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Donnerstag, 27.06.2019

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Natürlich ist Fürth etwas für Touristen

Die Bahnhofsunterführung weckt Heimatgefühle - ein Blick von außen auf die Stadt - 22.05.2019 16:00 Uhr

Der erste Eindruck: Die Unterführung am Fürther Bahnhof ist keine Augenweide, sie erinnert damit an die Situation in Hagen. © Michael Koch


Der Bahnhof

Warum? Warum tun so viele Bahnhöfe dies ihren Städten an? Mein erster Eindruck von Fürth ist die Bahnhofsunterführung unterhalb der Gleise. Recht verranzt sieht sie aus. Doch ehrlich gesagt: Ich fühle mich wie Zuhause. Denn das ist auch der erste Eindruck, den Besucher haben, die in Hagen ankommen. Oder noch schlimmer: Die dort nur umsteigen und gar nichts von den eigentlichen Schönheiten der Stadt sehen und deren Hagen-Bild für immer davon geprägt sein wird.

Da habe ich es besser: Ich kann in dieser Woche viel mehr von Fürth sehen als nur die Bahnhofsunterführung. Ich bin als Tausch-Reporter unterwegs in der Stadt, sehe sie mit meinen Augen. Und ich ziehe natürlich Vergleiche: Was erinnert mich hier an Hagen? Und was kann Hagen von Fürth lernen?

Bleiben wir kurz beim Bahnhof und einem kleinen Fürth-Hagen-Vergleich. Die beiden Städte sind quasi Schicksalsgenossen: Die Unterführungen mögen – mangels kontinuierlicher Pflege – hässlich sein. Die eigentlichen Bahnhofsgebäude sind dagegen in ihrer Substanz schön. In Hagen ist es gerade saniert worden (von der Bahn). In Fürth wird es gerade saniert (von einem privaten Investor). Und ich sehe schon jetzt: Bei meinem nächsten Besuch wird der Bahnhof eine Visitenkarte sein.

Michael Koch aus Hagen ist für eine Woche als Tausch-Reporter in Fürth. © Hans-Joachim Winckler


Architektur auf den ersten Blick

Vor dem Bahnhof biege ich erst einmal links ab, vorbei an dem Sparkassen-Hochhaus. Natürlich fällt es mir auf, denn es gibt ja wenige in dieser Höhe in Fürth. Und schon wieder habe ich eine Hagen-Assoziation: Dort wurde das Sparkassen-Hochhaus – im Volksmund: der lange Oskar – vor 15 Jahren gesprengt. Ein großes Event, das live im Fernsehen übertragen wurde. Aber das soll keine Empfehlung für Fürth sein . . .

Einkaufen

Die Fußgängerzone erzeugt ein sehr sympathisches Gefühl. Na klar, hier sind viele Ketten, die ich aus Hagen genauso kenne. Aber hier und da gibt es dann doch noch ein individuelles Geschäft. Nicht zu hektisch, nicht zu voll, nicht zu leer: Ich bin kein großer Shopper, aber hier stelle ich es mir angenehm vor. Weiter geht’s in Richtung Rathaus. Ich schaue mir die Neue Mitte an und finde das Konzept sehr interessant: quasi ein Einkaufszentrum, das kein Dach hat.

Ich schaue mir dann die Baustelle am City-Center an, wo – wie ich gelernt habe – rund 20 000 Quadratmeter Verkaufsfläche wieder auf Stand gebracht werden sollen. Und dann kommt da doch eine Stimme in mir hoch, die Fürth warnen will: Macht nicht die Fehler wie Hagen. Ein Einkaufszentrum wurde um die Jahrtausendwende gebaut – es lief. Ein zweites, noch einmal so groß, vor fünf Jahren gleich daneben eröffnet. Die Folge: Das ältere steht trotz Sanierung zu großen Teilen leer.

Der Markt

Machen wir es kurz: Ich will auch so etwas in Hagen haben. Ich weiß, die neuen Markt-Buden sind gerade erst eröffnet, man muss sehen, ob sie tatsächlich angenommen werden. Aber mein Fürth-Bild haben sie schon jetzt nachhaltig geprägt. Frisches Obst, Blumen, Speisen unter freiem Himmel – das verbinde ich mit einer modernen Stadt und mit Lebensqualität. In Hagen gab es mal eine Markthalle in der Innenstadt. Quasi das Fürther Konzept, nur überdacht. Die Hagener trauern der Markthalle noch immer hinterher, eine Neuauflage wird derzeit diskutiert. Die Fürther Marktpassage überzeugt mich aber noch mehr.

Herrlicher Blick über die Stadt – auch bei Regenwetter: Die Dachterrasse mit Gastronomie an der Stadtbücherei überzeugt den Gast. © Michael Koch


Die Bücherei

In Hagen ist die Stadtbücherei vor ein paar Jahren auch in einem Privat-Gebäude untergekommen: im großen Cinestar-Komplex. Ein Medienzentrum sollte so entstehen. Das läuft ganz gut, die Idee war aber doch zu verkopft, die Zielgruppen gehen zu sehr auseinander. Das Fürther Konzept finde ich spitze. Es regnet bei meinem Besuch zwar, aber ich kann mir vorstellen, dass der Kaffee auf der Dachterrasse (gerne mit dem ausgeliehenen Buch) bei der Aussicht ein Traum ist.

Das Altstadt-Viertel

Ich gehe am Rathaus vorbei und stocke. Bitte, liebe Initiatoren des Ludwig-Erhard-Zentrums, nehmen Sie es mir nicht übel, denn das Konzept des Hauses ist sicherlich gut und löblich. Aber mein erster Eindruck ist: Eine 70er-Jahre-Bausünde hängt hier noch am historischen Rathaus.

Ein paar Meter weiter ändert sich mein Blick komplett: Das Altstadtviertel rund um St. Michael ist idyllisch. Enge Gassen, alte Häuser. Ich frage: Ist das hier bei besserem Wetter voller Touristen? Und bekomme die Antwort: Nein, Touristen haben wir hier gar nicht viele. Ich bin erstaunt. Das hätte ich nicht gedacht. Die Altstadt, auf den Spuren Ludwig Erhards wandeln oder den Aufstieg und den Fall von Grundig und Quelle nachzeichnen; die jüdische Geschichte erlebbar machen und das Brauereiwesen – da sehe ich viel Substanz für spannenden Geschichts- und Genuss-Tourismus.

Hagen lässt das übrigens auch liegen: Eine Keimzelle der Neuen Deutschen Welle, die bedeutende Osthaus-Sammlung, waldreichste Großstadt Deutschlands – touristisch genutzt wird es kaum.

Und dann die Gustavstraße: Ich sehe hier individuelle Fürther Kneipen, wo schon nachmittags etwas los ist. In Hagen haben wir in der Innenstadt mit der "Spinne" noch eine Traditionsgaststätte, sonst nur Systemgastronomie. Langweilig. Daher möchte ich den Fürthern zurufen: Pflegt Euch Eure Gustavstraße.

Ob es den Fürthern so bewusst ist? Eine U-Bahn erzeugt automatisch Großstadt-Flair und bringt einen Hauch von Berlin mit. © Michael Koch


Die Uferstadt

Ich steige in die U-Bahn! Ja, ich muss das Ausrufezeichen setzen, denn U-Bahn bedeutet für mich noch immer Großstadt. Wir haben in Hagen keine U-Bahn und die Hagener Straßenbahn heißt zwar noch so, aber besteht nur aus einer Busflotte. In Fürth mag die U-Bahn schon ein wenig in die Jahre gekommen sein, aber ein Berlin-Flair erzeugt sie bei mit trotzdem. Ich fahre mit ihr bis zur Station Stadtgrenze. Ich will sehen, was Fürth aus dem Ex-Grundig-Gelände gemacht hat.

Ein Blick auf die Uferstadt: Hier ist Leben, hier spürt man als Besucher, dass viel Zukunftsweisendes auf dem früheren Grundig-Areal entstanden ist. Fürth präsentiert sich wesentlich besser als Hagen auf der Brache von Zwieback Brandt. © Michael Koch


So wie man die Marke in ganz Deutschland kennt, so kennt auch fast jeder Brandt Zwieback. Über viele Jahrzehnte ist er in Hagen hergestellt worden, um die Jahrtausendwende wurde die Produktion nach Thüringen verlegt. Seitdem verfällt das historische Backsteingebäude am Stadteingang. Es ist zur schlechten Visitenkarte geworden.

So langsam tut sich was. Für eine Hälfte werden gerade (wenig innovative) Einzelhandelsprojekte (Rewe, Aldi, etc.) umgesetzt, ein Gesundheitscenter soll zudem kommen, vieles ist aber noch unklar.

Und bei Grundig? Ja, ich lasse mir sagen, dass es auch hier nicht gleich ein Selbstläufer war, dass einige Jahre Stillstand herrschte. Aber trotzdem bin ich begeistert. Kein Verfall in der Uferstadt, dafür eine Vielzahl unterschiedlichen, zukunftsweisenden Gewerbes. Und nicht nur Einkaufsmöglichkeiten, die man auch sonst überall findet.

Ich blicke auf den Übergang, der zwei frühere Grundig-Gebäude über die Kurgartenstraße hinweg verbindet, und erschrecke fast: Der sieht genauso so aus wie die "Brandt-Brücke", die denkmalgeschützte Überführung zwischen zwei Teilen des Hagener Zwieback-Werkes. Ob ihr mal wieder richtig Leben eingehaucht wird, ist noch ungewiss.

In Fürth ist das an vielen Stellen schon passiert. Mein Bild: Hier tut sich was, hier lässt es sich leben. Liebe Fürther, freut Euch darüber. 

Michael Koch

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