Raitersaich ist raus

Kritik am ICE-Werk: Buchschwabacher verfasste Protestgedicht

9.9.2021, 11:00 Uhr
Im Hof des alten Bauernhauses von Wolfgang Herbert ist das Zwitschern der Vögel zu hören, dazu das Rauschen der Bundesstraße 14. Dass nun nicht auch noch das Hupkonzert eines ICE-Werks dazukommt, freut den Landwirt wie viele seiner Nachbarn.

Im Hof des alten Bauernhauses von Wolfgang Herbert ist das Zwitschern der Vögel zu hören, dazu das Rauschen der Bundesstraße 14. Dass nun nicht auch noch das Hupkonzert eines ICE-Werks dazukommt, freut den Landwirt wie viele seiner Nachbarn. © Foto: Laura Pickl

Wolfgang Herbert sitzt vor seinem alten Bauernhaus im ländlichen Buchschwabach. Der 92-Jährige lebt hier seit 75 Jahren. Während er seine Vogelhäuschen baut, kann er den Tieren beim Zwitschern zuhören. Im Hintergrund hört er das stete Rauschen der vielbefahrenen B 14. Wenn er sich ganz leise verhält, hört er sogar die A 6, aber an diese Geräuschkulisse habe er sich mittlerweile schon gewöhnt.

"Wenn wir Krach oder lautes Hupen hören, schauen wir hier schon gar nicht mehr auf", beschreibt er das abgestumpfte Gefühl. Woran er sich allerdings auf keinen Fall gewöhnen wollte, wäre ein ICE-Werk zwischen Raitersaich und Buchschwabach gewesen.

Ende April hatte die Deutsche Bahn bekanntgegeben, dass neben acht weiteren Standorten der Bau eines ICE-Instandhaltungswerks zwischen Raitersaich und Buchschwabach geprüft werde. Seither protestierten die betroffenen Bürger auf vielfältige Weise gegen die Planungen.


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Auch Wolfgang Herbert stieg in den Protest ein. Als Pfarrer Jörn Künne ihn um ein Protestgedicht bat, zögerte er nicht. Binnen zwei Tagen verfasste er das Gedicht "Es ICE-Werk". Angesichts der aktuellen Entwicklungen ist es eine Art Abgesang, würde allerdings auf die drei noch verbliebenen Standorte südlich von Nürnberg genauso passen.

Heute kann sich Wolfgang Herbert gar nicht mehr erinnern, wann er sein erstes Gedicht schrieb. Das poetische Talent habe ihm aber seine Mutter vererbt, sagt er über sich selbst. Meistens sind für ihn Stichworte oder Gedanken Anreize für neue Reime.

In fränkischer Mundart

Mittlerweile hat er "scho a boa Ordna volla Gedichte" – die meisten in fränkischer Mundart, denn das liege ihm als Urfranke einfach am besten, meint der 92-Jährige schmunzelnd. "Meine Gedichte gehen immer über das Leben", erklärt er. So hat er bereits eines über ein Langzeit-EKG verfasst, aber auch jede Menge Reime haben sich über die Jahre ange-
häuft.

Während er das Protestgedicht schrieb, war er vor allem eines: wütend. "Ich kann mich noch erinnern, als nach dem Krieg Ochsen und Pferde die Karren durch die Straßen von Buchschwabach gezogen haben. Heute ist der ganze fruchtbare Boden zugebaut, dabei ist das Land so kostbar."


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Dem Bau des ICE-Werks hätte auch der Kirchenwald, der seit etwa 800 Jahren im Besitz der Buchschwabacher Kirchengemeinde ist, zum Opfer fallen müssen. "Wir dürfen nicht einfach nur zuschauen", dachte sich Wolfgang Herbert, "immerhin sind die meisten Bäume weit älter als ich." Und auch Pfarrer Jörn Künne hatte sich deutlich gegen die Planungen der Deutschen Bahn positioniert.

Herberts poetische Worte wertet Pfarrer Künne als "wichtigen Teil der Unterstützung, die wir jetzt zwar nicht mehr brauchen, die für die noch verbliebenen drei Standorte aber genauso gelten".

Mit dem Gedicht will der Pfarrer vor allem die "Herzen der Menschen erreichen". Das Konzept ging auf. "Wolfgang Herbert ist unser Internetstar", berichtet Künne. Bereits nach zwei Tagen erreichte der Youtube-Clip, in dem Herbert sein Gedicht vorträgt, 400 Klicks.

Auf der Homepage der evangelisch-lutherischen Pfarrei Roßtal findet sich das Gedicht und weitere Protestvideos,

www.ev-kirche-rosstal.de

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