Mit Entsetzen zirkusreif Scherz getrieben

27.1.2014, 11:30 Uhr
Fontfrau Manja Präkels lässt verbal die Puppen tanzen. Gitarrist Florian Segelke, Drummerin Lilia Antico, Bassist Benjamin Hiesinger (verdeckt) und Klarinettist Thorsten Müller stärken ihr den Rücken.

© Tim Händel Fontfrau Manja Präkels lässt verbal die Puppen tanzen. Gitarrist Florian Segelke, Drummerin Lilia Antico, Bassist Benjamin Hiesinger (verdeckt) und Klarinettist Thorsten Müller stärken ihr den Rücken.

 Hier konnte die aberwitzige Wortakrobatik des musikalischen Wandercircus ihre volle Wirkung entfalten. Außerdem kam die Terminierung auf den späteren Abend – die Bühne war zuvor noch vom Theater belegt – der „Sperrstundenmusik“ in geradezu idealer Weise entgegen. Die Sternstunde hatte das Publikum schließlich dem Ausfall eines Gigs der Band zu verdanken, die vom Speyrer Liederfest auf der Heimreise nun Zwischenstation in Fürth machen konnte.

 2007 gehörte sie zu den ersten Musikgruppen, die in der mittlerweile von Ikonen des Musikgeschäfts frequentierten „Koffer“ ihre Duftmarke gesetzt hatte. Alle Bemühungen von Hausherr Udo Martin für ein Wiederhören waren bislang an Terminschwierigkeiten gescheitert.  “Der Singende Tresen“ um die Philosophin Manja Präkels und den Satiriker Markus Liske ist Programm und definiert eine an Zigeunerswing und Zirkussound orientierte originelle Stilrichtung, die Bauch und Kopf gleichermaßen anspricht. Die Songs zeichnen pointierte Stimmungsbilder einer Gesellschaft am Rande des Abgrunds. Rotzfrech und energiegeladen wird da musiziert.

Dabei verstehen die Künstler ihr Handwerk meisterhaft. Präkels überzeugt auch solistisch. Ein Duett von Florian Segelke (Gitarre) und Benjamin Hiesinger klingt nach Pat Metheny und Charlie Haden. Klarinettist Thorsten Müller bringt Klezmer ins Spiel und Lilia Antico am Schlagwerk scharfe Balkanbeats.

Starke Dynamik


 So geht kapriziös die Post ab. Was „Gankgino Circus“ aus Dietenhofen mit Landluft erfüllt, das serviert „Der Singende Tresen“ mit Hauptstadtduft. Das ist mehr als Humppa-Musik, aber nicht minder dynamisch. Hart an der Schmerzgrenze schrammt nicht nur Müllers Sopranflöte vorbei. Auch die mitunter abgründigen Texte erzeugen Gänsehaut. Als „Heimatrhythmus“ wird ein Marsch deklariert und der gesellschaftliche Unterschied der Bewohner von Berlin-Mitte und Neukölln am Konsum guter und schlechter Drogen festgemacht. Das Publikum erfährt, dass die Sonne auch durch ungeputzte Fenster hinein scheint und wie es sich anfühlt, auf einem untergehenden Schiff zu musizieren.

„Der Singende Tresen“ beherrscht das Chaos und trifft mit seinen selbstironischen Wort- und Klangspielen immer den Kern. Er mischt sich ein in der Tradition von Kurt Weill und Hanns Eisler. Dazu gehört auch die Pflege der Erinnerung an den 1934 im KZ Oranienburg ermordeten Protagonisten der Münchner Räterepublik, Erich Mühsam.

Dem Entsetzen begegnet Präkels mit Konfettisalven und vor der obligatorischen Zigarettenpause verklickert Markus Liske exemplarisch die in Berlin grassierende Gentrifizierung. So intelligent und trotzdem wunderbar leicht und umwerfend komisch kommen kritische Töne selten daher. Ein anregender Abend mit viel Applaus – zu Recht.
 

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