Mitgliederboom

In der Pandemie sind Fürther Kleingärten heiß begehrt

11.10.2021, 06:00 Uhr
Das Glück unterm Apfelbaum: Die Kleingarten-Anfänger Britta und Dominik sind hochzufrieden mit dem Fleckchen Natur, das sie endlich ergattert haben.

Das Glück unterm Apfelbaum: Die Kleingarten-Anfänger Britta und Dominik sind hochzufrieden mit dem Fleckchen Natur, das sie endlich ergattert haben. © Foto: Florian Burghardt

Schaufel für Schaufel kippt Renate van Gerrisheim den Pflanzenabschnitt durch ihr großes Sieb. Bevor daraus guter Kompost werden kann, müssen die größeren Holzreste aussortiert werden. Das Endprodukt verteilt die 74-Jährige dann in allen ihren Beeten, sei es für die Blumen oder die Paprikapflanzen. Etwa 40 bis 50 Stunden pro Woche – meist nur zum Arbeiten, wie sie betont – verbringt die Witwe in ihrem Schrebergarten im Fürther Osten.

Ihre Parzelle in der Dauerkleingartenanlage Espan II beackert sie schon seit 46 Jahren. Rasenmähen, Beete umgraben, Obst, Gemüse und bunte Blumen ziehen – was für die erfahrene Kleingärtnerin Jahr für Jahr auf dem Programm steht, wird ganz offenbar auch für immer mehr Einsteiger interessant.

"Man kann schon von einem Mitglieder-Boom während der Pandemie sprechen", sagt Ralf Franz, erster Vorstand des Stadtverbands der Kleingärtner Fürth und Umgebung. Vor Corona habe man etwa 110 Anmeldungen pro Jahr registriert, 2020 waren es dann über 200. "Und jetzt sind es nach dem dritten Quartal schon 185", so Franz.

Sieben, bis guter Kompost herauskommt: Die 74-jährige Kleingarten-Veteranin Renate van Gerrisheim werkelt 40 bis 50 Stunden pro Woche hier.

Sieben, bis guter Kompost herauskommt: Die 74-jährige Kleingarten-Veteranin Renate van Gerrisheim werkelt 40 bis 50 Stunden pro Woche hier. © Foto: Florian Burghardt

Sein Verband verwaltet 31 Anlagen mit derzeit 1528 Parzellen und 1509 Mitgliedern. "Viele leben in Wohnungen ohne Garten oder Balkon. Im Lockdown haben sie festgestellt, wie wertvoll ein eigenes grünes Fleckchen gewesen wäre", weiß Franz aus den Erzählungen zahlreicher Neuanwärter. Um in den Genuss eines Schrebergartens zu kommen, müsse man aktuell zwei bis drei Jahre Vorlauf einplanen.

Vor der Pandemie war die Wartezeit nur halb so lang – "aber jetzt stehen über 500 Bewerber auf der Liste", berichtet Franz. Die Mixtur spiegele die Gemeinschaft der Kleingärtner aber treffend wider. Denn entgegen mancher Klischeevorstellung handle es sich eben nicht nur um deutsche Rentner, sondern um ein multikulturelles Miteinander und verschiedenste Altersgruppen.

"Wir waren überglücklich"

Zwei, die den Einstieg schon geschafft haben, sind Britta und Dominik. Allerdings hatte das Paar bereits vor der Pandemie auf der Warteliste gestanden. "Wir waren überglücklich, als es im Juni dann endlich geklappt hat. Jetzt kommen wir fast täglich her und genießen unseren Garten", schwärmen sie.

Mit der Parzelle haben sie auch die Apfelbäume und Weinreben übernommen, die sich dort befinden. Eigenen Apfel- und Traubensaft herzustellen, finden sie prima – allerdings haben sie auch gar keine andere Wahl, denn das Bundeskleingartengesetz macht Nutzern ganz konkrete Vorgaben. "Ein Drittel der Fläche muss laut Gesetz für den Anbau von Obst und Gemüse verwendet werden. Wer nichts anbauen will, bekommt auch keinen Kleingarten", erklärt Vorstand Franz.

Hält man sich im Nachhinein nicht an die Verpflichtung oder lässt das Grundstück verwahrlosen, kann das sogar zur Räumung der Laube mitsamt Gerichtsvollzieher führen. Das komme zum Glück aber nur alle paar Jahre vor, heißt es von Verbandsseite.

Die Verwaltung der Parzellen und die Bearbeitung der Anträge macht reichlich Arbeit. Auf 30 bis 40 Stunden pro Woche bringt es der ehrenamtliche Vorstand in Fürth. "Wäre ich noch berufstätig, könnte ich das nicht stemmen", sagt Franz. Überwiegend morgens gehen die Sitzungen mit Vertretern der Stadt über die Bühne.

Der Kommune gehören die Flächen, auf denen sich die Kleingärten befinden, der Verband fungiert lediglich als Pächter. Knapp 400 Euro im Jahr kostet den Endnutzer eine Musterparzelle mit rund 300 Quadratmetern, inklusive Strom und Wasser, Versicherung, Mitgliedsbeitrag und Schneeräumdienst.


Ausgezeichnet: Ein buntes Paradies am eigenen Haus


Aufgrund der wachsenden Nachfrage sei man zwar immer auf der Suche nach neuen Flächen. Vor dem Hintergrund des Wohnraumbedarfs in der Stadt strebe man aber auch kein Wachstum um jeden Preis an. "Wer weiß, ob die Nachfrage nicht irgendwann aufhört. Wir wollen nicht, dass die Anlagen dann brachliegen", betont Franz.

Kein Druck von Bauherren

Etwa ein Prozent der städtischen Flächen nehmen die Kleingärten derzeit ein. Druck, einen Teil davon als Bauland freizugeben, bekomme der Stadtverband aber von keiner Seite. Vielmehr fühle man sich gut integriert in die Kleeblattstadt – und auch ein bisschen als deren "grüne Lunge".

Aus dieser Überzeugung heraus hat sich der Stadtverband mit seinen Anlagen Espan I und Espan II für den Wettbewerb "Gärten im Städtebau 2021" angemeldet. In dessen Rahmen will der Landesverband der Kleingärtner besonders schöne, nachhaltige und sozial verträgliche Anlagen auszeichnen.

Ob die Fürther Vertreter dabei bayernweit vorne mitspielen, wird sich erst im Dezember zeigen.

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