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Sonntag, 25.08.2019

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kunst galerie: Die Zuversicht bleibt

Nach der Krise: Deutschlands kleinste kommunale Kunsthalle startet ins neue Jahr - 17.01.2011 15:00 Uhr

Hans-Peter Miksch, Leiter der kunst galerie fürth, mit Arbeiten von Christian Schad. Die Ausstellung zeigt Werke des vielgereisten Miesbachers , die zwischen 1913 und 1981 entstanden, und öffnet am Sonntagvormittag. © Mark Johnston


Der Oberbürgermeister hat im Oktober, als die Krise ihren Lauf nahm, Ihre Arbeit über den Klee gelobt und sich als Fan der Galerie bekannt. Wie beurteilen Sie eigentlich seine Arbeit als amtierender Kulturreferent?

Miksch: Das ist eine sehr schöne, kesse Fangfrage, die ich nicht beantworten werde. Lob ist immer schön. Ich nehme es an.

Ihre erste Reaktion, als sie vom Plan erfuhren, die Galerie zu schließen?

Miksch: Jung rief mich an, um mich zu informieren. Die Schließung sei Thema in der Sparkommission, in der Referentenrunde habe man einstimmig dafür votiert. Ich war konsterniert, bin aber ruhig geblieben. Ich hatte damit gerechnet, dass uns Kürzungen drohen. Aber nicht mit so etwas. Viele Menschen haben mich anschließend gefragt, sag mal, hat Jung das ernst gemeint. Mir schien das von Anfang an sehr ernst.

Sind das nicht jene Momente, in denen man sich sagt: Wenn ich jetzt meinen Emotionen freien Lauf ließe, würde ich gehen?

Miksch: Die Frage drängt sich auf. Doch man muss es sich in mehrfacher Hinsicht leisten können, seinen Emotionen freien Lauf zu lassen. Es geht hier ja nicht um meine Stelle, es geht mir wirklich um die Sache selbst. Wissen Sie, man kann eine große Einrichtung verkleinern, weil man sparen muss. Aber eine kleine abzuschaffen, das hat mich und meine Mitarbeiterin Jana Mantel dann doch fassungslos gemacht. Und ich weiß nach wie vor nicht, wie sich zwei völlig konträre Reaktionen unter einen Hut bringen lassen sollen. Die einen fragen „Braucht eine Stadt wie Fürth wirklich eine Galerie?“, die anderen sagen „Undenkbar, die Galerie abzuschaffen“.

Selten war die Galerie so voll wie am Tag des Jung-Auftritts und der Proteste. Schmerzt Sie so etwas nicht auch? Geht es Ihnen da nicht wie dem Pfarrer, der an Heiligabend vor vollem Gotteshaus predigt und sich im Stillen fragt, wo die Leute eigentlich für den Rest des Jahres sind?

Miksch: Nun ja, bei der Eröffnung des Galerie war es ebenfalls so voll. Und: Nein, es schmerzt mich nicht. Ich glaube auch, dass die meisten Pfarrer an Heiligabend nicht beleidigt sind. Falls doch, haben sie nicht die richtige Einstellung. Fakt ist: Der massive Protest bewirkte, dass Jung wirklich überrascht war. Und wir waren es ebenfalls. Mit über 3000 Unterschriften gegen die Schließung hätte ich in meinen kühnsten Träumen nicht gerechnet. Dass Eltern schrieben und Elternbeiräte von Kindergärten, dass eine Schule einen offenen Brief verfasste, das hat alle beeindruckt. Deshalb bleibt nicht Verbitterung, sondern Zuversicht. Für dieses starke öffentliche Votum bin ich dankbar. Zugleich ist es eine Verpflichtung.

Inwieweit haben die Vorgänge die hiesige Kunstszene vor den Kopf gestoßen? Welche Nachwirkungen bleiben?

Miksch: Ich spüre vorwiegend Resignation, nicht nur in Fürth. Das Dilemma ist ja, dass die Szene sich nicht an der Stadtgrenze trennt. Während das Schalten und Walten eines Lokalpolitikers an der Stadtgrenze endet, werden Sie keinen Künstler finden, der sagt, ich arbeite nur für Schwabach, aber nicht für Fürth. Daher waren die Schließpläne auch keine Fürther, sondern eine regionale Angelegenheit. Die Politik hat das gründlich unterschätzt. Natürlich stehen wir in Konkurrenz zu den Häusern in Nürnberg und Erlangen, aber genauso prompt kamen von dort die Gesten der Solidarität.

Aber glauben Sie tatsächlich, dass jetzt Ruhe ist? Wann naht die nächste Krise?

Miksch: Das ist Spekulation. Die aktuellen Wirtschaftsdaten sind ja positiv, der Aufschwung muss irgendwann mal bei den Kommunen ankommen. Ich hoffe, dass die Vereinbarung mit der Stadt in den nächsten drei Jahren Bestand hat (bis einschließlich 2013 deckt der Förderverein die Finanzierungslücke mit je 18000 Euro, FN). Danach erwarte ich selbstverständlich eine substanzielle Erhöhung der Finanzmittel. Ich erwarte, dass eine größere Lösung für den Bereich der institutionalisierten Kunstvermittlung der öffentlichen Hand gefunden wird.

Woran merke ich 2011, dass die Kunstgalerie auf Sparkurs fährt?

Miksch: Ich versuchte bereits 2010 einen Mix aus weniger und kostengünstigeren Ausstellungen. Wir weichen zudem von gewissen Gepflogenheiten des Kunstbetriebs ab. So weit es geht, verzichten wir auf den Dienst von Kunstspeditionen und holen die Werke selber mit dem Leihwagen ab. Wir verhandeln um günstigere Leihgebüren. Wir setzen verstärkt auf Ausstellungen, die von Stiftungen und vom Kulturfonds Bayern gefördert werden. Ein Sponsor und Mäzen finanziert die Herbstausstellung „Lucky“ mit Fotografien junger Menschen zwischen Kindheit und Pubertät.

Ihre Bilanz 2010?

Miksch: Es war ein nicht ganz so erfolgreiches Jahr. Die Wanderausstellung über den Banyan-Baum fand ich unklassisch, wild, amorph. Ich hatte deshalb auf ein Publikum von unter 20-Jährigen gehofft, aber ich habe mich verschätzt. Es ist keine Schande, zu sagen, das war mal ein absoluter Flop. Ebenso enttäuscht war ich von der Resonanz auf die Borobodur-Schau. Sie war konzipiert als Mischung aus Kunst- und Kulturgeschichte, aber die Rechnung ging nicht auf. Und die gut besuchte Ausstellung mit Winston O. Links Eisenbahn-Fotografien hätte mehr Zuspruch gefunden, wenn uns allen nicht in den ersten drei Wochen die brutale Sommerhitze zugesetzt hätte. Diese Temperaturen haben jeden von unnötigen Gängen abgehalten.

Ins neue Jahr starten Sie am Sonntag mit einem Überblick über das Werk von Christian Schad. Was fasziniert Sie an ihm und seiner Kunst?

Miksch: Wir haben bereits mehrfach Positionen der Moderne vorgeführt, zum Beispiel Arbeiten Raoul Hausmanns oder Hannah Höchs. Schad begann als Expressionist, streifte dann Dada und Neue Sachlichkeit und baute in der Nachkriegszeit seinen magischen Realismus aus. Diese Auffächerung finde ich spannend. Zudem ist Schad jemand, der in seiner Gesamtheit nicht so bekannt ist, aber für Reaktionen sorgt wie „Ach, das Bild habe ich schon mal irgendwo gesehen“. Seine Werke zu zeigen ist, wie wenn ein Theater wieder mal einen Klassiker spielt.

Ihr Schlusswort zum Theater um die kunst galerie fürth?

Miksch: Es war in seiner Qualität einmalig. Das meine ich nicht ironisch. Und jetzt ist aber auch mal gut!

  

Interview: Matthias Boll

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