Neonazi-Terror stößt auf Gegenwehr

16.11.2011, 13:00 Uhr

© Hans-Joachim Winckler

„Es ist viel schlimmer als gedacht.“ Dass rechtsextremer Terror in diesem Ausmaß in Deutschland möglich ist, habe er nicht erwartet, sagt Stephan Stadlbauer vom Fürther Bündnis gegen Rechtsextremismus und Rassismus. Ob die Täter möglicherweise auch Kontakt zu Fürther Nazikreisen hatten? „Da will ich nicht rumspekulieren“, betont er, verweist aber darauf, dass auch die hiesigen Rechtsradikalen nicht davor zurückschreckten, Andersdenkende tätlich anzugreifen, „in einem Fall sogar fast totzuschlagen“, wie Stadlbauer mit Blick auf die Tat am U-Bahnhof Plärrer sagt (wir berichteten).

Aus Fachkreisen ist zu hören, dass zur Fürther Neonazi-Szene 15 Personen zählen. So ist in der Kleeblattstadt eine Gruppierung aktiv, die unter dem Namen „Bürgerinitiative Soziales Fürth“ und einem Deckmantel der sozialen Kümmerer ihre rechte Ideologie verbreiten will. Zudem lebt mit Matthias Fischer, Strippenzieher des Freien Netzes Süd (FNS), ein führender Neonazi in der Stadt. Zuletzt saß er eine Gefängnisstrafe wegen Volksverhetzung ab. Auf einer Webseite des Innenministeriums mit dem Namen www.bayern-gegen-rechtsextremismus.de wird das FNS als bayernweite „Vernetzung von Neonazis und Kameradschaften“ beschrieben.
 

 

Keine Hysterie


Trotzdem mahnt Fürths Rechts- und Ordnungsreferent Christoph Maier, nicht in Hysterie zu verfallen. „Mit Fischer haben wir zwar ein Alphatierchen des FNS hier“, sagt er. Aber deswegen lauere nicht „hinter jeder Ecke ein rechtsradikaler Mörder — auch nicht in Fürth.“

Dennoch sei klar: Die Szene müsse beobachtet werden, jemand wie Fischer bedürfe einer „besonders innigen Zuwendung durch die Behörden“. Der aufflammenden Diskussion um ein Verbot der rechtsradikalen NPD steht Maier kritisch gegenüber: „Das klingt für mich eher wie Aktionismus.“ Zwar gehöre die NPD definitiv verboten, um der Szene den logistischen Boden zu entziehen. Ein erneuter Anlauf vor dem Verfassungsgericht dürfe aber erst versucht werden, wenn auch eine Garantie auf Erfolg bestehe. Ein zweites Scheitern wäre nach seinen Worten verheerend.

Mehr denn je in ihrem Ansinnen bestätigt sieht sich Jutta Küppers, die bei der Stadt für die Jugendarbeit zuständig ist. Wie mehrfach berichtet, hatte sie im vergangenen Jahr das Bundesprogramm „Vielfalt tut gut“ nach Fürth geholt und damit 80000 Euro aus dem Familienministerium. Mit dem Geld konnten 18 Projekte gefördert werden, die Jugendlichen Werte wie Toleranz und Demokratieverständnis vermitteln.

Trotzdem ist Küppers nicht restlos zufrieden. Mit dem Geld aus Berlin, das mit viel Aufwand beantragt werden müsse, könnten vorübergehend immer nur einzelne Projekte gefördert werden. „Besser wäre ein festgeschriebenes Budget, das uns dauerhaft zur Verfügung steht.“ Das brächte Planungssicherheit und in puncto Bürokratie Entlastung, weil etwa die Abrechnung der Mittel wegfiele. „Dann bliebe mehr Zeit für unsere eigentliche Arbeit“, sagt Küppers.

Bereits seit Ende der 70er Jahre engagiert sich Konrad Jungbauer gegen Neonazis. Nach wie vor, sagt der Leiter des Jugendtreffs Bauhof in Wilhermsdorf, tue der Staat beim Thema Rechtsextremismus zu wenig für Bildung und Aufklärung der Jugendlichen. Ihm zufolge gibt es im Landkreis „einen Haufen Leute“, die rechtem Gedankengut anhängen. Ob und wie diese organisiert sind, wisse er aber nicht.

Nach seinem Dafürhalten gilt es mehr denn je, die Jugend gegen diese Ideologie zu immunisieren. Sein Rezept: „Wir müssen Demokratie vorleben.“ Dazu gehöre auch das Recht mitzubestimmen. Zwar dürften junge Menschen Gremien wie Jugendparlamente bilden, aber bestimmt werde immer von oben. Jungbauer: „Die Jugendlichen brauchen endlich eine Stimme.“

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