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Kriegsflieger in Friedensmission

Modellflugchampion baute Raketenjäger detailgetreu nach - 27.04.2019 21:00 Uhr

Der 91-jährige Modellflugchampion mit seiner Weltmeistermaschine. Für den Wettbewerb 1972 war nicht nur die Flugeigenschaft entscheidend, sondern auch die Detailtreue des Nachbaus. © Hans-Joachim Winckler


Der Raketenjäger Me 163 aus dem Zweiten Weltkrieg ist kürzlich als bislang größtes Objekt im Fraunhofer-Röntgenzentrum auf dem alten Flugplatz Atzenhof mit XXL-Computertomografie dreidimensional gescannt worden. Das Original aus dem Deutschen Museum München hat der Wintersdorfer Heinz Simon schon vor 50 Jahren im Kleinformat 1:5 nachgebaut.

Komplett durchleuchtet wurde der Raketenjäger Me 163 aus dem Deutschen Museum mit Großformat-Computertomografie auf dem alten Flugplatz Atzenhof. © Fraunhofer-Entwicklungszentrum/Röntgentechnik


Der Bericht in den Fürther Nachrichten über das Forschungsprojekt des Fraunhofer Instituts hat bei dem heute 90-Jährigen alte Erinnerungen geweckt. Von der Untersuchung des bislang verborgenen Innenlebens mit Hilfe modernster Röntgentechnik erhofft sich das Deutsche Museum auch Aufschlüsse über die Ursachen der häufigen Abstürze des mit über 1000 km/h seinerzeit schnellsten Fliegers. Die haben auch Heinz Simon schwer zu schaffen gemacht.

Der Weg zu seiner Modellflug-Weltmeisterschaft war damit gepflastert. Schon bei der Qualifikation 1972 in München ging das fast fünf Kilo schwere und 200 km/h schnelle Modell zu Bruch und musste aufwändig zusammengeflickt werden. Aber immerhin brachte es Simon den deutschen Meistertitel ein. Und er hatte die Aufmerksamkeit des Konstrukteurs der ab 1939 von Messerschmitt gebauten Jagdflugzeugs, Alexander Lippisch, ebenso erregt wie das Interesse des ehemaligen Chefs des Me 163-Erprobungskommandos, Wolfgang Späte.

Beim Einfliegen zur WM Anfang August 1972 in Toulouse krachte der auch "Kraftei" genannte "Komet" nach dem Aufsetzen gegen einen Fahnenmast und musste in einer Nachtschicht erneut wieder flugtauglich gemacht werden. Dabei halfen dem Wintersdorfer nicht nur seine deutschen Teamkameraden, sondern auch ausländische Konkurrenten. Und das für den Nachbau eines Flugzeugs, das genau fürs Gegenteil bestimmt war, zum Krieg.

Der erste Teil des zweitägigen Wettbewerbs brachte Heinz Simon dann auch Bestnoten ein. Dass die Engländer beim Feiern am Abend versuchten, ihren ärgsten Konkurrenten mit Whisky auszuschalten, gehört zu den Anekdoten des Treffens der internationalen Modellbauelite.

Glück und Nervenstärke

Die Freunde brachten den Wintersdorfer jedoch rechtzeitig aus der Alkoholzone, sodass er sich am nächsten Tag mit etwas Glück und einem sauberen Flug das Diplom des Champions sichern konnte. Der Engländer Terry Melleny, der bei der Bauprüfung eingangs des Wettbewerbs noch die höchste Punktzahl erreicht hatte, lag am Ende mit 148 Punkten zurück.

Zusammen mit seinem Bruder Werner und später den Söhnen Horst und Tornado-Pilot Harald hat Heinz Simon auch auf lokaler Ebene die Modellflugszene geprägt. Die Grundlagen seiner Leidenschaft wurden 1942 bei der Ausbildung zum Flugzeugmotorenschlosser auf dem Atzenhofer Flugplatz gelegt. Das Rüstzeug für den Modellbau holte er sich nach Kriegsende mit seiner Berufslaufbahn als Formenbauer.

Im Deutschen Museum faszinierte die Brüder der Raketenflieger auf Anhieb. "Den bauen wir nach", sagte Werner. Heinz hingegen konnte es nicht glauben, dass das "plumpe Ding" einmal geflogen ist. In einer Modellbauzeitschrift fanden die Brüder eine Dreiseitenansicht der Me 163. Sie rechneten aus, dass der Vogel als Fünf-Kilo-Modell eine Spannweite von 1,80 Meter haben kann. Aus Styropor und Balsaholz formten sie das Kraftei mit großen Schieblehren haargenau nach. Auch die minimale Schränkung der Tragflächen, die für hervorragende Flugeigenschaften sorgt.

"Das Flugzeug konnte nicht einmal ins Trudeln kommen", schwärmt der Modellbauer. Die häufigen Abstürze des Originals führt er auf den mangelhaften Raketenantrieb und das hochexplosive Treibstoffgemisch aus Hydrazinhydrat und Wasserstoffperoxid zurück, die Bruchlandungen des Modells wiederum auf den anfangs falschen Schwerpunkt und die damals noch nicht ausreichend schnell reagierenden Fernsteuerungen.

Schließlich erreichte das von einem 10-Kubikzentimeter-Motor und Propeller angetriebene Modell 200 km/h. Die 500 Kubikzentimeter Methanol im Tank reichten für ungefähr 15 Minuten. Das war immerhin deutlich länger, als das Original fliegen konnte. Der Rückflug musste im Gleitflug absolviert werden. Das Fahrgestell wurde nach dem Start abgeworfen, gelandet wurde auf einer Kufe.

Die schnelle Maschine war 1970 eine Sensation. Der damalige Fürther Oberbürgermeister Kurt Scherzer zeichnete Modellflugweltmeister Heinz Simon bei der städtischen Meistersportlerehrung aus. Drei Modelle der Me 163 hat der emsige Zirndorfer für sich und für die Söhne gebaut.

Nie mehr geflogen

Die rote Weltmeistermaschine flog nach dem Wettbewerb allerdings nie mehr. Ihr Motor ist nach den Abstürzen nur noch notdürftig mit Epoxidharz mit dem Rumpf verbunden. Aber eine andere Maschine will Heinz Simon jetzt wieder flott machen und demnächst auf dem Modellfluggelände am Alitzberg vorführen.

Das Modellbauvirus hat ihn übrigens schon als Fünfjährigen infiziert. Auf dem auch von Modellfliegern genutzten Truppenübungsplatz Hainberg fand er Flugzeugteile und Patronenhülsen, aus denen er eigene Modelle bastelte. Und noch immer reizt den Senior mit Segelflugerfahrung die Modellfliegerei. Allerdings lässt Heinz Simon heute vorzugsweise kleine Elektrohelikopter daheim aufsteigen. Ganz bequem von seinem Wohnzimmersessel aus.

Volker Dittmar

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