Kofferfabrik-Kündigung: Charme lässt sich nicht umtopfen

Matthias Boll
Matthias Boll

Lokalredaktion Fürth

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28.2.2021, 16:54 Uhr

© Foto: Hans-Joachim Winckler

Was in keinem Mietvertrag dieser Welt steht, steht auch nicht im Mietvertrag zwischen der Lauer Immobilien GmbH und der Kofferfabrik: "Vermieter muss herausragend nett zum Mieter sein." Die Kündigung dieses Unikums von einem Kulturzentrum ist rechtens. Trotzdem wird man anmerken dürfen: Hier hüllt sich stocknüchternes Zweckdenken in einen Eishauch der marktüblichen Gewinnmaximierung. "Wir haben Corona überlebt, aber nicht Lauer": Soll dies, liebe Eigentümerfamilie, tatsächlich der letzte Satz aus der Kofferfabrik sein?

Der Laden mag, auch konzeptionell, in die Jahre gekommen sein; doch es sind nicht Blumen, die die Fans ihrer "Koffer" in den schwierigen Shutdown-Monaten gestreut haben, sondern Blumenfelder. Ein Nürnberger Betrieb übernahm ein paar Monatsgehälter, eine Fundraising-Aktion glückte im Nullkommanichts, und erst dieser Tage reichte der Theaterverein Fürth, beileibe keine Kommandozentrale der "Koffer"-Zielgruppe, 2000 Euro rüber. Die Kofferfabrik lebt, weil sie geliebt wird.

Aus Entsetzen muss Tatkraft werden

Udo Martin, der das nicht immer gut geführte Haus 2007 übernahm, hat in der Langen Straße einen Mix aus Club-Konzerten, Theater, Ausstellungen, Lesungen, Spiele- und Vereinsabenden etabliert, der im Großraum und darüber hinaus nur mit großer Lupe ein zweites Mal zu finden ist. Hier feiern Jubilare ihren 60., dort beömmeln sich jüngere Semester beim Poetry Slam. Als linksversiffter Schuppen gilt die Kofferfabrik anno 2021, falls sie es je war, nur noch im Lager jenseits des demokratischen Parteienspektrums. Deshalb dürfen und müssen nun alle anderen entsetzt sein. Aus Entsetzen muss Tatkraft werden.


25 Jahre Kofferfabrik: Das Rezept heißt Toleranz


Warum das alles nochmal herunterbeten, warum ein weiteres Mal erwähnen, dass arrivierte Jazzgrößen hier feuchte Augen kriegen, weil derlei "Locations" einst den ganz speziellen Berliner Charme ausmachten?

Berlin ist längst hip und clean. Weil die "Koffer" jedoch ganz speziellen Fürther Charme atmet, wäre ihr Tod tragisch. Im Ersatzteillager der Stadt stehen nicht zwei, drei weitere Kulturversorger dieses Zuschnitts, sondern keiner.

Charme lässt sich nicht umtopfen

Das Mindeste, was Kulturreferentin Elisabeth Reichert gelingen muss, ist Zeitgewinn. Und da weder die Kapitaldecke der Kulturstiftung noch die Laune der Kämmerin top sind, muss der große unbekannte XL-Mäzen her, um Lauers Pläne zu vereiteln – Verkauf, Wohnungsbau, was denn sonst?

Was aber baut die Stadt? Traumschlösser. Von der Suche nach "alternativen Standorten" mit "ähnlichem Charme" zu reden, bedeutet erstens, dass es die geben könnte. Gibt’s aber nicht. Zweitens: Charme lässt sich nicht umtopfen. Allenfalls die alte Feuerwache könnte infrage kommen. Doch die ist frühestens 2025 kulturell nutzbar und müsste mit Blick auf die Liste der Begehrlichkeiten inzwischen Messegelände-Größe haben.

Es ist also, wie es ist: Die Kofferfabrik überlebt nur in der Langen Straße. Alle lebenserhaltenden Maßnahmen sind äußerst rasch einzuleiten.

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