Reaktionen aus Fürth

In Sorge um Afghanistan: "Man muss für die Menschen beten"

17.8.2021, 21:00 Uhr
Hunderte Menschen versammelten sich an einer Absperrung des internationalen Flughafens in Kabul. Am Montag war es dort zu Chaos gekommen.

Hunderte Menschen versammelten sich an einer Absperrung des internationalen Flughafens in Kabul. Am Montag war es dort zu Chaos gekommen. © Foto: AFP

Uwe Kekeritz, Bundestagsabgeordneter der Grünen und deren Sprecher für Entwicklungspolitik:

"Ich verstehe nicht, wie die Entwicklung die Verantwortlichen überraschen konnte. Der Siegeszug der Taliban war vorhersehbar, und dabei spielt es keine Rolle, ob es nun eine oder drei Wochen gedauert hätte. Wir Grünen haben bereits im Juni einen Antrag im Bundestag eingebracht, die afghanischen Ortskräfte herauszuholen, der aber von den Koalitionsfraktionen abgelehnt wurde.

Wenn ich höre, dass jetzt beim ersten Evakuierungsflug gerade mal sieben Personen an Bord waren, während die Amerikaner mit vollen Maschinen weg sind, dann fehlen mir die Worte. Diese Leute haben jahrelang für Deutschland gearbeitet. Das ist zynisch und bodenlos. Wie es im Land weitergeht, ist schwer zu sagen, aber ich befürchte eine Rolle rückwärts – dass etwa die Freiheitsrechte, gerade der Frauen und Mädchen, massiv beschnitten werden. Für mich steht fest: Dieser Afghanistan-Einsatz war ein absoluter Fehlschlag."

André Hermany, katholischer Dekan, hatte 2014 in St. Otto 40 jugendliche Geflüchtete aufgenommen:

"Ich verfolge die Entwicklungen jeden Tag in den Nachrichten und bin fassungslos über die Ohnmacht angesichts dieser Bilder. Dass sich Menschen an Flugzeuge klammern und in die Tiefe stürzen, ist so dramatisch. Es ist schlimm, dass Afghanistan nun um 200 Jahre zurückfällt. Frauen werden nichts anderes mehr sein als Gebärmaschinen, ohne das Recht, etwas zu äußern oder über Männer zu bestimmen.

Ich finde es erschütternd, dass man es nicht fertig bringt, die Menschen zu retten, für die man eine moralische Verpflichtung hat. Und man weiß nicht, was mit jenen passiert, die zurückbleiben müssen. Das ist wie bei der Titanic, die untergeht, und man kann nur dabei zugucken. Man möchte brüllen vor Wut, denn die Grünen haben schon vor Monaten gesagt, dass etwas getan werden muss. Doch das wurde einfach in den Wind geschlagen. Parteizugehörigkeit sollte nicht zählen, wenn es um Menschenleben geht. Ich komme mir blöd und untätig vor, weil ich nur sagen kann: Man muss für die Menschen beten."

Christian Schmidt, Bundestagsabgeordneter der CSU, von 2005 bis 2014 Parlamentarischer Staatssekretär im Verteidigungs- und im Entwicklungsministerium:

"Wenn ich die Bilder sehe, geht mir unheimlich viel durch den Kopf. Ich war viele Male dort, kenne viele der Orte: Kundus und Masar-i-Scharif, den Flughafen in Kabul, das Besprechungszimmer im Präsidentenpalast, in dem jetzt die Taliban posieren – das gibt mir einen Stich ins Herz. Ich habe die Entscheidung Trumps, so schnell rauszugehen, für falsch gehalten. Man hätte das viel langsamer machen müssen, vielleicht wäre dann etwas zu gewinnen gewesen. Mich hat aber überrascht, wie schnell neben der militärischen auch die politische Struktur zusammengebrochen ist. Dass ein Präsident als Erster flieht, ohne Verhandlungen, das findet man selten. Man weiß noch nicht, welche Rolle auswärtige Kräfte gespielt haben.

Jetzt muss man retten, was noch zu retten ist. Bei mir hat sich ein früherer Minister der afghanischen Regierung gemeldet, der nicht weiß, ob er die nächsten Tage überlebt. Oder eine Familie aus Deutschland, die nur für eine Trauerfeier nach Afghanistan zurückgekehrt ist. Das ist sehr bewegend. Man versucht, über seine Kontakte irgendetwas zu erreichen, aber wer das Chaos auf dem Flughafen gesehen hat, weiß, dass wir an einem kurzen Hebel sitzen. Die Grünen haben den Afghanistaneinsatz begonnen und mitgetragen. Da sollte man mit Kommentaren vorsichtig sein. Ein Großteil der Ortskräfte wurde bereits herausgeholt, mit ihren Familien – aber ja, man hätte das noch schneller machen sollen. Wenn der Flughafen in den kommenden Tagen gesichert ist, wird es noch Möglichkeiten geben; auch Geld ist in Afghanistan keine unbekannte Größe."

Sheralam, 21, flüchtete 2015 aus Afghanistan nach Deutschland:

"Ich kann nicht mehr schlafen, ich bin ganz durcheinander. Meine Familie ist in Afghanistan, meine Mama weint am Telefon, sie bitten mich, zu helfen. Aber was kann ich tun? Ich habe kein Flugzeug. Ich werde Geld schicken, damit sie flüchten können, in die Türkei, USA, irgendwohin. Ich verstehe nicht, warum die Amerikaner und die Deutschen nicht geblieben sind. Warum ging der Präsident einfach weg? Warum sagte er den Soldaten nicht: Kämpft! Das kommt mir geplant vor.

Ich habe vier Schwestern, es wird jetzt sein wie vor 30 Jahren. Auch mein Bruder hat Angst, er war Soldat vor ein paar Jahren, die Taliban drohten meinem Papa damals, dass sie mich holen, wenn er nicht aufhört. Ich bin dann geflüchtet, er hat aufgehört."

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