Krisenmanagement am Fürther Friedhof

17.2.2011, 09:00 Uhr
Kontrastreicher Blickfang: Das Kolumbarium mit Edelstahlschränken zur Urnenaufbewahrung in der liebevoll renovierten alten Aussegnungshalle aus dem Jahre 1855.

© Hans-Joachim Winckler Kontrastreicher Blickfang: Das Kolumbarium mit Edelstahlschränken zur Urnenaufbewahrung in der liebevoll renovierten alten Aussegnungshalle aus dem Jahre 1855.

400 bis 500 Familiengräber werden jährlich aufgelassen. Ein empfindlicher Schlag ins Kontor der Friedhofsverwaltung. Dass die Entwicklung alle Ruhestätten der Republik be-trifft, ist nur ein schwacher Trost. Der gesellschaftliche Wandel macht sich auch auf dem Gottesacker bemerkbar: Patchwork-Familien, zunehmende Mobilität und immer stärkere Individualisierung sind dem herkömmlichen Bestattungswesen abträglich. Obendrein hat der Konkurrenzdruck durch Privatunternehmen auch auf dem Friedhof Einzug gehalten.

Doch statt zu resignieren, reagiert die Kommune mit immer neuen Angeboten auf die veränderten Wünsche. Vor allem dem Trend zu Urnenbeisetzungen trägt sie Rechnung. Von 34 Prozent im Jahre 1981 haben die Feuerbestattungen in Fürth inzwischen einen Anteil von 57 Prozent erreicht. Ein Problem für den Fürther Friedhof mit seinen 345 unter Denkmalschutz stehenden Grabmälern. Aus der Not macht die Friedhofsverwaltung nun aber eine Tugend: Sie wandelt aufgelassene Grabstätten in „historische Urnengrabanlagen“ um. Neben dem Urnenbiotop mit Öko-Flair, Baumbestattungen nach Friedwaldart und dem eleganten Kolumbarium in der alten Aussegnungshalle ein repräsentativer Mosaikstein der neuen Trauerkultur. Zwar ist die letzte Ruhe in einer „historischen Urnengrabanlage“ mit 80 Euro im Jahr doppelt so teuer wie ein herkömmliches Urnengrab, dafür gibt es jedoch ein markantes Grabmal als Zugabe. Auch die Pflege ist im Preis eingeschlossen.

Die erste zum Urnengrab umgewandelte historische Ruhestätte wurde gleich neben der neuen Aussegnungshalle hergerichtet. „Denkmal der Liebe“ steht auf dem sorgfältig renovierten Grabmal, dessen Originalinschrift kaum noch zu lesen ist. Acht Urnen haben in der Erde davor Platz. Drei Grabplätze sind bereits vergeben. Auch für Erdbestattungen werden nicht mehr genutzte historische Grabstätten jetzt neu hergerichtet, um neues Interesse zu wecken. Das ist dringend nötig, denn von 1348 Bestattungen im Jahre 1980 ist die Zahl der Beisetzungen auf 1180 im vergangenen Jahre zurückgegangen. Die Sterbefälle in Fürth reduzierten sich dabei von 1549 auf 1481. Vor allem Erdbestattungen sind immer weniger gefragt. Urnenbeisetzungen verzeichnen dagegen starke Zuwachsraten.

Eindrucksvoll gestaltet wurde das im Kolumbarium im Mittelpunkt der Blickachse des Friedhofs. Urnenschränke aus Edelstahl kontrastieren mit dem alten Sandsteingebäude. Zum Schutz der Außenmauern vor Feuchtigkeit wurden sie in den dreifach geteilten Raum gerückt. An der Innenseite der Mauern sind auf Sockeln zusätzlich 24 handgetöpferte Urnen platziert. Insgesamt bietet das Kolumbarium Platz für 205 Urnen.

Schon zu Lebzeiten kann man sich ab sofort hier einen Urnenplatz sichern — gegen Gebühr, versteht sich. Die Vorteile des Kolumbariums für Besucher: Sie können geschützt vor Wind und Wetter der Verstorbenen gedenken. Die Halle ist tagsüber geöffnet. Das Licht wird über Bewegungsmelder eingeschaltet.

Mit einem völlig neuem Lichtkonzept wartet seit September auch die ebenfalls renovierte Aussegnungshalle auf. Hell und dezent präsentiert sich nun der zuletzt 1959 aufgemöbelte Saal. Nur die Fenster sind noch die alten, da sich die Hoffnung auf Förderung aus Konjunkturpaket-Mitteln zerschlagen hat. Handgeschmiedete Kerzenleuchter und eine neue Lautsprecheranlage gehören zu den neuen Errungenschaften.

Über die verschiedenen Bestattungsmöglichkeiten, zu denen auch ein islamisches Gräberfeld gehört, informieren Friedhofsführungen an jedem ersten Mittwoch im Monat. Start ist um 14 Uhr vor der Aussegnungshalle.