Mehr Emotionen, mehr Inhalte, mehr Vermittlung

21.12.2017, 19:00 Uhr
„Familien werden von der Ausstellung nicht abgeholt“: Museumschefin Jana Stadlbauer, hier im Fünfziger-Jahre-Wohnzimmer mit dem „Kuba Komet“ im Hintergrund, setzt auf neue Konzepte wie etwa Technik-Inseln, Audiostationen und erzählte Rundfunk-Geschichte(n).

© Foto: Thomas Scherer „Familien werden von der Ausstellung nicht abgeholt“: Museumschefin Jana Stadlbauer, hier im Fünfziger-Jahre-Wohnzimmer mit dem „Kuba Komet“ im Hintergrund, setzt auf neue Konzepte wie etwa Technik-Inseln, Audiostationen und erzählte Rundfunk-Geschichte(n).

Nun geben auch noch die Deckenlampen den Geist auf, wie Martin Schramm, Leiter der städtischen Museen, den entgeisterten Mitgliedern des Kulturausschusses berichtete. Ersatzlampen gibt es nur noch in benachbarten Gebäuden in der Uferstadt. Wenn das nur das einzige Problem wäre. Nach personellen Turbulenzen geht jetzt ein langfristiges Modernisierungskonzept an den Start, vorsichtige Kostenschätzungen belaufen sich auf 900 000 Euro. Bis 2023 könnte das Museum runderneuert sein, so der Plan von Kulturreferentin Elisabeth Reichert und Museumschefin Jana Stadlbauer. Die 29-jährige Fürtherin, die Geschichte und Europäische Ethnologie studierte und ihre Masterarbeit über fränkische Freilandmuseen vorlegte, kam 2008 als 450-Euro-Kraft ans Haus, wurde 2014 stellvertretende Leiterin und im Januar 2017 schließlich Chefin. Was sie vorhat, verrät sie den FN im Interview.

Als Sie Ihr Amt als Chefin antraten, welches Gefühl überwog da: "Toll, dass ich hier loslegen kann!" oder "Oh Gott, hier gibt es ja tausend Dinge zu tun"?

Stadlbauer: Wenn man in so jungen Jahren eine solche Stelle bekommt, freut man sich natürlich. Klar, es gibt sehr viel zu tun. Wenn ich durch die Ausstellung laufe, denke ich immer: Da ist Luft nach oben.

 

Welches Objekt würden Sie besonders gern einschalten?

Stadlbauer: Am Kuba Komet aus dem Jahr 1959, der damals das war, was man heute High End nennen würde. Das Design ist bestechend, das Flair herrlich nostalgisch.

 

Weg von 1959 zur aktuellen Lage. Das Museum wechselte 2001 in die Uferstadt, doch der Tenor der Debatten in jüngerer Zeit lautet: eine einzige Rumpelkammer. Was wurde in der Zeit vor Ihnen konkret versäumt?

Stadlbauer: Das Haus wurde zwar als Museum eingerichtet, doch gibt es Dinge, die, ich sag’ es mal vorsichtig, seltsam anmuten. Zum Beispiel wurde zwar Estrich verlegt, aber kein Bodenbelag. Ein Großteil der Objekte steht in unverglasten Schwerlastregalen, die mit Museumsvitrinen nichts zu tun haben. Außerdem hat sich seit 2001 in Sachen Ausstellungstechnik einiges geändert. Der Anspruch war früher ein anderer. Ich würde es "pragmatisch" nennen.

 

Ist das Rundfunkmuseum 2017 ein Sorgenkind?

Stadlbauer: Überhaupt nicht, dafür läuft es viel zu gut. Die Zahlen sind stabil, 2017 werden sie ein bisschen über dem Vorjahr liegen, als wir 10 600 Besucher hatten. Für ein Haus dieser Größe ist das gut. Das Team ist motiviert. Ich mache mir keine Sorgen. Wir wissen, was wir wollen.

 

Die Dauerausstellung soll ein neues Konzept bekommen, das Museum ein Haus mit wissenschaftlichem Anspruch werden. Neun von zehn Fürther Familien fragen sich gerade: Wieso denn das?

Stadlbauer: Weil gerade Familien von der Ausstellung nicht abgeholt werden. Im Moment gibt es zu wenig Vermittlung, das muss sich grundlegend ändern. Wenn ich Kontexte nicht vermitteln kann, wie es in anderen Häusern längst Standard ist, dann finde ich das schade. Der wissenschaftliche Anspruch sollte die Grundlage für die zu vermittelnden Inhalte bilden. So haben wir in Sonderausstellungen bereits ein paar interaktive Ideen getestet, wie etwa Tablets und Audiostationen.

 

Sie sprechen von Standards, die an anderen Häusern längst gang und gäbe sind. Was meinen Sie damit?

Stadlbauer: Das geht schon beim Eingangsbereich los. Normalerweise stößt der Besucher auf einen offenen Tresen, hier nicht. Auch sollte nicht die Masse der Objekte wichtig sein, sondern die Geschichten, die ich zu auserwählten Objekten erzähle. Was hier generell fehlt, ist ein roter Faden, der Besuchern die Möglichkeit gibt, ein Thema zu vertiefen. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Der Sonntagsbesucher findet das, was ihn hier bei uns erwartet, toll. Allerdings hat man nicht immer den Eindruck, dass er das Thema auch verstanden hat.

Hat das Museum im jetzigen Zustand überhaupt eine Zukunft?

Stadlbauer: Ja. Die Frage ist nur, ob das gut ist. Im Moment funktioniert das Haus noch, weil es getragen wird vom Service und den Angeboten, die wir machen. Die Ausstellung aber wird sich so nicht halten können. Deshalb wollen wir uns ein bisschen von dem Thema Sammelleidenschaft verabschieden. Das Potential des Hauses ist wahnsinnig groß. Jeder schaut fern oder hört Radio, man kann authentisch Geschichte vermitteln. Davon träumen andere Museumsmacher.

 

Im jüngsten Kulturausschuss hatte man das Gefühl, dass die Stadträte urplötzlich euphorisch sind, wenn sie nur ans Rundfunkmuseum denken. Wissen Sie, wo die in all den Jahren waren? Warum vertraut man Ihnen?

Stadlbauer: Das müssen Sie die Stadträte selber fragen. Ich kann die Leitungsfunktion jedenfalls gut ausgebildet und entspannt ausfüllen. Ich glaube, der Stadtrat honoriert jetzt, dass wir fundierte Konzepte erarbeiten, die zum Haus, zu Fürth und zu den Besuchern passen. Ohne Hirngespinste.

 

Dann erzählen Sie uns doch mal vom Museum der Zukunft.

Stadlbauer: Auf keinen Fall will ich das Haus totmodernisieren. Wichtig ist mir, das gesamte Team und den Förderverein mitzunehmen. Erstens: Es macht Sinn, die Anzahl der Objekte zu reduzieren. Zweitens gilt es, Medienkompetenz zu erwerben durch Medien-Inhalte. Wir haben zwar zig Fernsehgeräte und Radios, aber keinen einzigen "Tagesschau"-Beitrag. Drittens soll es darum gehen, die Ding-Mensch-Beziehung besser aufzugreifen. Der Grundig, gekauft vom ersten Lehrgeld, das sind Geschichten, die wir mit Zeitzeugen-Interviews einholen wollen. Der meistgehörte Satz hier heißt "Das hatte meine Oma auch" — mehr Emotionalität, darauf möchte ich aufbauen. Viertens: Technikvermittlung. Ich kann mir Technik-Inseln vorstellen, auf denen Entwicklungen gezeigt werden. Wie kommt denn zum Beispiel die Farbe ins Farbfernsehen? Derzeit kriegen Sie das hier in Führungen vermittelt. Wenn Sie aber allein unterwegs sind, überhaupt nicht.

 

Der Plan, den Sie im Kulturausschuss vortrugen, lautet, alle fünf Ebenen des Hauses Jahr für Jahr zu erneuern, zum Rundfunkjubiläum 2023 könnte man fertig sein. Halten Sie das wirklich für umsetzbar?

Stadlbauer: Die Stadträte waren von dem Plan angetan, aber es ist noch viel zu tun. Mit der Experimentierwerkstatt sind wir schon stark weitergekommen, unser Ziel für 2018 ist, sie zu eröffnen. Dann wollen wir ein Vorkonzept für die neue Dauerausstellung vorlegen. Und wir müssen mit Teilen des Depots, das im City-Center war, umziehen. Da sind in der Uferstadt Räumlichkeiten in Aussicht. Im Hintergrund sind in den vergangenen Monaten viele Dinge passiert. . .

 

. . .unter anderem die Trennung von Ihrem Vorgänger Andy Könnicke im Sommer 2017, der schon Ende 2016 zum wissenschaftlichen Mitarbeiter degradiert wurde. . .

Stadlbauer: Jedenfalls ist es uns gelungen, das Haus wieder ins Fahrwasser zu bringen.

 

Woran merke ich das 2018?

Stadlbauer: Es wird zwei große Sonderausstellungen geben. Im Mai kommt "Made in Franken", wo wir uns nicht nur den großen, sondern auch mal den kleinen regionalen Unterhaltungselektronik-Unternehmen widmen wollen. Im Juni folgt dann die Schau zum 25-Jahr-Jubiläum des Rundfunkmuseums, in der wir unsere Arbeit in den Mittelpunkt rücken.

 

Etwas weniger in Aufbruchstimmung sind die Stadtrats-Grünen. Sie halten die Lage für nicht ideal, ein Museum mit solcher Ausstrahlung gehöre in die City. Richtig?

Stadlbauer: Nein. Wir alle hier sind große Fans des Ortes, denn er ist authentisch. Wenn Sie in einer Führung erzählen, wo Grundigs Schreibtisch stand, sind alle platt. Das Haus hat eine gute Größe und ist gut angebunden ans Naherholungsgebiet und den ÖPNV. Richtig bleibt dennoch, dass man uns suchen muss. Ohne Ende Laufkundschaft haben wir nicht. Das eine oder andere Hinweisschild am Radweg oder in der Kurgartenstraße wäre nicht übel. Aber ich bin strikt dagegen, mit einem Umzug ein Stück Fürther Geschichte mutwillig aufzugeben.

 

Brandaktuelle Schlussfrage: Wo findet man Sie zu Weihnachten eher, vorm Fernseher oder am Radio?

Stadlbauer: Eher vorm Fernseher, denn ich muss immer "Weihnachten bei Hoppenstedts" angucken. Obwohl ich denke, dass man zu Weihnachten auch ohne Fernsehen auskommen sollte. Meine Großeltern hören immer Radio.

 

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