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Sonntag, 23.02.2020

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Kirchenmusiktage: Finale im Harfenwald

In St. Michael ging die 56. Auflage des Musica-Sacra-festivals zu Ende - 03.12.2019 15:30 Uhr

Spuren im Schnee hinterließen (v.li.) Erzähler Michael Herrschel, Organistin und Pianistin Sirka Schwartz-Uppendieck sowie die Harfenistinnen Barbara Fichtner, Martina Leutschacher, Jana Schmidt-Enzmann und Laurence Tercier.


Johannes Brahms verehrte und bewunderte Clara Schumann sehr. Eine schöne Idee, Präludium und Fuge g-Moll, jeweils von ihm und von ihr geschrieben, auf das Programm des letzten Orgelkonzerts der 2019er-Kirchenmusiktage zu setzen. Durchdacht und stimmig war die Dramaturgie von Regionalkantor Andreas König, der in Christkönig zudem den Sound der renovierten Eisenbarth-Orgel voll auskostete.

Interessant ist bereits zum Einstieg der Magnificat-Direktvergleich zwischen Dietrich Buxtehude (mit zart-melodischen Passagen und virtuosen Steigerungen) und dem ebenmäßig austarierenden Johann Sebastian Bach. Eine völlig neue Welt tut sich mit Clara Schumanns Werk auf. Mit Max Regers Orgelchoral "Nun komm, der Heiden Heiland" erfolgte der Sprung ins frühe 20. Jahrhundert; der Choral in Bachs Fassung wiederum wartet mit reich ausgeschmückter Melodieverzierung auf, von König mit transparenter Registrierung dargeboten. In Nicolaus Bruhns’ barocker Ausdeutung spielt König kraftvoll das Thema im Pedal aus.

Eine erneute Zäsur markieren Präludium und Fuge g-Moll von Brahms, eine Orgelsymphonie mit gleißendem Tutti und dröhnendem Pedal. Das bekannteste Werk des Abends, das Bach-Choralvorspiel "Wachet auf, ruft uns die Stimme", lässt das erste Adventslicht in der Dunkelheit aufleuchten; das Choralthema im Pedal wird immer wieder von den reich verzierten Oberstimmen in fließendem Zeitmaß überlagert - eine ergreifende Wiedergabe. Klangberauscht gerät Regers "Wachet auf"-Choral, ein grandioser Schluss mit einem perfekten Interpreten. Clara Schumann vereint mit der Königin der Instrumente.

 

Noch einmal nahm am Sonntagabend Festival-Patronin Clara Schumann Gestalt in Ton und Text an. KMT-Dramaturg Michael Herrschel zeigte abermals neue Facetten dieser bislang so wenig präsenten Komponistin in packend-sprühender Schilderung auf.

Im adventlich strahlenden Kirchenschiff von St. Michael, zwischen vier Harfen, Hammerklavier und Holzemporen, die mit Clara-Portraits geschmückt waren: viele junge und jung gebliebene Zuhörer, bereit, sich auf das Hör-Spiel über Claras und Roberts Geschichte einzulassen. Dabei konnten sie sich mit Auszügen aus den "Kinderszenen" und "Soirées musicales", von Sirka Schwartz-Uppendieck so schwungvoll wie nachdenklich zum Leben erweckt, ebenso verführen lassen wie beim glitzernd-perlenden Rausch im schneedurchwirbelten "Harfenwald" des Fürther Zeitgenossen Uwe Strübing.

Dieses Werk erklang erstmals 2011 in Auferstehung als weihnachtliches Märchenstück. 2019 macht es Herrschel zum lebhaften Mittelpunkt der oft so wenig märchenhaften Lebensgeschichte der Schumanns. Mit den Harfenistinnen Laurence Tercier, Jana Schmidt-Enzmann, Martina Leutschacher und Barbara Fichtner war ein virtuoses, vielfarbigen Saitenorchester im Einsatz; Schwartz-Uppendieck skizzierte die Handlung im zauberhaften Klavierpart.

 

Bei heißem Tee erzählt Lea ihren jüngeren Geschwistern Merit und Josh von der Frau auf dem Portrait überm Klavier: von Claras strengem Vater, der stolz auf seine Tochter im gefüllten Konzertsaal war; vor dem sie oft flüchtete, da er ihr die Liebe zum jungen Klavierlehrer ausreden wollte; von Robert, der vor Langeweile während Claras Reisen eifersüchtig wurde. Auch vom kranken Robert, dem die sieben Kinder abends Geschichten vorlesen, so wie er sie früher in ihre Träume begleitete.

Nahtlos gleitet die Fabel in die Kinderreise zu Claras Haus in Frankfurt, wo sie nach Roberts Tod unterrichtete. Da entstehen herrliche Bilder der Kleinen im verschneiten Wald, in dem Harfenarpeggien das perlende Klavierspiel noch farbiger werden lassen, wenn Flattervögel und Schmetterlinge sich auf schneeglitzernd bestäubte Äste um den spiegelnden Teich niederlassen und Marienkäfer sich auf Fußspitzen strecken, um das Konzert besser sehen zu können.

Da verwischen Spuren im Schnee, glaubt man Klänge aus einer im See versunkenen Kathedrale des Lichts zu hören: gefrorene Zeit wie in Kristallen. Dass Claras Haus in der Myliusstraße am Ende verschlossen bleibt, belastet nur kurz, denn auf der Heimfahrt finden die Kinder im Zugabteil ein vergilbtes Notenblatt in schwer zu lesender alter Schrift: eine Botschaft vom fernen lieblich glänzenden Stern, der sogar das Sterben leichter zu machen verspricht.

So wie die Kirchenmusiktage mit einer späten Violinromanze von Clara begonnen hatten, mündete die Reise der Kinder in einem frühen Klavierwerk von ihr: "Der Abendstern" der 14-Jährigen leuchtete funkelnd aus Schwarz- Uppendiecks Klavierspiel und dem Klangteppich des Harfenquartetts.

Günter Greb & Michael Vieth

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