Freitag, 20.09.2019

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Nathanstift: Immer mehr Papas im Pyjama

Die Tage nach einer Entbindung sind seit der Einführung von Familienzimmern keine reine Frauensache mehr - 16.01.2012 22:00 Uhr

Zuhause im Glück: Thomas und Sabine Kühnapfel genießen zusammen mit ihrem Baby die ruhigen Tage in ihrem „Nest“ im Nathanstift. © Hans-Joachim Winckler


Hinter der hellen Tür von Raum Nummer 3.15 erleben zwei Menschen in diesen Tagen ein großes und über weite Strecken stilles Glück. Sabine und Thomas Kühnapfel — sie ist 43, er 40 — sind soeben Eltern geworden. Ihr Sohn, der jetzt wie eingerollt in Mamas Armen schlummert, hat noch keinen Namen. Vorerst heißt er einfach Junior. „Er ist ein totales Wunschkind“, erklärt der Vater. Er müsste das nicht sagen, man kann es sehen. Seine liebevollen Blicke wandern zwischen dem Winzling im Strampelanzug und seiner Frau hin und her.

Diese Innigkeit gibt es nicht umsonst. 110 Euro zahlen die Eheleute pro Nacht (90 Euro Einzelzimmer-Aufschlag, 20 Euro Vollpension für den Vater). Das kann sich nicht jede Familie leisten. Doch die Nachfrage steigt, sagt Silvia Harris (48), stellvertretende Leiterin der Wochenstation. „Zu manchen Zeiten warten Paare auf ein Familienzimmer.“ Eigentlich sind das normale Doppelzimmer, die bei Bedarf von einer Familie belegt werden. Etwa jede zehnte Frau, die im Nathanstift entbindet, und 2011 kamen hier 1670 Kinder zur Welt, hat laut Harris den Vater und manchmal auch noch Bruder oder Schwester des Neugeborenen über Nacht bei sich.

Seit fünf Tagen ist Zimmer Nummer 3.15 für Familie Kühnapfel aus Fürth ein „Nest“, wie die Mutter sagt, in dem sich alle drei fit machen für die Welt da draußen. Das Nest misst etwa 25 Quadratmeter plus Bad, es ist ausgestattet mit einem Wickelplatz, einem Tisch, bequemen Stühlen, drei Betten, zwei großen und einem kleinen auf Rädern. Und im Moment ist es durchflutet von Sonnenlicht.

Was Thomas Kühnapfel zurzeit hier erlebt, nennt er sein „Bootsgefühl“. Der Betriebswirt, der bei der Firma Datev in der Großkundenbetreuung arbeitet, meint damit eine ganz besondere Stimmung, die er von Tauchurlauben kennt, bei denen sich ein Grüppchen Menschen tagelang auf einem Schiff im Ozean aufhält: „Man ist weg von allem anderen und konzentriert sich nur auf das Hier und Jetzt, auf Frau und Kind.“ Aufs Stillen also, das noch nicht so recht klappen will, auf die Atmung des Kleinen, seine Gewichtsveränderungen, die Ruhe, die er findet, wenn er auf dem Bauch von Mama oder Papa liegt.

Wie jetzt. Sabine Kühnapfel streicht mit der Hand versonnen über das Köpfchen mit dem dunklen Flaum und erzählt, wie sehr sie es genießt, ihren Mann um sich zu haben. „Beim Stillen bettet er mich so, dass ich’s bequem habe, er schält mir Äpfel, und manchmal liegen wir einfach nur da und wundern uns über das Menschlein, das jetzt da ist.“

„Pause im Leben“

Sabine Kühnapfel ist von Beruf Lehrerin, sie unterrichtet an einem Gymnasium in Feuchtwangen. Die Zeit im Nathanstift empfindet die junge Mutter wie „eine Pause im Leben“.

Zweieinhalb Jahre liegt die Einführung der Familienzimmer am Fürther Klinikum zurück. Harris erinnert sich noch sehr genau, wie befremdlich es für sie und ihre Kolleginnen anfangs war, in der „doch recht femininen Atmosphäre“ der Wochenstation Tag und Nacht Männern in Schlafanzügen, Jogginghosen und Boxershorts zu begegnen. „Die Väter waren hier Fremdkörper“, gesteht sie rückblickend. Doch das habe sich geändert. „Zum Glück“, meint Harris und fügt schmunzelnd hinzu: „Unsere Station lebt ja schließlich von der Liebe, und zu der gehören nun mal auch die Männer.“ 

Birgit Heidingsfelder

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