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Lieblichste Madonna Frankens als Leihgabe

Die Puschendorfer Marienfigur mit Kind bereichert die Landesausstellung zu Kaiser Karl IV. - 02.01.2017 06:00 Uhr

Mit einem Foto von ihrer Madonna müssen sich derzeit Pfarrer Markus Broska und die Gottesdienstbesucher in der Puschendorfer Sankt-Wolfgangs-Kirche trösten.

29.12.2016 © Foto: Petra Fiedler


Pfarrer Markus Broska deutet auf den Seitenaltar der Puschendorfer Sankt-Wolfgangs-Kirche. „Hier steht sie normalerweise“, weist er auf den Mittelpunkt des Altares hin. Vor dessen blauem Hintergrund und dem Sternenkranz zeigt sich derzeit allerdings nur die Ersatzmadonna in Form einer Fotografie. Bis März 2017 wird die echte nicht mehr an ihren Stammplatz zurückkehren.

Pfarrer Broska ist Hausherr des Dorfkirchleins, das auf dem Sockel eines einstigen Herrensitzes der Nürnberger Patrizierfamilie Haller errichtet wurde. 1469 ging der ländliche Adelssitz in den Besitz des Kartäuserklosters Nürnberg über, das ihn in den Jahren 1489 bis 91 durch ein Gotteshaus ersetzte. Das sollte natürlich angemessen ausgestattet werden und deshalb zog die Madonna aus der freien Reichsstadt aufs Dorf.

Schon damals, im ausgehenden 15. Jahrhundert, war die Madonna über 100 Jahre alt. Denn ihren Ursprung hat sie in Prag. Deutlich vor 1380 ist sie entstanden, und damit schließt sich der Kreis zu Kaiser Karl IV., der nach dem Tod seines Vaters 1346 zum größten Herrscher auf böhmisch-deutschem Gebiet aufstieg. Die Madonna entstand, als Karl regierte.

Karl IV. war ein ausgefuchster Machtpolitiker. Nach dem Tod seiner ersten Frau Blanca von Valois war er noch dreimal verheiratet. Mit jeder Heirat vermehrte er Ländereien, Reichtum und Macht. In der Ausstellung wird die Madonna aus Puschendorf neben einer Urkunde gewaltigen Ausmaßes gezeigt. Diese besiegelt die Verpfändung Neuböhmens, zu dessen Territorium Mittelfranken damals gehörte. Das fränkische Pfand machte den Erwerb Brandenburgs möglich. Der Kaiser wollte damit Handelswege bis zu den Hansestädten an den Küsten sichern und, was politisch nachhaltig wirkte, er hatte damit eine weitere Kurstimme eingekauft, denn die Stimme der Kurfürsten entschied über die Wahl des Kaisers.

Karl IV. benannte Prag und Nürnberg zu seinen Residenzstädten, verbunden durch die goldene Straße, auf der wohl auch die Puschendorfer Drachenmadonna nach Mittelfranken gekommen sein muss. Bis heute wissen die Kunsthistoriker nicht, ob sie Geschenk, Kauf oder Auftragsarbeit war.

Ein Herrscher dieses Zuschnitts präsentiert und repräsentiert gerne. Karl IV. sah sich in der Reihe der weisen Herrscher, die Kunst und Kultur förderten. In Prag scharte er bedeutende Künstler der Zeit um sich. In diesem Kontext steht die rund 1,38 Meter große Madonnenfigur aus Puschendorf.

Für Kurator Wolfgang Jahn vom Haus der Bayerischen Geschichte ist es erstaunlich, dass ein Kunstwerk aus der Blütezeit der Prager Werkstätten in einem so entlegenen Ort aufbewahrt wird. „Die Puschendorfer Madonna erzählt einen Teil der bayerisch-böhmischen Geschichte“, erklärt Jahn, „ansonsten wäre es ja für uns ganz unverständlich, warum ein so hochrangiges Kunstwerk aus Prag die Reise auf ein Dorf in Mittelfranken angetreten hat“, und er betont: „Die Madonna hat ja historische Wege genommen und ist nicht vom Kunsthandel bewegt worden."

Bleibt noch die Besonderheiten der Marienfigur zu erklären, die auf einer breiten Bank mit Kissen sitzt und das Böse in Form des fauchenden Drachen mit Füßen tritt. Wolfgang Jahn interpretiert die Symbolik: „Der Drache als Symbol des Unheils ist der Unterlegene und Maria beherrscht ihn.“ Wer dann noch den dargebotenen Jesusknaben betrachtet, entdeckt, dass dessen linker Zeigefinger auf das gezähmte Böse deutet.

Zwei kunsthistorische Besonderheiten machen die Puschendorfer Drachenmadonna aus. Entgegen der meisten Darstellungen dieser Zeit trägt sie ein für Franken typisches Kopftuch und nicht die Marienkrone. Wohl ein typischer Kunstgriff des namentlich nicht bekannten Prager Meisters. Denn Kunsthistoriker bringen ihn noch mit einem anderen Werk der Gotik in Verbindung, der Madonna von Hochpetsch. Auch sie trägt Kopftuch, weist Ähnlichkeiten in der Physiognomie und in der Bewegung der Mantelfalten auf.

Zu einer Ausnahme in der Kunstgeschichte macht die Puschendorfer Madonna aber der Griff ihrer Hand an das Kinn Jesu. Jahn: „Das ist eine Besitzgeste und ist eher bei Jesu gegenüber seiner Mutter verwendet worden.“ Kunsthistoriker interpretieren, dass damit die Aufmerksamkeit auf den Mund Jesu gelenkt werden soll, der das die Heilsgeschichte in Gang setzende Gotteswort formuliert hat. Dieser Handgriff und dass die Madonna ihr Kind nahezu verschmitzt betrachtet, haben ihr Ruhm eingebracht. Puschendorf ist die Heimat der „Lieblichsten Madonna Frankens.“

PETRA FIEDLER

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