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Lebenslust und Kassenfrust

Fünfter Teil der FN-Serie zu den Partei-Wahlprogrammen: Kultur-Standpunkte - 13.03.2014 06:00 Uhr

Von Vielfalt und Wohlfühlcharakter — unser Foto entstand beim Literaturfestival „Lesen!“ 2012 in der Adenaueranlage — ist häufig die Rede, wenn die Parteien kulturpolitisch Stellung nehmen. Wie beides zu halten und auszubauen ist, dazu gehen die Meinungen deutlich auseinander. © Hans-Joachim Winckler


Turbulente Jahre liegen hinter der Fürther Kultur. Der harte Sparkurs zwang das Stadttheater zu spürbaren Kürzungen, die kunst galerie fürth am Königsplatz entging nur haarscharf der Schließung, der Fortbestand des Klezmer Festivals schien gefährdet und der Etat des Kulturforums ist im Direktvergleich mit anderen Häusern noch immer ein Trauerspiel. Ist den Parteien das kulturelle Profil der Stadt etwas wert — und wenn ja, wie viel?

Unter der Überschrift „Vielfalt als Markenzeichen“ nennt die SPD das „breitgefächerte, vielfältige Kulturleben“ einen „unverzichtbaren Bestandteil“ der Stadt, dessen Pflege und Weiterentwicklung „ein besonderes Anliegen“ sei. Kulturziel Nummer eins ist die Umsetzung der Pläne für eine künftige kulturelle Nutzung im Gebäude des Hauptbahnhofes, und zwar „auch für Ateliers“. Ferner will sich die SPD dafür einsetzen, dass das Stadttheater „zumindest mit anderen Kommunen gleichbehandelt“ wird, wenn es um Zuschüsse des Freistaats geht. Noch immer bekommen Theater wie Erlangen oder Bamberg mehr Geld aus München.

Einen „festen Platz“ billigt die SPD den Festivals — Klezmer, Figurentheater und „Lesen!“ — zu, sie sollen weiterhin unterstützt werden. Neben der anerkannten Hochkultur müsse jedoch auch „neue, experimentelle und kritische Kunst sowohl im bildnerischen, literarischen als auch im darstellenden Bereich“ Gegenstand städtischer Förderung sein. Die Aktivitäten der Kofferfabrik, der Fürther Bagaasch sowie des Theaters aus dem Kulturkammergut erwähnt das Wahlprogramm beispielhaft.

Priorität im Museen-Sortiment hat im SPD-Programm der Erweiterungsbau des Jüdischen Museum Frankens, der „in Kürze“ erfolgen soll. Als „wichtiges Element im Kulturangebot der Stadt“ hebt die SPD die Vielfalt an freien Künstlern hervor und nennt beispielhaft den Kulturort Badstraße, dessen Bestand und Weiterentwicklung mit neuem Nutzungsvertrag bis 2020 gesichert wurde, sowie den Kunstraum Rosenstraße.

Von besonderer Bedeutung für die SPD ist das begleitende Angebot pädagogischer Konzepte „nicht nur im Stadttheater, sondern auch in der kunst galerie fürth sowie in den Museen, um auch die nachfolgende Generation an das kulturelle Angebot heranzuführen und Interessen zu wecken. Diese theater- und museumspädagogische Arbeit soll auch in Zukunft Unterstützung erfahren.

Einen vergleichsweise beachtlichen Raum — drei von 40 Seiten — nimmt die Kultur im Programm der Grünen ein. „Vielfalt statt Einfalt“ lautet die Devise. Kunst und Kultur verleihen den Grünen zufolge einer Stadt „Identität und Lebenslust“. Es gelte, die Kreativwirtschaft als Wachstumsbranche wahrzunehmen sowie deren Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Zur Kreativwirtschaft gehörten etwa freiberufliche Kulturschaffende, „ArchitektInnen, MusikerInnen, GrafikerInnen, TaxifahrerInnen, FilmemacherInnen“ ebenso wie Gaststätten und Kneipen, der ÖPNV, Druckereien und Galerien. Notwendig sei, die gezielte Wirtschaftsförderung an den Bedarf von Kultur- und Kreativwirtschaftenden anzupassen und ihnen den „Zugang zu Fremdkapital zu erleichtern“. Zusätzlich könnten kostengünstige Alternativen angeboten werden, etwa durch die Öffnung der städtischen Kulturstätten für die freie Szene ohne wirtschaftlichen Druck oder durch Zwischennutzung leer stehender Gebäude und Räume für Kunst und Kultur.

Zur Stärkung der freien Kultur- und Kunstszene sei mittel- bis langfristig die Errichtung von Stadtteil-Kulturläden und die „Etablierung von Straßenfesten/Stadtteilfesten notwendig“. Als „sinnvoll“ erachten die Grünen zudem ein eigenständiges Kulturreferat anstelle des aktuellen Konstrukts, unter dessen Dach auch Jugend und Soziales firmieren. „Zwingend“ sei die Stärkung des Kulturreferates, das personell wie finanziell „chronisch unterfinanziert“ sei.

„Unerlässlich“ sei für Fürth ein einheitliches Museumskonzept für alle in der Stadt bestehenden Museen – dies könne „ein gemeinsames Haus“ sein, in dem die meisten Museen untergebracht seien. „Zu nennen sind hierbei die kunst galerie fürth, das Rundfunkmuseum, das Kriminalmuseum, das Museum Frauenkultur Regional–International und das Dialysemuseum Fürth“. Dagegen lehnen die Grünen das Ludwig-Erhard-Haus ab — ohne Begründung.

„Kulturelle Angebote für Attraktivität Fürths unverzichtbar“, schlagzeilt die FDP. „Drastische, aber notwendige Kürzungen der Etats“ hätten in den vergangenen Jahren jedoch die Gestaltungsspielräume eingeschränkt. Dennoch lassen aus FDP-Sicht die steigenden Erwartungen an die Lebensqualität der Bürger „den Ausbau der Kultur in Fürth unverzichtbar erscheinen“. Die Stadt brauche ein schlüssiges Konzept und müsse in Kunst und Kultur investieren. „Die mittlerweile erfreulich sprudelnden Steuern und Abgaben geben Hoffnung.“ Zum „Leben mit Wohlfühlaspekt“, wie es in einem anderen Kapitel des Wahlprogramms heißt, zähle aber, dass die Innenstadt nicht weiter „totgebaut“ werden dürfe. Daher sind die Liberalen gegen den Erweiterungsbau des Jüdischen Museums Franken; der benötigte Raum könne im Nachbargebäude des Gasthauses „Tannenbaum“ gefunden werden.

Auf ein Foto beschränkt sich das kulturelle Engagement der Fürther CSU — es zeigt eine Außenansicht des Stadttheaters. Des weiteren herrscht Schweigen, es sei denn, der Leser mag die Willensbekundung „Dem gesellschaftlichen Leben vor Ort wollen wir mehr Freiraum geben“, verbunden mit dem Ziel, bei städtischen Veranstaltungen durchgängig auf Barrierefreiheit zu achten, auch aufs kulturelle Leben Fürths beziehen.

Kurz und knapp macht’s die Linke: Kultur sei „elementarer Bestandteil sozialer Sicherheit und Voraussetzung für die Teilnahme am öffentlichen Geschehen“. Deshalb verteidigt die Linke die öffentliche Daseinsvorsorge und tritt für ihre Stärkung und Ausweitung ein.

Die Republikaner nennen in ihrer Rubrik „Kultur und Brauchtum“ stichpunktartig als Ziele, private Initiativen zur Kulturförderung zu unterstützen, staatliche Zuschüsse für Stadttheater, Stadthalle „und weitere kommunale Kulturträger“ zu erhöhen sowie „Tradition, Brauchtum und Heimatverbundenheit im örtlichen Kulturleben“ zu stärken.

Kaum ein Thema ist die Kultur im Fürth-Programm der Freien Wähler — gleichwohl wenden sie sich gegen den „Abriss oder Veränderungen von Kulturbaudenkmälern (z.B. Grundig-Villa, Fürther Hauptbahnhof)“ und den „Betonklotz hinter dem Rathaus“. Gemeint sein dürfte das Ludwig-Erhard-Haus.
  

VON MATTHIAS BOLL

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