Montag, 18.11.2019

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Innenstadt verschwindet hinter der Lärmschutzwand

An der Brücke über der Schwabacher Straße stößt die braune Alukonstruktion auf besonders große Ablehnung - 03.01.2012 11:00 Uhr

Die halbfertige Lärmschutzwand schiebt sich wie ein Riegel zwischen Innenstadt und Südstadt. Im Bereich der Brücke über der Schwabacher Straße soll immerhin der obere Teil der Wand transparent werden. © Günter Distler


Sollten irgendwo in Deutschland gerade städtische Planer über Farbpaletten sitzen und über neue Lärmschutzwände nachdenken, könnten sie sich in Nürnberg und Fürth Rat holen. Im Nürnberger Stadtteil Werderau würde man ihnen dringend von grauen Wänden, verziert mit einem roten Streifen, abraten. Sie habe das Gefühl, „da parkt ein ICE direkt vor meinem Küchenfenster“, sagte eine Anwohnerin jüngst den Nürnberger Nachrichten, andere klagen, sie kommen sich vor wie im Gefängnis — dabei sei der Lärm auf rätselhafte Weise schlimmer als zuvor.

Auch in der Kleeblattstadt könnte man anderen Kommunen bei der Farbplanung helfen: Zum absoluten Tabu würden viele Fürther wohl jenen ockerfarbenen Ton erklären, der in der RAL-Farbpalette die Bezeichnung „1011, Braunbeige“ trägt — den Ton also, den das Fürther Stadtplanungsamt, nichts Schlimmes ahnend, vor einiger Zeit ausgewählt hat. Seit dem Frühjahr wissen etliche Fürther, dass braunbeige keine gute Farbe für Lärmschutzwände ist.

Zur Erinnerung: Kaum waren die ersten Meter errichtet, stieß der neue Lärmschutz auf Kritik (wir berichteten). Stadtheimatpfleger Alexander Mayer etwa sprach von einer „Katastrophe fürs Stadtbild“, der Fürther Baukunstbeirat sorgte sich um Bahnfahrer, für die das „kein schöner Empfang“ sei. Auch Ernst Ludwig Vogel, Mitglied der Landesarbeitsgemeinschaft Architektur und Schule, meldete sich zu Wort und nannte die Wand eine „Gemeinheit“.

Seiner neuen Verärgerung hat Vogel nun in einem Brief an den Oberbürgermeister Luft gemacht. Wenigstens bei den Brücken hätte die Stadt einen transparenten Lärmschutz durchsetzen müssen. Weil das nicht geschehen sei, werde nun die Brücke über der Schwabacher Straße „zugemauert“, „mit dem katastrophalen, völlig unsensiblen Effekt“, dass der Blick von der Innenstadt in Richtung Süden „völlig verstellt wird“. Vom Süden kommend behindert die Wand die Aussicht auf die Comödie und die Fußgängerzone.

Dass die Alu-Konstruktion, die auf der Brücke bislang erst etwa halb so hoch ist wie geplant, kein schöner Anblick sei, das gibt auch Baureferent Joachim Krauße unumwunden zu. Am liebsten, sagt Krauße, hätte auch die Stadt Transparenz an dieser sensiblen Stelle gehabt. Schon 1996, während das Planfeststellungsverfahren lief, habe sie sich dafür ausgesprochen. Man wollte verhindern, dass die Innenstadt von der Schwabacher Straße aus wie abgeriegelt wirken würde. Eine gänzlich transparente Wand auf der Brücke aber habe die Bahn abgelehnt, mit dem Hinweis, dass sie zu

schnell verschmutzen würde. Immerhin einigte man sich auf einen Kompromiss, den Krauße nach wie vor für „vertretbar“ hält: Die unteren zwei Meter sollen farbig, die oberen 1,50 Meter transparent werden.

Unerwartet aufdringlich

Freilich: Die Farbe der Lärmschutzwand, über die in Fürth viel geschimpft wurde, hält auch der Baureferent für „nicht optimal“. Ein „eher gedecktes Braun“ habe man sich vorgestellt, als man 2008 den Farbton auf einem Papierausdruck auswählte. Auf der großen Fläche wirke die Farbe nun unerwartet „aufdringlich“, zumindest jetzt noch, solange die Konstruktion „funkelt und glänzt“ und noch keine Patina angesetzt hat. „Wenn sich etwas Neues ins Stadtbild einfügt, ist das aber immer gewöhnungsbedürftig.“

Krauße betont, dass sich die Stadt eine Wand aus Holz oder Beton gewünscht hatte, aber die Bahn auf Metall bestanden habe. An den Farbton werde man sich gewöhnen, ist sich Krauße sicher. Gelernt habe man aus der Sache aber zweifellos etwas: „Die Erfahrung zeigt, dass wir bei solchen großen Bauwerken unsere Auswahl in Zukunft tunlichst nicht anhand von Proben am Schreibtisch treffen sollten, sondern draußen vor Ort, anhand eines großflächigen Musters.“

Claudia Ziob

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