Moment, Zufall, Tanz und Ton

27.10.2015, 13:00 Uhr
Die Tänzerin Eva Bormann und der Kontrabassist Ferdinand Roscher inspirieren einander zu starkem Ausdruck.

Die Tänzerin Eva Bormann und der Kontrabassist Ferdinand Roscher inspirieren einander zu starkem Ausdruck. © Foto: Tim Händel

Was Sascha Banck auf einem iPad malt, wird direkt auf eine Leinwand über Eva Bormann übertragen. So tanzt sie zu den Moment-Werken der Malerin, erhält ein eigenes Bühnenbild. Mit ihren Gesten trägt Bormann zu dessen Entstehung und Fortsetzung bei. Das erinnert an den Vorgang des Komponierens. Und der verläuft parallel dazu, denn daneben musizieren Violine und Bass.

Furios, wie sich die vier gegenseitig anspornen und nach einiger Zeit mal der eine, mal der die Führung übernimmt, während der Rest sich von der Vorgabe inspirieren lässt. Mal verwendet Banck die Tänzerin als Teil ihres Bildes, mal spielt Bormann mit Bildelementen, schubst Kreise hin und schiebt Striche her. Die Hintergrund-Musik begleitet beide dabei. Wenn aber die Töne regieren, tanzt Bormann modern dazu, während Banck Melodien als eine Art abstrakter Noten über die Leinwand tropfen lässt. Aus einem Motiv, einem musikalischem Gestus, entwickelt sich ein Thema, mit dem Tanz und Malerei spielen.

Um einen gemeinsamen Faden zu haben, bezieht sich das Tanzklangbild „Zwischen der Mitte“ auf Goethes Gedicht „Urworte, orphisch“. Da geht es in fünf Strophen um den Dämon, also den Urcharakter einer Person, ihren Lebenszweck mit dem sie zur Welt kommt, um das Zufällige, die Liebe, die Nötigung und die Hoffnung. Das Verhältnis von Selbstsein und Miteinander wird erkundet, was ja auch zu der Kunst-Kooperation passt. Der Urcharakter zeigt sich vielgestaltig, indem er aus der Tänzerin immer wieder zuckend hervorbricht, das Zufällige chaotisch mit wilden Linien auf Bancks Leinwand, denn die Tyche bedeutet Vermischung und Durchkreuzung. Die Liebe wird von süßen harmonischen Klängen angebahnt, um dann weit Raum zu greifen, Bormann glaubt sie zu erhaschen und wird gefangen, sie hofft, das Glück gewonnen zu haben und ist doch schon verloren.

Tyche, die Schicksalsgöttin des Zufalls, treibt wieder ihr Spiel, sie lockt die Verirrte zu immer neuen Labyrinthen, gaukelt Traumpartner vor und entzieht sie. Dann die Nötigung: Sie sperrt die Tänzerin in Kästchen, die sie selbst formt, während Banck Gitterstäbe zeichnet, und die Hoffnung sprengt alles mit hellem flutendem Grün. Das Wesentliche im Augenblick zu treffen, die höchste Kunst. Und die ist an diesem Abend gelungen.

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