Karolinenstraße: Marodes Haus mit lebendiger Geschichte

12.2.2015, 06:00 Uhr
Kriegsschäden: Die verkohlten Balken sind die Folge eines Bombentreffers, sie wurden bis heute nicht ausgetauscht. Für die Dauer der Arbeiten schützt ein Notdach aus Blech das Haus. Foto: Hans-Joachim Winckler

Kriegsschäden: Die verkohlten Balken sind die Folge eines Bombentreffers, sie wurden bis heute nicht ausgetauscht. Für die Dauer der Arbeiten schützt ein Notdach aus Blech das Haus. Foto: Hans-Joachim Winckler

In der Karolinenstraße 10 fühlte er sich besonders wohl: Das feuchte und gerade im Sommer nicht zu kalte Klima des maroden Hauses war wie gemacht für Serpula lacrymans. Der Pilz, der auf den deutschen Namen Hausschwamm hört, gilt als Gebäudezerstörer Nummer eins. In der Karolinenstraße 10 hat er alte Holzdecken- und -böden befallen.

Für die neuen Eigentümer – ein Ehepaar aus einer alten Fürther Unternehmerfamilie – ist die Sanierung nicht nur deshalb eine Herkulesaufgabe. Der Vorbesitzer hatte über Jahrzehnte kein Geld in den Unterhalt gesteckt. Zuletzt wohnte er im Erdgeschoss, der Rest stand leer. Das Haus, Baujahr 1885, verfiel derart, dass die Stadt 2011 eine Notsicherung anordnen musste. Durch das provisorische Dach – es war nach einem Bombenschaden im Zweiten Weltkrieg aufgesetzt worden – war Wasser in das Gebäude eingedrungen. Die Holzbalken begannen zu faulen. Schließlich brach die Decke des Obergeschosses herunter. Zudem stand zu befürchten, dass der sogenannte Zwerchgiebel an der Sandsteinfassade bei Sturm auf den Gehsteig stürzt.

Die Stadt Fürth investierte einen „niedrigen sechsstelligen Betrag“, wie es damals hieß, um im Inneren Stahlstützen einzuziehen, die das Haus stabilisieren sollten. Arbeiter dichteten das Dach ab und sicherten den Zwerchgiebel mit einem Korsett.

Lange Zeit war fraglich, ob das Haus in neue Hände übergehen würde – oder abgerissen werden muss. Anfang 2014 konnten die FN den Abschluss eines Kaufvertrags vermelden. Die neuen Eigentümer beglichen auch die Kosten der Notsicherung durch die Stadt Fürth.

Seit wenigen Wochen läuft die Sanierung. Vor dem Haus wurde der Boden aufgegraben, um ein zusätzliches Fundament zu gießen. Inzwischen ist das Gebäude vorne und hinten eingerüstet. Das alte Notdach aus dem Krieg wurde bereits entsorgt, darunter kamen verkohlte, teils sogar durchgebrochene Balken und Bretter zum Vorschein: Sie waren nach dem Bombentreffer nicht ersetzt worden. Als Wetterschutz dient jetzt ein Blechdach, das auf den Gerüsten ruht.

Der Dachboden muss ebenso abgetragen werden wie die Decke des obersten Geschosses, in der der Hausschwamm sitzt. An ihre Stelle kommt eine Betondecke, die das Gebäude zusammenhalten soll. In einigen Wänden wurden Stahlstützen eingezogen, die später hinter Putz verschwinden werden. Sämtliche Maßnahmen seien mit Denkmalschützern abgesprochen.

Angesichts der Liebe zum Detail, mit der die neuen Eigentümer vorgehen, dürften die Behörden keine großen Einwände haben: Der Stuck an der Abbruchdecke wurde bereits gesichert, der Zwerchgiebel aus Sandstein befindet sich bei einem Steinmetz. Der Restaurator und Künstler Béla Faragó dokumentierte mehrere Schichten von Wandmalereien.

Dass die Vorbesitzer nur wenig verändert haben, hat auch sein Gutes: Im Hinterhaus existiert eine Werkstatt, in der früher angeblich Motorräder in Kleinserie gefertigt wurden. Ein alter Flugzeuganlasser, den die Handwerker nutzten, um Zündkerzen zu überprüfen, hat seinen Platz in einer Ausstellung des Stadtmuseums gefunden.

Im Hof steht ein Waschhaus mit einem Bottich, der sich beheizen lässt, und im Gebäude fanden sich alte Badewannen sowie ein Holzofen für warmes Wasser. Einiges davon wollen die neuen Eigentümer aufheben, weggeworfen wird nichts, das Freilandmuseum Bad Windsheim sei interessiert.

Nach der Sanierung, die in zwei Jahren abgeschlossen sein könnte, werden in der Karolinenstraße 10 wieder Menschen leben – zur Miete.

 

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