Kopfloser Star der Ausstellung in Roßtal

12.9.2015, 13:00 Uhr
Das Roßtaler Museumshoffest lockt am Sonntag, 13. September, nicht nur mit Exponaten, sondern auch mit einer archäologischen Sammlung.

Das Roßtaler Museumshoffest lockt am Sonntag, 13. September, nicht nur mit Exponaten, sondern auch mit einer archäologischen Sammlung. © Foto: Sabine Dietz

Der Star der Ausstellung kommt kopflos daher – fast jedenfalls. Wer die Sandsteintreppen in den Keller des ehemaligen Peipp’schen Hofs hinabsteigt und sich unter dem gemauerten, für heutige Verhältnisse niedrigen Türbogen hindurch bückt, braucht nur noch zwei Schritte zu der im Boden eingelassenen Glasplatte. Darunter ruht ein Skelett. Rechte Hand und Becken fehlen. Der Schädel findet sich nicht am angestammten Platz, er liegt zwischen den Füßen.

Eine Kindsmörderin?

Die Knochen sind die einer Frau, enthauptet im 17. oder 18. Jahrhundert. Eine Kindsmörderin vielleicht, die gleich noch die rechte Hand einbüßte, weil sie einen Meineid geschworen hatte? Genaues wisse man nicht, sagt Thomas Liebert. Der Roßtaler Archäologe hat in seinem Wohnort bereits viel gegraben. Rund um die St.Laurentius-Kirche etwa, und speziell im Süden des rund 5,2 Hektar großen Geländes – dem heutigen Oberen Markt –, wo sich einst die frühmittelalterliche Burganlage befand.

Archäologe Thomas Liebert vor dem Modell des Rabensteins. Auf dieser Richtstätte wurden die Todesurteile in Roßtal vollzogen.

Archäologe Thomas Liebert vor dem Modell des Rabensteins. Auf dieser Richtstätte wurden die Todesurteile in Roßtal vollzogen. © Foto: Ehm

Die Delinquentin, zum Zeitpunkt ihres Todes zwischen 20 und 40 Jahre alt, wurde 1986 auf der Galgenhöhe südöstlich von Roßtal geborgen. Da Hingerichteten die letzte Ruhe auf einem Friedhof verwehrt blieb, hatte der Scharfrichter ihre sterblichen Überreste „eingelocht“, sprich: verscharrt. Und zwar im sogenannten „Rabenstein“, einem kreisförmigen Bauwerk mit rund sieben Metern Durchmesser, zu dem ein paar Stufen hinaufführen. Dort wurde die Hinrichtung vollzogen, und zwar – der Abschreckung wegen – vor Publikum. Ein Modell der Richtstätte ist ebenfalls in der Sammlung zu sehen.

Unter der Glasplatte liegt, zu Füßen der Frau, ein weiteres Skelett, das eines Säuglings. Mutter und Kind, meinen die meisten Besucher, was aber nicht stimmt, weshalb Thomas Liebert die beiden gerne trennen würde. 2003 fanden sich am Fundament des Pfarrhauses unter der Traufe gleich vier Baby-Skelette. Nicht vor Beginn des 15. Jahrhunderts seien sie dort begraben worden, sagt Liebert und erläutert auch gleich den seltsam anmutenden Fundort: Die Kindersterblichkeit war damals hoch, Säuglinge wurden deshalb schnell getauft. Fand der Akt vor dem Tod nicht mehr statt, durften sie ebenfalls nicht auf den Friedhöfen bestattet werden.

Um den ungetauften Wesen postum aber noch das Bestmögliche angedeihen zu lassen und zudem die Gefahr der – so besagt es ein Aberglaube – irrlichternden Kinder zu bannen, wurden die Leichname unter Kirchendächern, an Pfarrhäusern oder außerhalb an Friedhofsmauern beerdigt. Dank des Regenwassers, das über die sakralen Gebäude rann und auf die Gräber floss, sollten sie, so die Vorstellung, doch ihren Segen erhalten.

Erste Grabungen fanden in der Marktgemeinde Anfang der 1960er Jahre seitens der Deutschen Forschungsgesellschaft statt. Erstmals erwähnt wird Roßtal als „urbs horsadal“ 954. Am 17. Juni dieses Jahres versuchte König Otto I., vom Reichstag aus Langenzenn kommend, die Burg einzunehmen, scheiterte aber. So beschreibt es jedenfalls der Mönch Widukind von Corvey in seiner „Sachsengeschichte“.

Urbs horsadal besaß seinerzeit eine der mächtigsten Burgen. Im Umkreis von 40 Kilometern fand sich nichts Vergleichbares. In der Sammlung gewinnen die Besucher dank zweier Modelle ein Bild, wie die Befestigungen aussahen. Im 8./9. Jahrhundert umzog eine Trockenmauer mit einer Holzbrüstung und einem direkt angrenzenden Erdwall die Anlage. Im 10. Jahrhundert erfolgte ein Ausbau: gemörtelte Mauern mit Bastionen, davor befand sich ein doppelter Wassergraben.

Nadeln aus Knochen

Pfeilspitzen, aber auch eine Lanzenspitze und Messerklingen liegen in Vitrinen. Webgewichte zeigen, dass in urbs horsadal Stoffe produziert wurden. Gerätschaften wie Nadeln, angefertigt aus Knochen, „dem Kunststoff des Mittelalters“ wie Liebert sagt, sind zu bewundern. Wie sahen die Burgbewohner aus? Mit welchen Gefäßen kochten sie? Auch das verrät die Ausstellung. Die „Tupperware des Mittelalters“, so steht es auf der Info-Tafel zu den Tongefäßen.

Die archäologische Sammlung gibt es seit 2004. Anlässlich der 1050-Jahr-Feier hatte der Gemeinderat deren Einrichtung beschlossen, ein nachhaltiges Projekt, das Roßtal im Verbund mit dem von Liebert entwickelten archäologischen Rundweg ein Alleinstellungsmerkmal verschafft hat. Neue Funde, wie beispielsweise der Ende vergangenen Jahres an der Südseite von St. Laurentius entdeckte älteste Roßtaler, oder eine Vertiefung der sozialgeschichtlichen Aspekte ließen es durchaus zu, die Sammlung noch breiter aufzustellen, meint der Archäologe.

Breit aufstellen, aber auf ganz andere Weise, werden sich bestimmt auch wieder die Besucher am Sonntag. Erwachsene, weiß Thomas Liebert aus seiner Führungstätigkeit im Museumskeller, stellten sich nicht gerne auf die Glasplatte über dem kopflosen Knochengerüst, sondern drängelten sich vielmehr an den Rand des Gewölbes. Eventuell aus Gründen der Pietät – vielleicht hat die Roßtaler Delinquentin sich aber auch über die Hinrichtung hinaus ihre abschreckende Wirkung erhalten.

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