Klezmer Festival: Die Magie der leisen Klagen

14.3.2018, 14:30 Uhr
Frau mit Charisma: Jalda Rebling stammt aus Amsterdam, lebt in Berlin und bewies im Kulturforum abermals, dass sie mit ihren Neudeutungen des traditionellen Klezmer-Repertoires eine Klasse für sich ist.

Frau mit Charisma: Jalda Rebling stammt aus Amsterdam, lebt in Berlin und bewies im Kulturforum abermals, dass sie mit ihren Neudeutungen des traditionellen Klezmer-Repertoires eine Klasse für sich ist. © Foto: Hans-Joachim Winckler

Damit keine Missverständnisse aufkommen: In den drei Jahrzehnten seit dem ersten Auftritt war Jalda Rebling schon verschiedene Male zu Gast beim Festival. Und doch: Die flotte Mittsechzigerin kommt selbst kaum aus dem Staunen heraus, wenn sie überdenkt, was in der Zwischenzeit alles passiert ist.

Damals gab es noch die DDR und die für die Ewigkeit zementierten Machtblöcke von Ost und West, steckte das Interesse an Klezmer noch in kleinsten Kinderschuhen, war an die musikalische Vielfalt und stilistische Blütezeit noch gar nicht zu denken. Und damals hieß das "Internationale Klezmer Festival Fürth" noch brav und bescheiden "Fürther Wochenende für Jiddisches Lied."

Jalda Rebling war 1988 auch deshalb nach Fürth eingeladen worden, weil sie kurz zuvor in Ost-Berlin selbst Klezmerkonzerte organisiert und gegeben hatte. Vor ausverkauftem Haus, sehr zu ihrer eigenen Überraschung, wie sie erzählt. Entsprechend steht die Sängerin für den traditionellen Klezmer, aber auch für den kämpferischen und intellektuellen Klezmer von jüdischen Dichtern aus Polen, Russland und der Ukraine um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert.

Sie singt in Jiddisch, zu jedem Lied gibt sie eine ausführliche Einleitung und Inhaltsangabe. Ihr Repertoire beinhaltet geradezu volksliedhafte Weisen wie die vom alten Müller, der aus seiner Mühle vertrieben wird und der über die sich drehenden Räder und die verrinnende Zeit sinniert; sie singt vom Shtetl und der verkitschten Shtetl-Romantik, die das Ghetto im Nachhinein zu einem Hort der Geborgenheit stilisiert; vom endlosen Warten auf den Messias, mit dem alles besser werde, weil dann die Menschen endlich einander zuhörten.

Aber Rebling greift auch zu klassenkämpferischem Repertoire, zum Agitationsklezmer der Arbeiter und vor allem der Arbeiterinnen. Sie singt von den frühen Jahren der Sowjetunion, als das Paradies auf Erden zum Greifen nahe schien, als selbst Juden ihren eigenen Acker bewirtschaften durften; vom Krieg und den jüdischen Partisanen und schließlich vom Ende aller Hoffnung, als unter Stalin die jüdische Intelligentsia im Gulag oder in der Lubjanka verschwand.

Und sie erzählt von der Wiederauferstehung, von unglaublichen Archivfunden und dem Interesse der Jugend an den alten Texten und ihren Geschichten, von der Hoffnung und von der Liebe, wie sie sich im Hohelied Salomos offenbart.

Jalda Reblings ausdrucksstarke Stimme findet die ideale Begleitung in Daniel Weltlingers behutsamem Violinspiel und in dem Akkordeon, dem Tobias Morgenstern überraschend zarte und leise Klänge entlockt. Fast zu behutsam für die Arbeiterlieder, aber ideal für die ohnehin leisen Stücke des restlichen Repertoires. Nein, Klezmer ist nicht nur fröhlich, ausgelassen, lamentierend. Seine Klage kann sehr leise sein. Denn in ihr schlummert der Keim der Hoffnung.

 

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