Inklusion stellt Lehrer vor große Herausforderungen

16.11.2012, 22:00 Uhr
Der Unterricht wird individualisiert: Jedes Kind bekommt eine Aufgabe, an der es wachsen kann.

Der Unterricht wird individualisiert: Jedes Kind bekommt eine Aufgabe, an der es wachsen kann. © Winckler

Hinter dem spröden Namen Inklusion steckt ein schöner Gedanke: Alle sollen dazugehören, mitmachen können, sollen einen Platz in der Mitte der Gesellschaft haben statt am Rand. Und zwar: mitsamt ihren unterschiedlichen Fähigkeiten. Kinder mit körperlichen Behinderungen, Lernschwächen oder geistigen Einschränkungen sollen in Regelschulen willkommen sein.

In der Pestalozzi-Schule ist das seit langem ein Anliegen. Als der Freistaat 2011 beschloss, dass sich die bayerischen Schulen auf den Weg in Richtung Inklusion machen sollen, war man in dieser Grund- und Mittelschule in Fürth schon ein gutes Stück voraus. Kinder mit und ohne Behinderung lernen an der „Pesta“ seit zehn Jahren zusammen. Zwei so genannte Partnerklassen gibt es zurzeit: eine in der dritten Jahrgangsstufe, eine in der siebten. „Pesta“-Schüler sitzen dabei neben Mädchen und Jungen aus der Hallemann-Schule.

Das Beispiel der dritten Klasse zeigt, wie eng so eine Kooperation zwischen einer Regel- und einer Förderschule aussehen kann: 18 bis 20 Stunden von 28, die pro Woche auf dem Stundenplan der Drittklässler stehen, verbringen die Schüler gemeinsam. Die beiden Lehrerinnen stimmen sich dabei eng ab, wie sie den Heimat- und Sachunterricht und die Fächer Religion, Musik, Sport und Kunst gemeinsam so gestalten, dass alle Schüler etwas davon haben. Wenn es beispielsweise um das Thema Wald geht, werden Lernstationen mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden vorbereitet; jedes Kind soll an der passenden Aufgabe wachsen können.

„Die Kinder sind total motiviert und engagiert“, sagt Lehrerin Myriam Kunze über ihre Hallemann-Schüler. „Sie sehen bei den Mitschülern, was sie gerne können würden.“ Nicht Frust sei im Regelfall die Folge, sondern Lerneifer. Brigitte Daubner-Marcordes, Leiterin der Hallemann-Schule, spricht von einem „Zugehörigkeitsgefühl“, das ganz wichtig für die Entwicklung der Kinder sei. Die Mitschüler ohne Behinderung eignen sich derweil wichtige Sozialkompetenzen an: „Für sie ist es ganz selbstverständlich, jemandem zu helfen oder mal abwarten zu können“, sagt Kunze.

Golf, Rudern, Klettern

Neben den Partnerklassen gibt es an der Pestalozzi-Schule ebenfalls seit längerem Angebote im Rahmen der Ganztagsbetreuung, die Kinder mit und ohne besonderen Förderbedarf gemeinsam wahrnehmen: Sie spielen zusammen Golf, fahren Inlineskates, gehen Klettern oder Rudern.

Schulreferent und Bürgermeister Markus Braun spricht von einem „reichen Erfahrungsschatz“, den die Schule gesammelt hat. So war es nur logisch, dass sie der Freistaat im Sommer 2011 zu einer von 37 „Profilschulen Inklusion“ machte. Diese Schulen sind die Vorreiter in Sachen Inklusion und werden zurzeit auch als Ratgeber für andere Schulen gebraucht.

Denn der Inklusionsgedanke geht über die Partnerklassen hinaus: Inklusion heißt, dass auch in Regelklassen Kinder sitzen, die früher wohl schnell an eine Förderschule geschickt worden wären. Jungen und Mädchen mit körperlichen Behinderungen, Kinder, die verhaltensauffällig sind oder in ihrer Entwicklung verzögert. Inklusion soll nicht nur an speziellen Profilschulen, sondern theoretisch an allen Regelschulen stattfinden.

Alle zwei Wochen hat die „Pesta“ aus diesem Grund zurzeit Besuch im Haus: von Schulleitern, Lehrern und Vertretern von Lehrerverbänden, die sich informieren wollen, welche Erfahrungen die Schule gesammelt hat. Viele Lehrer, so ist in Medienberichten zu lesen, fühlen sich mit der neuen Aufgabe allein gelassen.

Für sie ändert sich mit der Inklusion einiges: Manchmal sitzen drei verhaltensauffällige Kinder in der Klasse, die sich nicht lange konzentrieren können, die Mitschüler ablenken. Auch müssen sich die Lehrer daran gewöhnen, dass einzelne Kinder auf Schulbegleiter angewiesen sind: Plötzlich sind also Erwachsene mit im Unterricht. Zwar werden die Lehrer regelmäßig von Sonderschullehrern unterstützt und beraten, doch deren Stundenbudget ist eng begrenzt.

Etwas großzügiger bemessen ist es an den Profilschulen. 28 zusätzliche Lehrerstunden hat die „Pesta“ mit dem Titel „Profilschule Inklusion“ gewonnen. Sie ermöglichen, dass Kinder mit besonderem Förderbedarf auch mal aus den Regelklassen herausgeholt werden können, um ihnen den Stoff besser erklären zu können. Rektor Thomas Bauer ist dankbar für diese Stunden, für die Fachkräfte von der Otto-Lilienthal-Schule an die „Pesta“ kommen. Wünschen würde er sich freilich noch mehr davon.

Am Montag, 26. November, veranstaltet der BLLV-Kreisverband eine Podiumsdiskussion, unter anderem mit Vertretern des Kultusministeriums, zum Thema Inklusion. Los geht es im Saal des elan, Kapellenstraße 47, 18 Uhr.

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