Klezmer Festival Fürth: Sei a Mensch

13.3.2018, 19:30 Uhr
Diese Musik macht glücklich: Die Mitglieder des (einmaligen) Klezmer Orchesters Fürth stellten ihre Workshop-Erkenntnisse in einem öffentlichen Auftritt im Schliemann-Gymnasium vor.

Diese Musik macht glücklich: Die Mitglieder des (einmaligen) Klezmer Orchesters Fürth stellten ihre Workshop-Erkenntnisse in einem öffentlichen Auftritt im Schliemann-Gymnasium vor. © Foto: Hans-Joachim Winckler

Musik ist Gemeinschaft, ist Aktion, verliert etwas von dem, was sie ausmacht, wenn sie immer nur passiv konsumiert wird. Und so lädt das Klezmer Festival auch dieses Jahr wieder nicht nur zu Konzerten ein, sondern auch zum Mitmachen. Beim Workshop Klezmermusik am Wochenende stand in diesem Jahr die jiddische Tanzmusik im Zentrum, fand doch zeitgleich der Tanzworkshop unter der Leitung von Guy Shalom statt.

Beim Abschlusskonzert in der Aula des Heinrich-Schliemann-Gymnasiums blieb entsprechend der größte Teil des Saals unbestuhlt, um Platz für alle Tanzbegeisterten und -Interessierten zu lassen. So konnten sowohl die Tänzer als auch die Musikanten zeigen, was sie bei den Workshops erarbeitet hatten. Zunächst trat das "Klezmer Orchester Fürth", eine nur für diese Gelegenheit erschaffene Formation, auf.

Die Altersspanne der Teilnehmer, von denen einige extra für das Festival von weither angereist sind, reicht von 11 bis 69; auch zwei Schülerinnen des Schliemann-Gymnasiums sind darunter. Aus einem tiefen, das ganze Stück durchziehenden Brummen der Bässe ertönt eine Singstimme mit einer einfachen Melodie, ihrem Charakter nach irgendwo zwischen Wiegenlied und rituellem Gesang angesiedelt. Nach und nach fallen weitere Stimmen ein, und dann kristallisiert sich ein langsamer Tanzrhythmus heraus.

Füße und Köpfe im Publikum wippen mit, während sich das Tempo steigert, bis die Musik zuletzt wieder in den ursprünglichen Gesang zurückfällt. Workshop-Chef Christian Dawid lädt im Anschluss auf die Tanzfläche ein. In den Ensembles haben die Workshopteilnehmer unterschiedliche jüdische Gesellschaftstänze eingeübt. Unter der Leitung von Michael Winograd ertönt etwa ein Bulgar, ein Rundtanz mit einer Schrittfolge, die einfach genug ist, dass sich nach anfänglichem Zögern noch einige weitere Tänzer der Runde hinzugesellen.

Don Goodwin lässt sein Ensemble im nächsten Tanzstück mit Trommel und einer Querflöte einsetzen, die gemeinsam einen fast militärisch anmutenden Beginn setzen, während das Geigensolo später die Melodie auf wärmere und leichtere Weise übernimmt. Die Amerikanerin Alicia Svigals lässt ihre Streichergruppe noch einmal solo auftreten — die Musiker gestalten ein dichtes, polyphones Klanggewebe, einen schaukelnden Rhythmus, aus dem gelegentlich die Triller einer Geige heraustreten. Dann sind wieder die Tänzer dran, wird der Kreis zu einer langen Reihe geöffnet, die in vielen Windungen durch den Saal zieht.

Tanz und Musik werden von den Zuhörern begeistert beklatscht — zumindest von denen, die nicht ohnehin auf den Beinen sind, um mitzumachen.

Vor dem Auftritt der Brüder Sascha und David Schönhaus hatte nebenan im Uferpalast das Doku-Filmdrama "Die Unsichtbaren – Wir wollen leben" über die in der NS-Zeit untergetauchten Berliner Juden auch an ihren Vater Cioma Schönhaus erinnert. Mit gefälschten Pässen verhalf er vielen Juden zur Flucht, bevor er 1943 selbst in die Schweiz floh. Die als Jazzmusiker profilierten Söhne werfen zusammen mit dem Crossover-Klavier- und Akkordeonspieler Niculin Christen und dem virtuosen Swinggeiger Andreas Wäldele Schlaglichter auf die Familientradition im weißrussischen Minsk.

Aber was sie ausgraben, klingt alles andere als anheimelnd. Bulgars und Doinas aus dem Fundus des ukrainischen Klezmer-Forschers Mosche Beregowski kommen erfrischend unverbrämt daher in einer dem Jazz verpflichteten Tonsprache. Die wird jedoch nie zu dick aufgetragen, sondern entfaltet sich in hauchzarten Andeutungen von Klarinette und Saxofon (Sascha Schönhaus), im Streicheln über die 147 Jahre alte französische Bassgeige (David Schönhaus), im Pizzicato der Geige oder in den extrem gedämpften Klaviersaiten. "Sei a Mensch": Den Rat des Vaters bringen die Schönhaus-Brüder und Kollegen in vielfältigen Variationen ohne stilistische Scheuklappen zum Klingen.

Auch 25 Jahre nach der Gründung und zwölf Jahre nach dem ersten Auftritt beim Fürther Festival ist das Bait Jaffe Klezmer Orchestra noch immer munter offroad unterwegs. Abseits eingefahrener Gleise liefert das Ensemble einen weiteren Beweis dafür, dass Klezmer alles andere als eine museale Angelegenheit ist.

 

 

 

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