"Karls Geburtshaus": Abbruch ist in vollem Gang

23.1.2020, 12:20 Uhr
„Ohne städtebauliche Bedeutung“: Bayerns oberste Denkmalschützer senkten den Daumen, seit Dienstag wird „Karls Geburtshaus“ abgerissen.

„Ohne städtebauliche Bedeutung“: Bayerns oberste Denkmalschützer senkten den Daumen, seit Dienstag wird „Karls Geburtshaus“ abgerissen. © Foto: Hans-Joachim Winckler

Am Montag fielen die Bäume, seit Dienstag ist "Karls Geburtshaus" nur noch eine Ruine. Das Tempo, das die Schultheiss Wohnbau AG in der Ludwigstraße 24 beim Abbruch an den Tag legt, ruft Bestürzung hervor – in der Öffentlichkeit, aber auch im Rathaus, das sich in dieser Sache vorige Woche per Eilbrief ans Landesamt für Denkmalpflege gewandt hatte.

"Schnell noch plattmachen, bevor die Denkmalschutzbehörde es sich doch noch anders überlegt", kommentiert jemand das erste Abrissfoto im FN-Internetangebot. Ein anderer meint: "Ging jetzt aber schnell". Und ein Dritter "könnte heulen" über das, "was hier mal wieder passiert".

Vom Stadtplan getilgt wird "Karls Geburtshaus", wie es die Stadtheimatpfleger nach einer Notiz auf einem Foto benannten. Es stammt aus dem Jahr 1867 und ist eines der ältesten Gebäude der Südstadt. Weil es nicht unter Denkmalschutz steht, hat das Rathaus nach den Worten von Baureferentin Christine Lippert gegen den Abriss rechtlich keine Handhabe. Dass es nun aber so zügig geht, habe sie "überrascht und schockiert".

Bei Schultheiss indes verteidigt man sich. Man habe alles andere als übereilt gehandelt, denn seit Anfang November sei der Abbruch erlaubt.

Ein Blick auf die Chronologie: Im August 2019 hatte die Nürnberger Firma Schultheiss als neue Eigentümerin den Bauantrag gestellt und im September 2019 die Abbruchanzeige eingereicht. Schultheiss will auf dem Gelände ein mehrstöckiges Gebäude mit 15 Eigentumswohnungen errichten. Durch Zufall erfuhren nach eigenem Bekunden die Stadtheimatpfleger Karin Jungkunz und Lothar Berthold im Herbst von dem Vorhaben. Weil sie in ihm "ein Stück Fürther Baugeschichte" (Berthold) sehen, drängten sie auf nachträgliche Aufnahme des klassizistischen Sandsteinbaus in die Denkmalliste.

Zu entscheiden hat darüber das Landesamt für Denkmalpflege. Unterstützt von den Heimatpflegern schaltete die Stadt die Münchner Behörde ein. Ohne Erfolg. Mit Verweis auf Modernisierungen im Gebäudeinneren 1975/76 verwehrte das Landesamt die Einstufung als Einzelbaudenkmal. Begründung: "Die kleinbürgerliche Wohnkultur in der Fürther Vorstadt im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts ist nicht mehr erlebbar." Auch sei das zurückgesetzt im Garten stehende Haus "ohne städtebauliche Bedeutung".

Wer Häuser abreißen will, muss sich das von der Stadt nicht genehmigen lassen. Er muss sie nur darüber in Kenntnis setzen. Mit der besagten Abbruchanzeige hat die Schultheiss Wohnbau AG diese Pflicht erfüllt – die Stadt hat mit dem Hinweis auf eine etwaige Denkmalwürdigkeit widersprochen. Doch von dieser konnte ja nun keine Rede sein.

Planungen wurden "umfangreich überarbeitet"

Anfang November, so Vorstandsmitglied Rüdiger Sickenberg, habe sein Unternehmen von der Entscheidung des Landesamts erfahren. Man habe dann "mit dem Abbruch abgewartet" und nach Gesprächen mit Vertretern der Stadt und der Heimatpflege geprüft, ob sich der Altbau neben dem Neubau halten lässt. Dies sei nicht der Fall, doch komme man dem Wunsch des Baubeirats nach, zwei Bäume im hinteren Bereich des Grundstücks zu erhalten. Die Planungen wurden dafür extra "nochmals umfangreich überarbeitet".

Mitte Januar schlugen die Stadtheimatpfleger Alarm. Zusammen mit dem Bund Naturschutz machten sie publik, dass mit "Karls Geburtshaus" ein Zeitzeugnis und mit dem Garten "ein grünes Fenster in extrem verdichteter Umgebung" ausradiert werden soll. Nach dem Baubeirat befasste sich vorige Woche der Bauausschuss mit dem Thema. Dabei erklärte Oberbürgermeister Thomas Jung, die Stadt werde den Protest mit einem Eilbrief ans Landesamt und ans Kultusministerium unterstützen.

Münchner Denkmalschützer blieben beim Nein

Die "Bitte um nochmalige dringende Überprüfung" ging am Freitag raus, der Chef des Landesamts, Generalkonservator Mathias Pfeil, antwortete gestern. Seine Antwort war, mit Verweis auf die bereits zuvor genannten Argumente, ein erneutes Nein.

Dass die Stadt Eilbriefe nach München schickt, um ein historisches Gebäude vor dem Abriss zu bewahren, und der Bauherr fast zeitgleich den Abbruchbagger in Stellung bringt, kann Baureferentin Lippert kaum fassen. Sie findet das Vorgehen von Schultheiss "äußerst unglücklich". Denn auch wenn die Firma das Recht auf ihrer Seite habe: Bei ihrem letzten Telefonat mit dem Unternehmen vor einer Woche hätte man ihr doch sagen können, dass der Abbruch so unmittelbar bevorsteht.

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