-0°

Dienstag, 01.12.2020

|

zum Thema

Kreative Streifzüge im Pinderpark

Barbara Engelhards neue Ausstellung in Zirndorf - 25.06.2017 15:55 Uhr

Die Künstlerin in einem von ihr neu definierten Ausstellungsraum. Mit ihren Arbeiten will sie die Grenzen der Wahrnehmung erweitern.

23.06.2017 © Fotos: Hans-Joachim Winckler


Grenzenlose Bänderfluten brechen über einen herein, kaum dass man den kleinen Galerieraum im Pinderpark betreten hat. Grell farbige Satin- und Klebestreifen erobern von der Decke aus den Ausstellungsraum. Müssen die Linien aus respektvoller Distanz betrachtet werden, ähnlich wie ein Gemälde in einem Museum? Oder können die Bänder etwa zur Seite geschoben, betreten oder gar abgerissen werden?

Barbara Engelhards Installationen, die in der Ausstellung "ge-streift" ab Freitag vom Kunstverein Zirndorf präsentiert werden, wühlen auf. Sollen die Klebestreifen und Geschenkbänder zelebriert oder als Alltagsgegenstände erachtet werden? Die Künstlerin (Blaue Nacht, "Schöne Aussichten") entdeckt Neues am Profanen. Wie viel scheinbar Gewöhnliches gedankenlos von uns "ge-streift" wird, fragt man sich da.

Engelhards Werke zwingen den Blick auf die eigene Umwelt zu verschärfen, dem Alltag das Gewöhnliche zu rauben. Verfolgt man die Linienführung der Bänder, damit man höflich um sie herumtänzeln oder schlicht ihren Formverlauf bewundern kann, rückt mit einem Mal der Raum selbst in den Wahrnehmungsmittelpunkt. Das routinierte "Streifen" selbst wird plötzlich Gegenstand der eigenen Betrachtung.

"Wie kann ich mich in welchem Raum aufhalten, wie nehme ich mich selbst im Raum wahr?" Für Engelhard, die an der Nürnberger Akademie Kunst und Öffentlichen Raum studiert hat, sind das inspirierende Fragen. Der Raum ist stetiger "Ideengeber und Ausgangspunkt" ihrer Werke, immer wieder müsse er neu erobert werden, erläutert die Fürther Künstlerin.

Die Installation "Line-by-Line" zeichnet mit neonfarbigen Tapebändern den kleinen Galerieraum im Pinderpark nach. Rastlos ziehen sich die Klebestreifen an einer Säule entlang, diese selbst zum imposanten Über-Streifen gestaltend. "Hanging Over", eine riesige Holzleinwand mit unzähligen Satinbändern, füllt derweil den monotonen Neubau mit grellem Leben.

Der Eroberungsakt hat auch politische Intention, lässt sich über die Ausstellungsgrenzen hinaus anwenden. Der karge öffentliche Raum selbst müsse mit Leben gefüllt, als Begegnungsstätte zurückerobert werden, findet Engelhard. "Jegliche Wohnlichkeit und Gemütlichkeit wird immer mehr genommen – Plätze werden für Millionen von Euro saniert, ohne dass sich dort jemand aufhalten will", kritisiert sie.

Zwiespältiges Wesen

Aus bunten Geschenkbändern ist dieses dreidimensionale Bild entstanden.

23.06.2017


Das scheinbar herkömmliche Band scheint das zwiespältige Wesen des öffentlichen Raums widerzuspiegeln. Mit ihren farbenfrohen, frei fließenden Formen wecken die Satinbänder Erinnerungen an gesellschaftliche Feste, betonen das Soziale im Öffentlichen. Zugleich kommen sie Absperrbändern gleich, die wenig Bewegungsfreiheit zulassen.

Der Betrachter gestaltet, ebenso wie der Raum, Engelhards Kunst stets mit. Besonders beeindruckt war sie, als Besucher der Installation "Hanging Over" in der Kunstvilla 2014 instruktionslos angefangen haben, die Bänder zu flechten oder sich hinter ihnen zu verstecken. Grenzen austesten, den Raum erkunden, selbst zum Akteur werden – nur so entwickelt man ein Bewusstsein für den eigenen Lebensraum.

Engelhard versucht Kommunikation in Räumen zu schaffen, die heutzutage oftmals nur noch stumm durch-"streift" werden. Aus der Passivität der alltäglichen Wahrnehmung will so auch eine Handvoll sperrmüllreifer Stühle im Nebenzimmer der Galerie locken. Bewusst hat die Künstlerin sie intim nebeneinandergestellt, Tête-à-Têtes sind hier erwünscht. Selbst das gewöhnliche Sitzen wird hier zum Thema, eröffnet fremdartige Perspektiven.

Im Rahmen der Ausstellungseröffnung mobilisierte Barbara Engelhard mit der Performance "Oh, mein schöner Stuhl" erneut die Grenzen räumlicher und konventioneller Wahrnehmung. "Ge-streift" schärft derweil noch bis Ende Juli den Blick auf das Alltägliche.

Barbara Engelhard, Objekte und Installationen, Galerie Im Pinderpark 5, Zirndorf, donnerstags und freitags 15-18 Uhr

PATRICIA BLIND

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Zirndorf