Neuer Behindertenbeauftragter

Landkreis Fürth: Der Mann, der Barrieren abbauen will

Sabine Dietz
Sabine Dietz

Lokalredaktion Fürth

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An Bahnhöfen ohne Aufzügen ist für Menschen im Rollstuhl in der Regel Endstation. Eine Situation, die Betroffene nur zu gut vom Fürther und Zirndorfer Bahnhof kennen.

An Bahnhöfen ohne Aufzügen ist für Menschen im Rollstuhl in der Regel Endstation. Eine Situation, die Betroffene nur zu gut vom Fürther und Zirndorfer Bahnhof kennen. © Foto: imago images/Shotshop

Christian Siegling (57) ist der Behindertenbeauftragte für den Fürther Landkreis.

Christian Siegling (57) ist der Behindertenbeauftragte für den Fürther Landkreis.

Der Wechsel auf dem kommunalen Ehrenamt vollzog sich eher im Stillen. Gab es denn ein Bewerbungsverfahren, Herr Siegling?

Die Kreisverwaltung hat Gespräche mit diversen Kandidaten geführt. Und nachdem sich Landrat Matthias Dießl mit den Fraktionsvorsitzenden abgestimmt hatte, ist er im Juni mit der Frage an mich herangetreten, ob ich mir vorstellen könnte, das Amt zu übernehmen. Das Vertrauen, das er und der Kreistag meinen Fähigkeiten entgegenbringen, freut mich sehr. Und ich gestehe, dass ich auch sehr angetan davon war, als mir sogar Christian Schmidt als Bundestagsabgeordneter der CSU zur Amtsübernahme gratulierte.

Sie sind selbst sehbehindert, wie nehmen Sie die Welt denn wahr?

Mein Sehvermögen ist von Geburt an eingeschränkt, insoweit kann ich keinen Vergleich ziehen, ich kenne die Welt nicht anders. Wenn mir ein Gesprächspartner in eineinhalb Metern Abstand sagt, er trage eine Brille, muss ich das glauben. Wollte er mir erzählen, er habe dunkles Haar, obwohl er hellblond ist, käme ich ins Grübeln.

Hier in der Behörde bewegen Sie sich völlig sicher . . .

Ich habe 57-jähriges Training hinter mir, ich muss täglich mit meinem Handicap umgehen. Natürlich bin ich bestrebt, mich völlig normal zu bewegen. Und ich bemühe mich, mich mit allen möglichen Hilfsmitteln im Arbeitsleben und privat gleichzustellen. Im Büro habe ich beispielsweise eine Kamera, mit der ich meinen PC-Bildschirm als Lesegerät benutzen kann, auf dem Computer liegt eine besondere Software, die mir das Arbeiten erleichtert. Aber ich möchte meine Person auf keinen Fall in den Vordergrund stellen. Ich habe meinen Weg gefunden und mir das Leben so gestaltet, dass ich zurechtkomme. Und ich will anderen Betroffenen helfen, ebenfalls möglichst selbstbestimmt zu leben.

Wo liegen für Sie die Stolperfallen im Alltag?

Generell bevorzuge ich mir bekannte Wege, da weiß ich, wo mich Barrieren erwarten. Schwierig sind spontane Veränderungen, etwa wenn ein neuer Pfosten aufgestellt wurde. Wer ein Handicap mit sich herumträgt, hat einen anderen Blickwinkel. Und ich stelle immer wieder fest, dass Nichtbehinderte die Barrieren gar nicht erkennen, die sich für Behinderte aufbauen. Unlängst hat mich ein junger, geistig behinderter Mann angerufen, der beim Einkauf mit "Click and Meet" (Anmelden und vorbeikommen) scheiterte, weil er mit dem Internet überhaupt nicht klarkommt. Während der Lockdowns war das fatal. In unserer digitalisierten Welt ist er schnell abgehängt.

Konkret weiterhelfen konnten Sie dem jungen Mann wohl aber auch nicht, oder?

Ich kann Städte, Gemeinden und den Landkreis auf solche Schwachstellen aufmerksam machen. Doch da ist auch unsere Gesellschaft gefragt – und in diesem speziellen Fall der Einzelhandel. Generell sehe ich meine Aufgabe darin, die Interessen von Menschen mit Behinderung gegenüber dem Landkreis und den Städten und Gemeinden zu vertreten. Auch bei allen öffentlichen Bauvorhaben, egal ob Gebäude, Platz oder Straße, muss der Behindertenbeauftragte beteiligt werden. Außerdem stehe ich natürlich den Landkreisbürgern beratend zur Seite.

Das ist ein weites Feld, bedenkt man, dass über 12.600 Menschen im Landkreis leben, die einen Grad der Behinderung (GdB) über 50 haben und damit als schwerbehindert eingestuft sind. Mit den Menschen, die einen geringeren GdB haben, sind es knapp 16.000 Menschen, fast zwölf Prozent der Bevölkerung. Wie hoch ist der Beratungsbedarf?

Mittlerweile hat es sich herumgesprochen, dass ich der "Neue" bin, so mehren sich auch die Anfragen zu verschiedensten Anliegen. Ich stehe meiner Aufgabe sehr offen gegenüber und versuche, ihr gerecht zu werden. Aber ich muss auch erst noch in diese Funktion hineinwachsen. Doch die Leute erwarten zu Recht, dass ich ihnen weiterhelfen kann.

Das Amt des Behindertenbeauftragten ist eigentlich ein Ehrenamt. Im Landratsamt ist es durchaus üblich, Personal, das sich ehrenamtlich engagiert, für diese Tätigkeiten freizustellen.

Ich habe tatsächlich fünf Stunden in der Woche für die Ausübung des Amtes. Allerdings sind die Übergänge teils auch fließend: Im Wohnungswesen bin ich auch für die Förderung von Maßnahmen zur Anpassung von Wohnraum an die Belange von Menschen mit Behinderung oder dauerhafter Einschränkung zuständig. Dabei bin ich schon mit vielen Menschen mit Behinderungen in Kontakt gekommen.

Einerseits ist es für Sie von Vorteil, in der Kreisbehörde zu arbeiten. Andererseits riskieren Sie aber durchaus, sich in die Nesseln zu setzen, schließlich sollen Sie den Finger in die Wunden legen . . .

Darüber bin ich mir im Klaren, aber mir ist diese Aufgabe wichtig. Ich will etwas für Menschen mit Handicap erreichen. So viel Stehvermögen, auch mal einen Konflikt auszuhalten, habe ich.

, soll im öffentlichen Raum binnen zehn Jahren barrierefrei sein. Wie barrierefrei ist der Landkreis Fürth?

Meine Vorgänger haben ihre Arbeit schon gut gemacht, trotzdem liegt im öffentlichen Raum noch sehr viel im Argen. Da brauch’ ich nur die Bahnhöfe in Fürth oder Zirndorf ansehen, wo nach wie vor Aufzüge fehlen. Und es gibt noch viele kleine Gemeinden, in denen ein Rollstuhlfahrer umständlich über den Hintereingang ins Gebäude geschafft werden muss. Auch Systeme für Hörgeschädigte fehlen. In der einen oder anderen Kirche mögen solche Anlagen, in die sich ein Hörgeschädigter über sein Hörgerät einklinken kann, bereits installiert sein, aber in Bürgerhäusern, die für öffentliche Veranstaltungen zur Verfügung stehen, sucht man danach vergeblich. Es gibt also noch viel zu tun. Wir müssen dranbleiben, damit gleichwertige Lebensbedingungen für alle Bürger, gleich ob mit oder ohne Behinderung, geschaffen werden.

Zur Person: Christian Siegling (57), selbst sehbehindert, arbeitet seit 35 Jahren im Landratsamt Fürth und sitzt als Leiter des Sachgebiets Wohnungswesen, das zur Abteilung Bauen und Umwelt gehört, im Ämtergebäude Zirndorf. Der Verwaltungsamtmann im gehobenen Dienst lebt mit seiner Familie in Cadolzburg, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter. Ans Opa-Sein hat er sich mit einem dreieinhalbjährigen Enkel auch schon gewöhnt.

Christian Siegling ist telefonisch unter (09 11) 97 73 15 29 oder via Mail unter behindertenbeauftragter@lra-fuerth.bayern.de zu erreichen.

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