Sonntag, 17.11.2019

|

Mineralwasser macht müde Männer munter

Fürth knüpft an alte Operetten-Zeiten an: Offenbachs „Die Großherzogin von Gerolstein“ im Stadttheater - 14.01.2013 22:00 Uhr

Im Thronsaal von Gerolstein geht es sehr frivol zu: Die Regentin präsentiert sich im schwarzen Negligé... © Thomas Langer


Glücklich sind die letzten Soldaten aus Fürth abgezogen und die Kasernengelände umgewidmet, da kehrt doch wieder Militär in die Stadt zurück. Aber auf ziemlich subversivem, also auf dem Operettenwege. Was Jacques Offenbach da zusammen mit seinen beiden Librettisten Henri Meilhac und Ludovic Halévy, dessen Großvater übrigens aus Fürth stammte, für die Weltausstellung 1867 in Paris ersann, war eine fidele Parodie auf deutsche Kleinstaaterei und eine Abrechnung mit preußischem Soldatenkult.

Preußens Ministerpräsident Otto von Bismarck zeigte sich über die Uraufführungsproduktion im Théâtre des Variétés amüsiert, sein Generalstabschef Helmuth von Moltke konnte über die uniformgeile Regentin eines fiktiven Winzstaates so gar nicht lachen — oder er wollte nur seinem Spitznamen „der große Schweiger“ alle Ehre geben...

Nun, gelacht, wird im Fürther Stadttheater trotz übersichtlicher Pointendichte auch. Aber leider mehr auf der Bühne als davor. Wieder einmal greift die alte Theaterregel: Wenn sich die Akteure amüsieren, wird es für das Publikum oft quälend. Zwar hat der mit Minietats an Kleinbühnen erfahrene Regisseur Georg Blüml durchaus die ein oder andere Gelächtergefällstrecke konstruiert, etwa wenn Bombe „Frieda“ sehr emotionale Regungen zeigt oder Madame sich als Schärpe ein güldenes Tarnnetz klöppeln lässt, aber allzu oft rutscht er auch nur in den Kalauersumpf ab — und das nicht nur bei Prinz Paul, den Peters Albers als lispelnden, angejahrten Deppen geben muss.

Die von Kabarettist Michael Quast und Rainer Dachselt eingerichtete Neufassung, die die Handlung aktualisieren und die zeitgeschichtlichen Anspielungen ins Heute transferieren will, ist einfach nur redselig und bringt die Operette um das, was sie ausmacht: Tempo und Witz. Schon der Prolog nach dem Ouvertüren-Torso im Strategienzentrum von Gerolstein, wo die graue Eminenz Baron Puck (mit Dauerlächeln und maniriertem Ton: Martin Fösel), der General (als Sänger erträglicher denn als Schauspieler: Michael Kranebittter) und sein Flügeladjutant (galant, frech und mit parodistischen Qualitäten begabt: Daniel Pohnert) eine gemeinsame Intrige spinnen, ist von jener Beschaffenheit die sich auf den Nachnamen des Generals Bumm reimt, nämlich dumm...

Auch im Folgenden werden running gags wie die Schlossführung zu Tode geritten oder die Akteure bis zur Unkenntlichkeit karikiert. Dass die Großherzogin ihren Thron schnell für ein Lotterbett verschwinden lassen kann, gehört noch zu den lustigeren Momenten des Abends, dessen musikalische Umsetzung voll in Ordnung geht.

Dirigent Friedemann Seitzer hat mit dem „Ensemble Kontraste“ einen sehr drahtigen, passend zum Stück gerne auch mal überspannten Tonfall für die Ohrwürmer gefunden, die leider allzu oft von Quasselei unterbrochen werden. Der von Udo Reinhart eingeschworene Minichor macht seine Sache als Soldatenvolk, Touristenmeute und Volk ordentlich. Und die drei Hauptsteller überzeugen stimmlich wie vom Habitus: Juliane Schenk in der camouflage-tollen Titelpartie, Melanie Spitau als Wanda und Joan Ribalta als Aufsteiger Fritz, den beide Damen begehren.

Wohl weil Wagner-Jahr ist, kopierte Regisseur Blüml „Tristan“ und verordnete mit dem Gerolsteiner Mineralwasser (wow, wie originell!) „69“, gesprochen soixante-neuf, allen Akteuren einen Zaubertrank, der bewirkt, dass Hormone Schlitten fahren. Nach drei Stunden ist der Spuk hinterm Herzchen-Passepartout vorbei. Freundlicher Beifall. Piff, paff, puff, taratatatatum!

Weitere Aufführungen: 15. und 16. sowie 24. bis 27. Januar; Karten: Tel. 0911/9742400.

 

JENS VOSKAMP

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Fürth