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Intensive Hilfe für Hartz-IV-Familien

Bundesweites Pilotprojekt „Tandem“ zeigt erste Erfolge — Betroffene Mutter ebenso begeistert wie Ministerin - 21.09.2011 11:00 Uhr

Verdanken „Tandem“ ein neues Lebensgefühl: Elke Vetter und ihr Sohn Nico, hier bei einer stürmischen Umarmung. Der Achtjährige ist stolz auf seine arbeitende Mutter, auch wenn ihr jetziger Job nicht von Dauer ist. © Hans-J. Winckler


Eine schlimme Erinnerung für Elke Vetter ist die an den Tag, als ihr Sohn Nico (8) in der Schule aufschreiben sollte, was seine Eltern beruflich machen. Nico schrieb nichts. Seiner Mutter erklärte er das so: „Was der Papa macht, weiß ich nicht, und du machst ja nix.“ Der erschütternde Satz dürfte Elke Vetter ebenso unvergesslich sein wie Nicos Freudenruf, als sie ihm sagte, dass sie nun arbeiten gehen werde. „Seine Augen, das war totale Freude“, sagt die Mutter und gesteht, dass ihr da so richtig klar wurde, wie sehr ihre Arbeitslosigkeit ihr Kind belastet hat.

Die 46-Jährige hat nie einen Beruf gelernt, doch mit unterschiedlichen Jobs hat sie immer ihr eigenes Geld verdient. Das änderte sich, als sie Mutter wurde. Nico war drei, als sein Vater die Familie verließ. Als Alleinerziehende wurde Vetter zum Sozialfall, Depressionen stellten sich ein. „Als Mutter habe ich funktioniert, aber sonst war ich kraftlos und passiv.“ Davon ist im FN-Gespräch nichts zu spüren. Im Gegenteil: Elke Vetters Augen sprühen vor Begeisterung, wenn sie erzählt, wie gern sie früh aufsteht und wie gern sie morgens ihren Job antritt, eine staatlich geförderte Stelle. In der Grundschule und im Hort des Humanistischen Verbands Deutschland erledigt sie zurzeit vor allem hauswirtschaftliche Arbeiten. 

Sozial- und Kinderbetreuung

Dass sie in der Arbeitswelt wieder Tritt gefasst hat, verdankt Vetter „Tandem“. Nach der Quelle-Insolvenz hat der Freistaat 100 Millionen Euro Aufbauhilfe für die angeschlagene Wirtschaftsregion Nürnberg angekündigt. Zehn Millionen davon waren und sind laut Haderthauer gedacht für die intensive Hilfe, die „Tandem“ Langzeitarbeitslosen bietet. Denn mit der Unterstützung des Landes und der Bundesagentur für Arbeit (7,8 Millionen Euro) sollen nicht nur die Jobcenter von Nürnberg und Fürth Hartz-IV-Empfänger in Lohn und Brot bringen. Das Besondere, schwärmt Haderthauer: Der Arbeitslose stehe mit seiner Familie „im Fokus“. Es gibt eine umfassende Sozial- und Kinderbetreuung. Mal wird ein Schwimmkurs für den Sohn finanziert, mal ein Schweißkurs für den Vater. Die Projekte sind vorerst auf drei Jahre befristet. Bis Juni 2013 können 750 Familien betreut werden — 600 in Nürnberg, 150 in Fürth. Nach Angaben von Projektleiter Horst Ohlsen haben in der Kleeblattstadt bisher 72 Familien Tandem durchlaufen oder sind aktuell dabei. Sieben Männer bzw. Frauen in Fürth (Nürnberg: 15) haben inzwischen feste Jobs — als Friseurin, Funker, Fahrer.

Ohlsen hält die Quote von zehn Prozent für einen „beachtlichen Erfolg“, wenn man bedenke, dass in vielen Fällen gesundheitliche, sprachliche und andere Probleme eine Rolle spielten. „Oft geht es ja darum, die Menschen dahin zu bringen, dass sie überhaupt wieder daran denken, eine Arbeit aufzunehmen.“

Eine vorübergehende teure Betreuung, betonte Haderthauer, sei besser als zwanzig Jahre Arbeitslosigkeit. Bestärkt in ihrer Haltung wurde sie von Elke Vetter. „Mein Kind ist jetzt so stolz auf mich“, sagte die Fürtherin den FN, und so muss sie das auch der Ministerin berichtet haben. Für die zeigt sich daran, wie wichtig es ist, dass Kinder ihre Eltern als Vorbild erleben und nicht jahrelang arbeitslos. Ihren Job hat Elke Vetter bis Dezember. Sie ist zuversichtlich, dass sich danach eine Perspektive auftut. 

BIRGIT HEIDINGSFELDER

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