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Nie wieder Auschwitz!

Warum Fürths Holocaust-Opfer nicht vergessen werden sollten - 27.01.2017 16:00 Uhr

Gisela Blume mit den Gedenktafeln in der Halle des neuen jüdischen Friedhofs. Die Nationalsozialisten haben etwa 1000 jüdische Fürther umgebracht. © Archivfoto: De Geare


Frau Blume, vor zwölf Jahren erklärten die UN den 27. Januar zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts. Hätte es auch ein anderes Datum sein können?

Blume: Ja, hätte es, aber die Entscheidung für den 27. Januar ist richtig. Er markiert in gewisser Weise den Endpunkt der Naziverfolgung. Außerdem ist Auschwitz auch für alle, die wenig wissen, ein Synonym für den Mord an den Juden. Wenn sie Izbica hören, denken manche womöglich an eine Ferieninsel.

 

Kamen viele Fürther in Auschwitz ums Leben?

Blume: Ja, auch wenn ich aus dem Stegreif nicht sagen kann wie viele. Insgesamt fielen den Nazis knapp tausend jüdische Fürther zum Opfer. Darunter sind auch Menschen, die in Fürth auf die Welt kamen, aber irgendwann weggezogen sind. Außerdem diejenigen, die in der Pogromnacht zu Tode geprügelt wurden oder sich aus Verzweiflung das Leben genommen haben.

 

Sie haben jahrelang recherchiert, um den Opfern Gesichter zu geben . . .

Blume: . . .wissen Sie, wie es begann?

 

Nein, bitte erzählen Sie!

Blume: 1995 war Raphael Halmon zu Gast in Fürth, der Sohn des von den Nazis ermordeten Waisenhausleiters, Dr. Isaak Hallemann. Als er zum Synagogendenkmal in der Geleitsgasse geführt wurde, sagte er etwas erregt: Für die Synagoge habt ihr ein Denkmal, aber für die Menschen nicht?! Noch am Abend hat man mich gefragt, ob ich dazu etwas beitragen möchte.

 

Warum Sie?

Blume: Ich hatte damals schon zur Geschichte des jüdischen Friedhofs in Fürth geforscht.

 

Zwei Jahre später erschien das Memorbuch mit 880 Namen. Was bedeutet Ihnen diese Arbeit heute?

Blume: Wissen Sie, wenn man von sechs Millionen toten Juden hört, fasst einen das emotional nicht so sehr wie die Einzelschicksale – wenn man denkt, Mensch, das hätte mein Nachbar oder Schulkamerad sein können. Zum einen wollte ich belegen, dass es selbst in Fürth, wo Christen und Juden über Jahrhunderte Seite an Seite gelebt haben, genauso übel gelaufen ist wie überall. Zum anderen konnte ich Überlebenden, die ihre alte Heimat besuchten, zeigen, dass hier wieder ein anderer Geist herrscht. Dass man neben den schlimmen Erinnerungen an Fürth auch wieder positive Gefühle für diese Stadt entwickeln kann. Am Ende führte mich all das zur Frage, wie ich mich verhalten hätte, wäre ich damals erwachsen gewesen. (Blume ist 2001 zum Judentum konvertiert, Anm. d. Red.)

 

Wie lautet die Antwort?

Blume: Ich hätte ziemlich sicher niemanden denunziert, aber ich wäre wohl auch kein Held gewesen, der andere auf dem eigenen Dachboden versteckt. Ich bin ein eher ängstlicher Mensch, und der Druck war damals immens hoch, das darf man nicht vergessen.

 

Das Memorbuch ist längst vergriffen, es kamen aber neue Namen hinzu. Wie gehen Sie damit um?

Blume: Jedes Einzelschicksal wird auf meiner Internetseite www.juedische-fuerther.de veröffentlicht. 2009 konnte außerdem die Gedenktafeln um weitere 183 Namen ergänzt werden.

 

Die Tafeln hängen in der Halle des neuen jüdischen Friedhofs, warum nicht mitten in der Stadt?

Blume: Wir wollten einen Ort der Stille. Wie in anderen Religionen sind Juden es gewohnt, ungestört an einem Grab zu trauen. Gräber gibt es von diesen Opfern der Shoah aber nicht, deshalb sind die Tafeln mit den Namen wichtige Erinnerungspunkte.

 

Sie bevorzugen den Begriff Shoah?

Blume: Holocaust stammt aus dem Griechischen. Shoah ist das hebräische Wort für Katastrophe. Jüdische Menschen sagen daher „Shoah“.

 

In ihrer Printausgabe schildern die FN heute auf Seite 3 die Erinnerungen einer Auschwitz-Überlebenden, die in Fürth ein Zuhause gefunden hat. Schon vor Jahren haben Sie ihr geholfen, diese aufzuschreiben. Wie hat sich das ergeben?

Blume: Wir kannten uns aus der Synagoge und sind uns auch privat begegnet. Irgendwann sagte ich zu ihr: Sie sollten das alles festhalten, es geht sonst unter, wenn Sie einmal nicht mehr sind. Also trafen wir uns, sie redete, ich machte Notizen, formulierte es zuhause aus und legte es ihr dann wieder vor. So ist das gewachsen.

 

Der AfD-Mann Bernd Höcke meint tatsächlich, in Deutschland werde die Geschichte des eigenen Landes „mies und lächerlich“ gemacht. Er fordert eine 180-Grad-Wende in unserer Erinnerungskultur. Wie sehr trifft Sie so etwas?

Blume: Was in der Tagespolitik geschieht, macht mir Angst. Es werden wieder Sündenböcke gesucht, diesmal sind es die Flüchtlinge. Was Höcke betrifft: Seine Worte vom „Mahnmal der Schande“ in Berlin kann man so oder so verstehen, mir ist aber klar, wie er es verstehen wollte. Wir sind die Erben von Schiller, Goethe und Beethoven, aber wir müssen uns auch als Erben Hitlers sehen. Niemand der Nachgeborenen trägt die Schuld daran, aber wir sind verpflichtet, dafür zu sorgen, dass es nicht noch einmal passiert. Wie sich die große Mehrzahl der Deutschen dieser Vergangenheit stellt, beweist Größe.

 

Also darf das Erinnern nie enden?

Blume: Ich würde es so sagen: Wenn jemand ein Ende einfordern könnte, dann die Nachfahren der Opfer – und nicht die Nachfahren der Täter.

 

Interview: Johannes Alles

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