Neue Kulturamtschefin: Fürth kann sich nicht weiter verstecken

16.12.2019, 11:00 Uhr

© Foto: Thomas Scherer

Fürth? Ja, genau, so hieß der Bahnhof zwischen Erlangen und Nürnberg. So heißt er übrigens immer noch. Vor gut und gerne 27 Jahren aber, Gerti Köhn studierte in Erlangen Theaterwissenschaften, fanden Erlanger Theaterwissenschaftler: Fürth kannst du links liegen lassen. Ob mit Recht oder nicht, Schwamm drüber. Schauspielfreaks jedenfalls fuhren durch und dann weiter nach München, aber flott.

2019 hält Gerti Köhn jetzt doch deutlich öfter in Fürth, mit dem Rad. Ehemann und zwei Töchter in Thon, Fahrtroute quer durchs Knoblauchsland, Arbeitsplatz am Königsplatz, Sozialrathaus. Seit dem Sommer nämlich ist die Nachfolgerin von Claudia Floritz Kulturamtsleiterin und Boss eines Mini-Teams mit Maxi-Aufgaben. Und so ändern sich die Zeiten: "Ich finde Fürth großartig", sagt die 49-Jährige – ein Satz, der jeder neuen Chefin gut zu Gesicht steht. Köhns Begeisterung aber darf man durchaus authentisch nennen. Sympathisch sei ihr diese Stadt, "weil sie nicht groß ist. Hier wird nicht zu viel diskutiert, sondern gemacht."

Kulturhauptstadt als Chance

In Braunschweig ist sie geboren und aufgewachsen. Die Zwölfjährige erlebt einen Tanzabend im Staatstheater – und ist hin und weg. Nach dem Abi geht sie nach Erlangen. Zuletzt arbeitete Köhn im diskutierfreudigen Nürnberg, dort war sie seit 2006 Programmkoordinatorin in der Tafelhalle, Schwerpunkt Tanz- und Theaterdramaturgie, Figurentheater-Festival. Der "Blauen Nacht" stand sie als Projektleiterin zwischen 2003 und 2006 vor. Und rasch dies noch zu Nürnberg: "Sollte es mit der Kulturhauptstadt 2025 klappen, dann kann sich Fürth nicht weiter verstecken."

Die Stadt, die Gerti Köhn erst im Zuge ihrer Bewerbung – 79 andere Kandidaten hatten Anfang 2019 das Nachsehen – intensiver kennen lernte, ist in ihren Augen eine Stadt voller Potenzial. "Sie könnte sich viel mehr mit ihren kulturellen Schätzen identifizieren. Es gibt Projekte, die wir viel stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit tragen und in größere Zusammenhänge stellen sollten." Das "Gastspiel"-Atelierwochenende nennt sie, das Inklusions-Soundfestival der Musikschule, den Community Dance im Kulturforum. "Viel Bekanntes", sagt Gerti Köhn, ist noch nicht bekannt genug."

Das Kulturamt verantwortet im Kern die drei großen Festivals – Klezmer, Figurentheater, "Lesen!" – , die Klassik-Soireen im Schloss Burgfarrnbach und das Programm des Kulturforums; hinzu kommen Kulturförderarbeit, Kooperationen etwa mit der freien Szene, Sonderveranstaltungen, Kulturpreisverleihungen. Dutzende Gespräche liegen hinter der Neuen. Ja, auch frustrierende Gespräche. Fürth, bekam sie zu hören, das sei kein Ort für Jugendkultur, für Bands und Theatergruppen. Günstige Veranstaltungsorte? Vergiss es. Eine der ersten Initiativen Köhns war es denn auch, zu eruieren, "wo es Leerstände gibt, die wir für die Kultur nutzen können". Initiativen wie den Protestgarten hält sie zudem für "sehr wichtig bei der Gestaltung der Stadtgesellschaft". Lokschuppen – vielleicht bald ein Hotspot der Jugendszene – und Feuerwache seien "Chancen, die wir nicht verpassen dürfen".

Tanztheater für Schüler

Eine große Stärke sieht Köhn, die privat liebend gern Klavier spielt, in der Gabe der Fürther Kreativen, sich umstandslos zu vernetzen. Wenn der Theaterverein mit der Musikschule Doppelpass in Sachen Kleinert-Preisverleihung spielt, sei das typisch Fürth. Für "absolut ausbaufähig" hält sie hingegen den Draht zu Mitmenschen mit Migrationshintergrund und zu den jungen Fürtherinnen und Fürthern. Alle Drittklässler sollten, ginge es nach Köhn, das Jüdische Museum Franken kennen lernen. Noch völlig unentdeckt sei in der Stadt das Themenfeld Tanztheater für Schüler. Sich frühzeitig körperlich auszudrücken, hält sie für "einen wichtigen Bestandteil der Persönlichkeitsentwicklung".

Die wichtigsten Brummer der hiesigen Kulturszene sind indessen Anlass für Zufriedenheit und Sorge zugleich. Wenn der Vorverkauf fürs 17. Internationale Klezmer Festival ("eine fordernde Aufgabe in Zeiten des wachsenden Antisemitismus") startet, wird es nur wenige Stunden dauern, bis die ersten Abende im Kulturforum ausverkauft sind. Kaum anders ist das mit "Lesen!" und Figurentheater. "Immer wenn etwas gut läuft", sagt Köhn, "ist man versucht, es größer zu machen. Die Kunst ist aber, mit dem, was wir haben, andere Menschen anzusprechen." Digitalisierung sei so ein Stichwort, "damit kann man auch jüngere Leute abholen".

"Alles töfte!?" ist das Motto des ersten Fürther Festivals, das Schätze-Heberin und Bekannter-Macherin Gerti Köhn als Leiterin verantwortet – das Klezmer Festival. Alles toll!? Man wird sehen und sich einlassen auf ein Gefühl, das Vorfreude heißt.

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