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Migräne: Heilung gibt es nicht - Hilfe schon

Schmerzspezialist Dr. Robert Crahé über Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten - 05.09.2020 11:00 Uhr

Wie ein Gewitter im Hirn: Jede vierte Frau zwischen 30 und 40 Jahren leidet unter Migräne-Attacken.

© Foto: Mihai Simonia / shutterstock.com


Chronische Migräniker haben an mehr als 15 Tagen im Monat Kopfschmerzen, sogenannte episodische Migräniker an bis zu 15. Im Interview erklärt Oberarzt Dr. Robert Crahé (57) , der mit Dr. Bianca Röschke die schmerztherapeutische Tagesklinik und die Schmerzpraxis am Klinikum Fürth leitet, wie sich die Volkskrankheit in Schach halten lässt und wie effektiv die neuen CGRP-Antikörper sind.

Herr Dr. Crahé, Menschen, die Migräne haben, sieht man ihr Leiden nicht unbedingt an. Was passiert bei einem Migräne-Anfall im Kopf?

Man weiß das nicht endgültig, aber es gibt drei Theorien. Eine geht davon aus, dass sich die Blutgefäße im Kopf erweitern, warum auch immer, und so Schmerzen verursachen. Die zweite basiert auf der Vorstellung eines plötzlichen Gewitters im Hirn, einer explosionsartigen Entladung durch alle Hirnregionen. Die dritte Vorstellung geht von einer Nervenentzündung aus. Sicher spielen die Gene eine Rolle und zunehmend Umweltfaktoren. Fest steht auch, dass bestimmte Faktoren Migräne auslösen können. Solche Trigger sind Stress, Schlafentzug, unregelmäßiges Essen, auch Nahrungs- und Genussmittel wie Rotwein, Käse . . .

. . . oder Schokolade?

Die ist kein Auslöser. Sie kommt erst ins Spiel, wenn der Migräneanfall schon im Gang ist. Die Migräne verbraucht im Hirn viel Energie, der Körper fordert diese dann zurück, eine Migräne kann also von Heißhunger begleitet werden.

250 Arten von Kopfschmerzen

Wie unterscheidet man Migräne- von anderen Kopfschmerzen?

Es gibt etwa 250 Arten von Kopfschmerzen und Mischformen. Spannungskopfschmerzen verteilen sich eher diffus über den Kopf und haben ziehend-drückenden Charakter. Migräneschmerzen sind oft einseitig und pochend, sie verstärken sich bei körperlicher Aktivität. Oft reagieren die Patienten überempfindlich auf Licht oder Lärm und
leiden unter Übelkeit bis zum Erbrechen.

Oberarzt Dr. Robert Crahé (57) leitet zusammen mit Dr. Bianca Röschke die schmerztherapeutische Tagesklinik und die Schmerzpraxis am Klinikum Fürth. Die Tagesklinik gibt es seit 2004, die Praxis seit April 2020. Crahé ist Anästhesist mit Zusatzausbildungen in Palliativmedizin und Schmerztherapie, er bildet Schmerztherapeuten aus.

© Foto: Klinikum Fürth


Die Migräne verläuft in drei bis vier Phasen, von denen die Kopfschmerzphase bis zu drei Tage dauern kann. Einige Patienten sehen vorher unscharf oder haben Doppelbilder, eine sogenannte Aura. Nach der Schmerzphase klingt die Migräne ab, oft sind die Betroffenen dann noch tagelang schwach und müde.

Natürlich lässt sich die Migräne nicht mit Krebs oder anderen lebensbedrohlichen Krankheiten vergleichen, die mitunter irgendwie hinterrücks und gemein anmuten. Was meinen Sie: Wie fies ist die Migräne?

Sie ist sehr fies, sie wird von Außenstehenden oft unterschätzt. Nach dem Schlaganfall rangiert sie auf Platz zwei der neurologischen Erkrankungen mit lang anhaltendem Gesundheitsverlust und tritt vor allem in der produktiven Lebensphase auf, wenn Menschen arbeiten und Kinder erziehen. Die Betroffenen – oft erstaunlich engagierte und kreative Leute, die in Beruf und Alltag viel leisten – fühlen sich in ihren Aktivitäten erheblich eingeschränkt. Viele fürchten sich in der beschwerdefreien Zeit schon vor der nächsten Attacke.

Kann Migräne jeden treffen?

Offenbar nicht. Die Gene scheinen da schon eine Rolle zu spielen.

Kann man sie heilen?

Kein Arzt kann die Migräne komplett verschwinden lassen, aber man kann viel dafür tun, dass die Anfälle weniger und schwächer werden. Bei der akuten Therapie im beginnenden Anfall nimmt man klassische Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Migränemedikamente, Triptane.

Ein Teufelskreis

Schon beim ersten Anflug von Schmerzen Tabletten einzunehmen, ist aber auch heikel, oder?

Das stimmt. Denn wenn ich, sagen wir mal, jeden Tag Schmerzmittel nehme, löse ich möglicherweise wieder Kopfschmerzen aus, ein Teufelskreis. Wir haben die 10-20-Regel. Danach darf man
an bis zu zehn Tagen pro Monat Schmerzmittel einnehmen,
an 20 Tagen nicht. Unsere Patienten müssen darüber auch in einem Kopfschmerzkalender Buch führen.

Vermutlich geht bei weitem nicht jeder Migräne-Patient zum Arzt . . .

Ja, wir gehen von einer hohen Dunkelziffer aus. Viele machen das schicksalshaft mit sich aus und besorgen sich rezeptfreie Medikamente. Diese Art von Selbsttherapie rührt leider auch daher, dass die Schmerz- und insbesondere die Kopfschmerztherapie in der Ausbildung von Medizinern kaum stattfindet. Viele Hausärzte und auch manche Neurologen wissen zu wenig über die Migräne, und die Patienten merken das.

Was sind gängige Therapien?

In der Prophylaxe, der Vorbeugung, können wir mit und ohne Medikamente einiges tun. Blutdruckmittel, Antiepileptika, Magnesiumpräparate und andere Medikamente können helfen. Nur haben sie viele unschöne Nebenwirkungen. Seit zwei Jahren gibt es sogenannte CGRP-Antikörper, also neue Medikamente gegen den stärksten gefäßerweiternden Eiweißstoff im Blut. Sie werden einmal im Monat gespritzt und reduzieren die Stärke und Häufigkeit von Migräneattacken oft um mehr als 50 Prozent. Das Schöne ist, sie haben sehr selten Nebenwirkungen.

Wie kommen Patienten an dieses Wundermittel?

Leider sind diese Medikamente sehr teuer. Der Gesetzgeber verlangt, dass zuvor die ursprünglichen Prophylaxemittel durchgetestet werden. Das dauert Monate.

Yoga, Tai Chi und mehr

Sie bieten tagesstationäre Behandlungen an. Wie laufen die ab?

Patienten speziell mit chronischen Schmerzen aller Art und einem hohen Leidensdruck werden dabei in Kleingruppen behandelt. Sie kommen fünf Wochen lang täglich zu uns und werden ärztlich, psychologisch und physiotherapeutisch begleitet. Mit Bewegungs- und Entspannungsprogrammen, auch Yoga oder Tai Chi, bieten wir ihnen Hilfe zur Selbsthilfe. In vielen Gesprächen geht es dabei um Themen wie die Veränderung von Alltagsstrukturen. Denn Migräneanfälle lassen sich oft vermeiden oder abschwächen, wenn man Stress erst gar nicht aufkommen lässt, auf Pausen und regelmäßigen Schlaf achtet und eben jeden Tag ein bisschen lebt, statt eine Woche durchzuackern und dann am Wochenende zusammenzuklappen.

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