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Mauereidechsen erobern den Fürther Bahnhof

Seltene Art findet an der Karolinenstraße gute Bedingungen - 29.10.2020 11:00 Uhr

Blinde Passagiere: Mit dem Güterzug sind die Eidechsen wohl aus Nürnberg nach Fürth gekommen.

27.10.2020 © Helmut Willert


Die Liebe zu Tieren ist Helmut Willert quasi in die Wiege gelegt worden. Wenn er an seinen ersten Schultag zurückdenkt, erinnert er sich nicht nur an die Schultüte in der einen Hand, sondern an einen Pappkarton in der anderen. Darin, so erzählt der 60-Jährige, waren ein paar Vogelküken.

Vögel aufgepäppelt

Sie galt es während der Schulzeit aufzupäppeln, weshalb der kleine Helmut mit seinem Lehrer einen Deal schloss: "Wenn ich die Vögel während des Unterrichts nicht füttern darf, geh’ ich gleich wieder", so die Ansage des Buben für seinen Pädagogen. Die ganze Schulzeit über hatte er fortan immer ein paar Piepmätze dabei, die er neben dem Unterricht aufzog.

Nötig war dies, weil sein Vater, der eigentliche Vogelfreund in der Familie, der sich aus dem Nest gefallener Tiere annahm, tagsüber aber arbeiten musste. Deshalb kümmerte sich der Sohn, der aber bald andere Tiere in den Fokus nahm: Amphibien und Reptilien.

Das tut der Oberasbacher bis heute. Besonders für Eidechsen setzt er sich ein. Er sucht nach bisher unbekannten Vorkommen, kartiert sie und versucht, sie zu schützen, wenn Bauvorhaben ihren Lebensraum bedrohen.Im Fürther Landkreis stoppte er vergangenes Jahr etwa den Fußballplatzbau an der Jahnstraße in seinem Heimatort, nachdem er dort einen Zauneidechsen-Bestand nachgewiesen hatte. Vor Jahren entdeckte er auch eine Mauereidechsen-Population auf der Cadolzburg und Zauneidechsen entlang der dortigen Bahnstrecke.

Nun hat der Elektriker-Meister, der sich sein ganzes Wissen über Reptilien selbst angelesen hat und inzwischen auch als Experte anerkannt ist, eine neue Population entdeckt. Dabei handelt es sich um einige Exemplare der äußerst seltenen Mauereidechse. Sie genießt höchsten Schutz, da sie extrem bedroht ist.

Kein Zufallsfund

Umso mehr freute es Willert, als er etwa zehn Exemplare auf den Bahngelände an der Fürther Karolinenstraße entdeckte. Den Fund machte er freilich nicht zufällig: Seit Jahren beobachtet Willert einen Bestand von etwa 1500 Tieren, die in der Nürnberger Austraße unweit der Jansenbrücke leben. Bis 2009 war dort ein Umschlagplatz für Gütercontainer, inzwischen findet sich an dieser Stelle eine Werkstatt für Regionalzüge. Willert vermutete, dass sich die Tiere von dort aus verbreitet haben könnten – und lag richtig.


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Er glaubt, dass einige von ihnen bei der Verlegung des Güterbahnhofs mit Waggons als blinde Passagiere weitergereist sind. Gerne ließen sich die Echsen nämlich auf den von der Sonne aufgewärmten Wagen nieder. Überhaupt nutzten die Echsen solche Verbreitungswege. Sie fänden sich auch, so Willert, in Obstkisten, die aus Italien kommen, oder in Töpfen mit Weinreben oder Olivenbäumenaus dem Baumarkt.

Vegetationsarme Gebiete

Die Fürther Tiere, da ist sich Willert aufgrund von Fotos sicher, stammen tatsächlich aus der Nürnberger Population. An der Fundstelle unweit des Fürther Bahnhofs fänden sie gute Bedingungen. Denn Mauereidechsen brauchen "vegetationsarme Flächen mit Steinen." Willert geht davon aus, dass sich die Reptilien dauerhaft hier ansiedeln und auch vermehren werden. Zwar sei der Streifen, auf dem sie leben, recht schmal, doch auch einige stillgelegte Gleise könnten zum Lebensraum werden. Auch das Gelände des ehemaligen Recyclinghofs ganz in der Nähe sei ideal.

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Im Frühjahr, wenn die Tiere aus der Winterstarre erwachen, will sich der 60-Jährige weiter auf die Suche machen. Bis es so weit ist, wird er alle Bestände mit genauem Standort erfassen und kartieren – auch, damit er bei eventuellen Bauvorhaben schnell reagieren und die geschützten Tiere retten kann.

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