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Käferalarm: Experte warnt Frankens Waldbesitzer vor Plage

Fachmann aus Langenzenn fordert Wachsamkeit - Wald ist geschwächt - 20.04.2019 19:08 Uhr

Der Borkenkäfer ist für Waldbesitzer eine echte Plage © Frank Leonhardt/dpa


Raymund Filmer, 60, ist seit 1986 der für Langenzenn zuständige Forstdienststellenleiter am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Fürth. Seit Anfang der 2000er Jahre ist es eine fast regelmäßige Übung für ihn, im Frühjahr Käferalarm zu schlagen. So auch jetzt. Warum das so ist und wie es dem Wald geht, erklärt Filmer im Interview.

Fünf Borkenkäferfallen hat Förster Raymund Filmer bei Kirchfembach installiert, um die Aktivität der Baumschädlinge zu überwachen. Bayernweit gibt es 133 solcher Lockstationen, mit deren Daten die Forstbehörden ein Warnsystem bestücken. © Andre De Geare


Borkenkäfer, Buchdrucker, Kupferstecher, Kiefernprachtkäfer: Schaffen Sie doch mal Durchblick im Getümmel unter der Rinde.

Borkenkäfer ist der Überbegriff für alle Schädlinge, die Nadelbäume zwischen Rinde und Holz befallen. Die Hauptschädlinge bei der Fichte sind der Buchdrucker und der Kupferstecher, denen eine unheimliche Vermehrungsrate zu eigen ist. Sie haben die Unart, Duftstoffe abzusondern, wenn sie einen Baum befallen haben. Damit locken sie Artgenossen weiträumig an. Deshalb gilt auch die Regel, befallenes Holz in mindestens 500 Meter Entfernung vom Wald zu lagern.

Aktuell warnen Sie insbesondere vor dem Kupferstecher, warum?

Sein Vorkommen ist zwar nicht so verbreitet wie das des Buchdruckers, doch er ist gefährlich, weil er oft erst spät entdeckt wird. Während das Bohrmehl des Buchdruckers am Fuß des Baumes deutlich zu sehen ist, ist das des nur halb so großen Kupferstechers schwer auszumachen. Er befällt eher die Baumkrone. Bis das Mehl von dort herunterrieselt, hat es sich feinst verteilt. Der Befall wird oft erst bemerkt, wenn sich die Krone von oben rot färbt, weil dem Baum das Wasser fehlt. Aber der Kupferstecher bleibt im Gegensatz zum Buchdrucker relativ lange im Baum. Wenn er noch nicht ausgeflogen ist, kann ihn der Waldbesitzer bekämpfen, indem er den Baum fällt und aus dem Wald entfernt. Doch das muss schnell passieren.

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Warum ist es gerade jetzt so wichtig, wachsam zu sein? Die Käfer sind doch während der gesamten warmen Jahreszeit aktiv.

Wir hatten vergangenes Jahr die Situation, dass sich erstmals drei Generationen und drei Geschwisterbruten in einem Jahr entwickelt haben. Bis Juli, August war der Befall minimal, doch wegen der anhaltenden Trockenheit hat sich die Population plötzlich explosionsartig aufgeschaukelt. Die Ausgangssituation ist also deutlich schlimmer als vergangenes Jahr. Die Käfer sind nicht weg, sie sind in Lauerstellung. Sobald die Temperaturen 16 bis 18 Grad erreichen, schwärmen sie aus. Es geht darum, den Anfangsbestand möglichst niedrig zu halten. Was uns ansonsten helfen könnte, wäre ein sehr verregneter Sommer, das mögen die Käfer nicht.

Sie bitten die Waldbesitzer zu melden, wenn sie in Beständen ihrer Nachbarn einen Befall ausmachen. Das ist nicht die feine Art, oder?

Borkenkäferbefall muss gemeldet werden. Die Waldbesitzer sind verpflichtet, ihre Bestände regelmäßig zu kontrollieren. Doch die heutige Generation von Waldbesitzern ist berufstätig und hat wenig Zeit. Und die Landwirte, die es noch gibt, haben so große Höfe, dass sie anderweitig beschäftigt sind. Ich gehe zwar in die Wälder, aber ich kann nicht überall sein. Ist der Käfer im Nachbarbestand zugange, macht er nicht an der Grundstücksgrenze Halt. Also ist es im Interesse des Einzelnen, über den Zaun zu gucken. Es nützt ja nichts, wir müssen handeln.

Buchdrucker und Kupferstecher befallen die Fichte, im Landkreis stehen vorrangig Kiefern. Ist das Problem vielleicht doch nicht so groß?

Hitzesommer und Trockenheit belasten die bei uns vorherrschende Kiefer als Baum des Nordens. Und ist ein Baum vorgeschädigt, kommt der blaue Kiefernprachtkäfer ins Spiel. Er befällt die Kiefern. So ist auch ihr Bestand massiv gefährdet. Erstmals habe ich den Käfer 2003 bei Seckendorf entdeckt, als ein Waldrand wegen einer Straße gerodet wurde. Den für sie neuen Standort waren die dahinter liegenden Bäume nicht gewöhnt. Das hat sie so geschwächt, dass sie leichte Beute für den Schädling wurden. So setzen sich die Schäden von außen nach innen immer weiter fort. Jeder ausgelichtete Bestand bietet neue Angriffsfläche.

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Welche Perspektiven hat der Wald da noch?

Der Wald droht zu verwildern. Wird nicht zügig aufgeforstet, wuchern Brombeeren, Schlehen oder Weißdorn. Das sind zwar sicherlich schön anzusehende Hecken mit Biotop-Charakter, aber sie haben keinen Wert mehr für den Waldbauern. Ich will keine Schwarzmalerei betreiben, aber ich gehe davon aus, dass sich das Bild des Waldes in den nächsten zehn Jahren massiv verändern wird.

Hitzesommer, Trockenheit, Käferalarm: Die Hiobsbotschaften aus dem Wald reißen nicht ab. Wie gehen die Waldbesitzer damit um?

Im Februar hatte ich eine Versammlung zum Thema "Lohnt sich der Wald noch?". Die Frage treibt viele Waldbesitzer um. Normalerweise erreiche ich mit meinen Waldgesprächen 30, 40 Leute. Dieses Mal waren es 120. Es herrscht totaler Frust. Dem Wald geht es insgesamt nicht gut. Doch ich würde sagen, die Situation ist dramatisch, aber nicht hoffnungslos. Wir dürfen den Kopf eben nicht in den Sand stecken, sondern müssen mit positiven Beispielen Mut machen.

Was wäre so ein Beispiel?

Der Bienenwald, den die Gemeinde Seukendorf plant. Dort pflanzen wir im Herbst einen Wald mit an die 20 verschiedenen Arten, die Bienen mögen – Robinien, Akazien, Weiden, Linden, Ahorn oder Edelkastanie. Der dürfte Zukunft haben. 

Interview: Sabine Dietz

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