüttern und rauschen die Räder. Es geht sehr schnell, es mag aber die Leipziger Bahn noch schneller gehen, weil bei der kurzen Strecke die Maschine keinen rechten Schwung nehmen kann.“

Bei Clemens von Brentano („Des Knaben Wunderhorn“) wiederum findet sich in „Gockel, Hinkel, Gackeleia“ — es handelt sich hier um ein „Mährchen“, wie der Autor schreibt — eine Passage, die auf das große internationale Ansehen jüdischer Gelehrter hinweist, die es über Jahrhunderte hinweg in Fürth gab: „Wie haben wir muessen laufen von Heddernheim nach Krakau, von Krakau nach Bockenheim, von Bockenheim nach Constantinopel, von Constantinopel nach Fuerth, von Fuerth nach Jerusalem, von Jerusalem nach Worms, von Worms nach Cairo, von Cairo wieder nach Heddernheim und von Heddernheim wieder in die ganze Geographie, laufen, laufen um zu lernen die Kabbala, Gicks, Gacks und Kikriki, die grosse Alektryomantie, bis wir endlich den Spruch auf dem Grabstein in der Burg Gockels verstehen konnten.“

Hofmedailleur trifft Dichterfürst

Ach ja — und Goethe? Es gibt ja kaum einen noch so abgelegenen Ort in Deutschland, wo nicht eine Tafel mit „Hier speiste...“, „Hier schlief...“ oder „Hier schneuzte sich...“ angebracht ist. Der Herr Geheimrat war halt viel unterwegs. In Fürth aber sucht man solch einen Hinweis vergeblich. Goethe war nie hier. Daraus Rückschlüsse auf die intellektuelle Verfassung der Stadt zur Zeit der Klassik zu ziehen, wäre allerdings zynisch.

Immerhin hielt er sich im November 1797 in Nürnberg auf, wagte aber nicht den Sprung über die Stadtgrenze, sondern blieb im „Roten Hahn“ hängen und scharte Bewunderer um sich. Bei einem der Essen lernte er dann doch zumindest einen waschechten Fürther kennen und notierte das in seinem Tagebuch: „Hofjuwelier Reich von Fürth“. Dieser Johann Christian Reich war ein honoriger und kunstfertiger Bürger, den Markgraf Carl Alexander zum Hofmedailleur ernannt hatte.

Reich soll, so berichtet der alte Wackenroder, der ihn wiederum nun wirklich in Fürth antraf, gerne mit seinen Bekanntschaften geprahlt haben. Warum also, so fragt man sich, hat der Herr Hofmedailleur dann nicht zumindest an seinem Haus in der Alexanderstraße 22 nach 1797 eine Tafel anbringen lassen, etwa mit dem Wortlaut: „Hier wohnt einer, der schon mal mit Goethe beim Braten saß“?

(Ein zweiter Teil der „literarischen Spurensuche“ folgt.)

  

Bernd Noack

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