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Dienstag, 04.08.2020

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Lebenslinien gewebt und eng verflochten

Der marokkanisch-schweizerische Maler Karim Chaoui spürt Wechselbeziehungen auf - 19.05.2008

Malerei mit soziologischem Anstrich: Karim Chaoui verleiht mit seinen «Verflechtungen» Entwicklungen Ausdruck und will darin über die Psychologie hinausgehen. © Thomas Scherer


Der marokkanisch-schweizerische Künstler hat eine unglaublich dichte Art von optischen Teppichen gewebt, über die man meint, sicher gehen zu können. Zumindest aber stellt man sie sich bei einer Berührung weich vor. Die tausenden von Abzweigungen und Konturen kreuzen sich, bilden ein unentwirrbares Wollknäuel.

Automatisch denkt man dabei an menschliche Beziehungen, die sich oft ebenso anarchisch entwickeln und in kein Schema pressen lassen. Wollte man in einem großen Saal voller Leute alle Verbindungen zwischen den Anwesenden aufzeichnen, emotionale, verwandtschaftliche, berufliche und den ganzen Rest, müsste ein ähnlich kurioses Durcheinander herauskommen wie bei Chaoui. Psychologen versuchen so etwas gelegentlich, aber nur bis zu einer begrenzten Personenanzahl. Dann kapitulieren sie. Chaoui dagegen fängt hier erst an. An dem Punkt beginnt die Welt ihn zu interessieren.

Pfade der Träume

Genauso gut könnte er mit seinen roten und blauen, mal geraden und mal gewundenen Strichen Momente und Erlebnisse meinen, die zusammen schließlich ein ganzes Leben ergeben. Einbezogen sind dabei auch nicht ausgelebte Ideen und unverwirklichte Möglichkeiten, die Pfade der Träume.

Oder spielt der Maler darauf an, dass «Vernetzung» heute ein Modewort ist, dass jeder sich mit jedem kurzschließen und «Synergieeffekte» erzielen will? Jedenfalls meint er es ernst, bildet Kontakte ab, wie sie wirklich sind, mit all ihren Licht- und Schattenseiten. Auch Negatives wird nicht verschwiegen - dann laufen die Stränge eben wieder auseinander.

So wird der einzelne Faden in seinem Bezug zu den anderen, ihn umgebenden gezeigt, werden Einblicke in Vergangenheit und Zukunft möglich. Zum Glück tauchen immer wieder dunkle Begrenzungen auf, die die Übersicht erleichtern. Zudem gibt es hin und wieder Lichtinseln, die Transparenz in das undurchsichtige Dschungeldickicht bringen und dem Auge helfen, sich zurechtzufinden. Eine moderne soziologische Variante der Malerei, die fasziniert.

CLAUDIA SCHULLER

Karim Chaoui - «Enchevêtrements - Verflechtungen», zu sehen bis zum 4. Juli in der Galerie in der Promenade, Königswarterstraße 62.

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