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Mittwoch, 17.07.2019

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Hilfe bei Demenz: Wenn alles anders ist

Im Fürther Klinikum lernen Angehörige, den Alltag zu meistern - 20.06.2019 16:00 Uhr

Sie wollen die Angehörigen unterstützen: Gabriela Hügel und Andreas Weggel.


Es gibt Menschen, die sind uns so vertraut, dass wir glauben, sie in- und auswendig zu kennen. Umso erschreckender, wenn der Partner, die Eltern oder Großeltern sich mehr und mehr verändern. Dass jemand mit zunehmendem Alter vergesslich wird, mag man ja noch hinnehmen. Doch was ist, wenn derjenige sich zurückzieht, ängstlich wird, reizbar, misstrauisch, aggressiv? Auch das sind Symptome einer möglichen Demenz, einer Erkrankung, die es in vielen Formen gibt.

Für die Menschen, die sich um die Betroffenen kümmern und sorgen, ist es schwer, mit der Situation umzugehen. "Das Thema Demenz ist sensibel und oft mit Scham behaftet", sagen Gabriela Hügel und Andreas Weggel. Die beiden gerontopsychiatrischen Fachkräfte führen im Bildungszentrum des Klinikums als Trainer durch das Schulungsprogramm "EduKation demenz".

Bei zehn aufeinander aufbauenden Terminen unterstützen die beiden speziell ausgebildeten Trainer die Kursteilnehmer unter anderem darin, die Beziehung zu dem betreuten Menschen dank größerem Verständnis zu verbessern. Ein wichtiger Punkt ist aber nicht zuletzt, die eigene Rolle zu erkennen, um die Belastung tragbarer zu machen.

"Jede Demenz ist individuell, jeder geht einen ganz persönlichen Weg", machen Gabriela Hügel und Andreas Weggel klar. "Aber wir können eine Art von Handwerkszeug vermitteln, das dann eine gewisse Sicherheit im Umgang mit den Kranken gibt." Die Gruppengespräche finden in einem geschützten Rahmen statt, Vertraulichkeit ist selbstverständlich.

Gefühle werden nie dement

Das Schulungsprogramm "EduKation demenz" wurde von Sabine Engel entwickelt. Der Professorin geht es unter anderem darum, Brücken zu bauen zu Menschen mit Demenz und den versorgenden Angehörigen Unterstützung, Entlastung und Beratung zu bieten. Pflegewissenschaftlerin Andrea Müller, die die Schulungen am Klinikum koordiniert, empfindet eine Erkenntnis als besonders wichtig: "Gefühle werden nie dement." Auch wenn die Welt des Denkens schwindet, die große Palette der Emotionen bleibt erhalten – selbst wenn der Patient es vielleicht nicht mehr direkt ausdrücken kann.

Für die Teilnehmer ist es erleichternd, mit Menschen zu sprechen, die Ähnliches erleben. Die Chance, sich zu vernetzen, bedeutet Aussicht auf Austausch und Verständnis, auch wenn jede Geschichte anders ist. Da ist zum Beispiel die Frau, die kurz, nachdem ihr Mann in Rente gegangen war, feststellte, dass seine Vergesslichkeit über das übliche Maß hinaus ging. "Als der Arzt vom Verdacht auf Demenz sprach, dachte ich zuerst: Warum ich?" Doch schon bald darauf habe sie überlegt: "Warum eigentlich nicht ich?" Schließlich trifft die Diagnose viele Menschen.

Eine andere Teilnehmerin erzählt: "Ich habe erst hier richtig gemerkt, dass ich dabei war, mich an dieser Erkrankung aufzuarbeiten."

"Man beobachtet dauernd seinen Partner"

Das Erschrecken in dem Moment, als sie merkte, dass ihr Mann den Alltag nicht mehr in allen Belangen bewältigen kann, ist einer weiteren Frau noch immer gegenwärtig: "Da hat er beim Einkauf nach dem Bezahlen alles komplett stehen lassen. Das Brot, den Adventskranz . . ." Zur Sorge kommt die Unsicherheit: "Man beobachtet dauernd seinen Partner."

Als sehr positiv hat sie erlebt, dass fremde Menschen Verständnis zeigen und schon mal unaufgeregt helfen. Trotzdem sei die Belastung groß: "Ich habe mich in der ersten Zeit furchtbar aufgeregt." Nach den Kursabenden sei es ihr gelungen, einen gewissen, gesunden Abstand zu der Krankheit zu bekommen. Sie überlegt: "Das ist auf keinen Fall herzlos gemeint. Aber es hilft uns beiden, wenn es mir gelingt, gelassener mit seiner Demenz umzugehen."

Näheres zu weiteren Schulungen unter Tel. (09 11) 75 80 60 02 oder -60 03, per Mail: bildungszentrum@klinikum-fuerth.de

Die Kosten werden von den meisten Krankenkassen übernommen. 

SABINE REMPE

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