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Leerstände: Schwierige Zeiten am Zirndorfer "Broadway"

In der Nürnberger Straße tun sich zunehmend Lücken auf - 12.06.2019 15:59 Uhr

Das Gebäude, in dem zuletzt eine Textilreinigung zu finden war, steht seit längerem leer. Für Bürgermeister Thomas Zwingel ist es „ein Schandfleck“. © Foto: Ralf Rödel


Einen besseren Branchenmix wünscht sich nicht nur Ludwig Heid für die Nürnberger Straße. Doch das Interesse von Geschäftsleuten und auch Eigentümern, etwas zu ändern, ist verhalten. © Foto: Ralf Rödel


"Heute", sagt der Zirndorfer Ludwig Heid, "geht die einstige Einkaufsmeile immer mehr den Bach hinunter." Discounter und Supermärkte auf der grünen Wiese und an den Stadträndern bedrängten den Einzelhandel. In Zirndorf komme demnächst noch der Aldi am Pinderpark dazu, "und in der Nürnberger Straße machen sich zusehends Leerstände breit", moniert er.

Die freilich stechen nicht unbedingt ins Auge, sie sind gleichmäßig gestreut, doch je höher die Hausnummer bergab Richtung Bibert, desto mehr dünnt sich das Angebot aus. "Was haben wir hier noch?", fragt Heids Frau Gabriele, "im Einkaufsmarkt Zim einen Rewe, der schlecht läuft, und Filialisten." Die Alteingesessenen würden immer weniger.

Gabriele Heid hat bis Ende vergangenen Jahres das Feinkostgeschäft "Genuss pur" betrieben, jetzt hat sie es an die Tochter abgegeben. Doch sie steht nach wie vor stundenweise im Laden. Er laufe gut, sagt sie, dank der Stammkundschaft. "Das Individuelle, die schöne Verpackung oder das Schleifchen am Geschenk sind eben doch gefragt", meint ihr Mann. Nur das Umfeld gefällt den Heids nicht. Ein paar Häuser weiter vergilben die Plakate, die im leerstehenden Laden hinter den Schaufenstern pappen.

Es fehle ein Mix von Branchen, die sich gegenseitig befruchten könnten, das hört man von den Einzelhändlern an diesem Standort öfters. "Die Zirndorfer", scherzt Ludwig Heid, "müssen alle blind und taub sein, so viele Optiker und Hörgeräteakustiker wie es hier gibt. Hier ist kein Flair mehr, kein Charme", der einfach mal zum Bummeln einlade.

Dabei sei die Nürnberger Straße noch bis in die 80er Jahre der "Broadway von Zirndorf" gewesen. "Hier hat man alles gekriegt, sogar die Schrauben konnte man einzeln kaufen" – in einem Eisenwarengeschäft, das auch mit Hausrat gut sortiert war, das es aber längst nicht mehr gibt. Die hochbetagte Besitzerin hatte keinen Nachfolger.

Keine Laufkundschaft

Laufkundschaft? Fehlanzeige. Seit der Marktkauf 2012 dicht machte, bleibe auch die aus. Als Vollsortimenter habe Marktkauf auch Kunden aus Oberasbach oder Langenzenn angezogen, die dann mal den Schwenk in die Nürnberger Straße nahmen, doch das sei vorbei.

Dann wäre da noch die ZiMa, die Zirndorf Marketing eG, die andernorts als Gewerbeverein firmiert. Ihre Vorsitzende Nadine Bischoff sieht ihre Aufgabe darin, die Händler mit Aktionen zu unterstützen, bei denen Heid angesichts wechselnder Themen die Linie vermisst. Dabei sei Zirndorf doch die Spielzeug-Stadt, die in ihrem Logo mit einem rotierenden Kreisel für sich wirbt. "Aber bei uns gibt es nicht einmal mehr einen Spielzeugladen."

Im Ortsteil Leichendorf allerdings ist eine Spielzeug-Marke zu haben, die weltbekannt ist. Wie Besucher vom Playmobil-Funpark mehr ins Zentrum gelockt werden könnten, darüber haben in Zirndorf schon viele gerätselt. Heid weiß auch keine Lösung. Sein "Wunsch an die gute Fee" wäre eine Seilbahn vom Funpark zum Marktplatz. Auf jeden Fall kämen die Familien in Zirndorf unter: Das Angebot an Ferienwohnungen sei üppig.

Dass das Einzelhandelsangebot definitiv vielfältiger sein könnte, stellt auch Nadine Bischoff nicht in Abrede. Doch sie ist überzeugt: "Wer sich besonders und unentbehrlich macht, der wird sich halten können." Interessenten, die leere Ladenflächen füllen wollten, sind bei ihr noch nicht vorbeigekommen. Immer wieder habe die ZiMa versucht, Leerstände zu beheben, eine Zwischennutzung etwa als Ausstellungsraum anzustoßen, doch die Eigentümer zeigten sich nicht interessiert. "Letztlich können wir auch nicht mehr tun, als bitte, bitte zu sagen."

Der Stadtverwaltung die Schuld für das Darben in der Nürnberger Straße zu geben, "wäre zu billig", räumt Heid ein. Er zeigt sich selbst etwas ratlos. Keiner könne die Eigentümer verpflichten, ihre Immobilien in Schuss zu halten, auch wenn die einstige Textilreinigung allen Anliegern ein Dorn im Auge ist. Im gegenüberliegendem Foto-Geschäft spricht Inhaberin Christine Lämmermann von einer Baracke. Kein Tag vergehe, an dem sie die Kundschaft nicht auf das Gebäude anspreche, dessen eingebrochene Schaufenster mit Holzplatten vernagelt sind. Aktiv Mieter suchen, mehr Steuerung seitens der Stadt, sinniert Heid, vielleicht könnte das helfen — oder Anreize geben, zu investieren.

Bürgermeister Thomas Zwingel winkt ab. "Ich kann schlecht städtisches Eigentum verschenken." Und genau so wenig könne er in privates Eigentum eingreifen. Als Stadt, so Zwingel, "können wir Leerstände nur bedingt angehen und in den wenigsten Fällen treffen wir auf Bereitschaft, sie anzupacken". Konkret hat er das bei dem Besitzer der einstigen Textilreinigung versucht: Für Zwingel ist das Haus derzeit "ein Schandfleck". "Wir haben beratend Hilfe angeboten, doch der Besitzer hat klipp und klar gesagt, er habe kein Interesse, es sei denn er könnte eine Spielhalle einrichten."

Gründe für die Leerstände in der Nürnberger Straße nennt Zwingel etliche: die fehlenden Nachfolger, die schlechten Zuschnitte der Läden, keine Barrierefreiheit und letztlich der Online-Handel und damit auch das Konsumverhalten der Kunden. "Da müssen wir als Verbraucher selbst unser Verhalten hinterfragen."

Zwingel wähnt Zirndorf in der gleichen Situation wie viele Kleinstädte: Wenn sie im Dunstkreis größerer Kommunen lägen, litten alle unter dem Problem, dass ihre Zentren ausbluten. Allerdings hat er beobachtet, dass Geschäfte, die zweigleisig fahren, also auch online präsent sind, sich gut halten können.

Auch im Internet präsent

Zum Beispiel Rudolf Wiegand, der sich zufrieden mit seinem Standort zeigt: Erst vor einem Jahr hat er seine zwei kleineren Läden auf gut 200 Quadratmetern zu einem Hörakustik- und Optik-Geschäft zusammengelegt und sich einem Internet-Portal angeschlossen. Das sichert ihm einen kontinuierlichen Zustrom an Neukunden – ein zusätzliches Standbein, das er nicht mehr missen möchte. Sein Versuch, über die ZiMa einen Online-Marktplatz des Zirndorfer Einzelhandels aufzubauen, scheiterte am mangelnden Interesse.

SABINE DIETZ

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