Kofferfabrik feiert runden Geburtstag mit Ausstellung

3.8.2019, 21:00 Uhr
Als in der Langen Straße noch die Schornsteine rauchten: Kofferfabrik-Chef Udo Martin zeigt ein Bildnis der Spiegelfirma Winkler & Kütt aus dem späten 19. Jahrhundert.

© André De Geare Als in der Langen Straße noch die Schornsteine rauchten: Kofferfabrik-Chef Udo Martin zeigt ein Bildnis der Spiegelfirma Winkler & Kütt aus dem späten 19. Jahrhundert.

Gut 50 Jahre lang stellte die Firma Winkler & Kütt Spiegel im fortschrittlichen Silberbelegverfahren (statt Quecksilber zu verwenden) her.

"Gamaschenhaus" — das wäre auch ein passender Name. Oder "Kultur im Papierkorb". Um 1931 beschädigte ein Brand die Spiegelfabrik, die Firma liquidierte, an ihrer Stelle bezog die 1919 gegründete Firma Bermas die Räumlichkeiten. Und die stellte dort nicht nur Koffer her, sondern eben auch Gamaschen und Papierkörbe.

Wenn die Kofferfabrik nun zu ihrem 25-jährigen Bestehen eine kleine Ausstellung präsentiert, so sieht der Betrachter kurioserweise nicht ausgewählte Höhepunkte der an Ereignissen und Konzerten reichen Geschichte dieser (Sub-)Kulturinstitution, sondern deren Vorgeschichte. Dafür hat Chef Udo Martin im Archiv des Stadtbauamtes gewühlt, ist knietief durch Staub und Aktengebirge gewatet, um Zeichnungen und historische Fotos von Gebäuden und Arbeitern ausfindig zu machen.

Da gibt es architektonische Aufrisszeichnungen der Fassade aus den 1920er Jahren sowie eine repräsentative Zeichnung des ganzen Baukomplexes aus der Vogelperspektive. Aber auch Reklamebilder vom Sortiment der Rasierspiegel: Auf einer Stange balanciert der runde Spiegel, unten drunter hängen Schaumschüssel und Rasierpinsel an der Stange. Auch Klosettspiegel gab es im Angebot, die klebten direkt über der Klopapierrolle.

Hakenkreuze an der Kofferfabrik? Auch die gab es, in offizieller Beflaggung. Ebenso zackige Heavy-Metal- Musik der Altvorderen: Ein Zeitungsartikel aus dem Krieg informiert den Leser über ein Konzert der Militärkapelle der Flakabteilung zur Aufrechterhaltung der Moral in der Mittagspause. "Märsche, Walzer, Operettenpotpourri und ähnliche gern gehörte Weisen" unterhielten die Bermas-Belegschaft "mit freudig erhellten Gesichtern", wie es im Artikel heißt. Der Schlusstusch kam bald von oben. Im Februar 1945 zerstörten britische Bomber Dach und Obergeschosse. Danach diente das Gebäude der Bermas nur noch als Lager und für die Verwaltung. 1992 zog Bermas endgültig nach Erbendorf.

Doch bereits in den siebziger Jahren warf die Jugend, die sich in Fürth zu Tode langweilte, ein Auge auf die Gebäude. Stimmungsvolle Comics und Fotografien zeigen ein Bild der Langhaarigen, die sich immer noch von meckernden Omas Zurechtweisungen gefallen lassen müssen und sich vom Stadtrat genasführt fühlen.

Heute sind die Halbstarken von einst selbst in Ehren ergraut. Bilder der Dachlandschaften aus den achtziger und neunziger Jahren präsentieren die "Koffer" so wie heute: als ein Dauerprovisorium zwischen Ruinenromantik und Aufbruchstimmung, zwischen multikulturellem Biotop und Hafen der Ruhe, wo man noch handgemachte Rockmusik spielt und wertschätzt. Eine Leistung, die Oberbürgermeister Thomas Jung in seiner Ansprache mit den Worten würdigte: "25 Jahre Kultur in Fürth zu machen ist Überlebenskampf!" Auf die nächsten 25.

"25 Jahre Kofferfabrik", Lange Straße 81. Montags bis donnerstags 17-1 Uhr, freitags und samstags 17-2 Uhr,sonntags 10-1 Uhr. Bis 31. Oktober.

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