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NN-Kunstpreisträger: Sehnsuchtsorte am Polarkreis

Der Maler Gerhard Rießbeck zeigt seine Arbeiten in Roßtal - 28.09.2019 13:15 Uhr

„Manchmal ist es so kalt, dass selbst die Luft festfriert“, weiß Gerhard Rießbeck. Grimmige Temperaturen inspirieren ihn zu kreativen Höchstleistungen. © Foto: Thomas Scherer


Kann man mit einem dicken Fäustling den Pinsel schwingen? Der Mann im Eskimo-Ausgehanzug, irgendwo im grauen Nirgendwo, tut es. Seine Malunterlage wirkt wie eine Eisscholle oder eine eisige Metallplatte. Und sie schwebt vor ihm in der Luft, von keiner Staffelei gehalten. Ein surrealer Einfall? "Nein", meint Gerhard Rießbeck, "manchmal ist es so kalt, dass selbst die Luft festfriert."

Dabei liegt das Hafenstädtchen Nanortalik mit seinen gerade mal 1000 Einwohnern an der Südspitze Grönlands. Temperaturmäßig ist also immer noch Luft nach unten. Einen Landschaftsmaler, der aus dem schönen warmen Roßtal stammt, reizt die kalte Einöde. Vielleicht wegen der schweigenden Majestät der menschenleeren Natur, etwa in "Blaue Dämmerung": dort präsentiert sich eine Bergpyramide vor dunklem Himmel, davor ragen auf einer Eisfläche Eisberge wie ein Empfangskomitee.

Harsche Gebilde

Vom Größten zum Kleinsten: in "Zwei Eisberge" stehen zwei solch harsche Gebilde durch eine Kluft getrennt nebeneinander. Die Schroffheit der Objekte wird durch die davor liegende weiche Schneefläche mit Eisnebel noch betont. Kein Vergleichsobjekt hilft dem Betrachter, sich einen Größenmaßstab zurechtzudenken. Stattdessen schweben Schneeflocken im Bild, offenbar direkt vor dem Auge des Betrachters. Die kleinsten fragilsten Bausteine erschaffen solche Riesenberge.

Doch der schroffen Landschaft setzt Rießbeck Architektur und Farbe entgegen. Nämlich im Kontrast zwischen einem sich auftürmenden Bergmassiv – eine Kombination aus Matterhorn und Eigernordwand – und ihm zu Füßen einem Hüttchen mit steilem Satteldach, mit Streifen der gesamten Farbpalette verziert.

Der Anblick spiegelt sich im stillen Wasser. Der Mensch braucht eben doch Farbe und Ästhetik, um zu überleben. Dabei bildet Gerhard Rießbeck nicht einfach vorhandene Häuser aus Nanortalik ab, sondern konzentriert sich im Atelier auf das Bauwerk als Symbol. Die Hütte mit ihrem Dach dürfte ihr Vorbild im steilen Kirchturm des Ortes haben, und ihre Leuchtkraft rührt wohl vom "Ochsenblut", dem typisch norwegischen Hausanstrich.

Der Mensch in seiner ständigen Gefährdung präsentiert sich in der Fragilität seiner Behausung. Etwa in dem Hochformat "Haus mit Lichtflecken". Hinter dem Haus mit verrammelten Fenstern erstreckt sich eine türkisblaue Eisfläche, die in Schollen zerbricht. Schwarzes Wasser entfaltet ein Gespinst. Einzelne runde Lichtflecken machen den Schatten, der über der Landschaft liegt, bewusst. Die Stille vor dem Sturm?

Während nicht nur hierzulande immer mehr Menschen gegen die Klimaerwärmung demonstrieren, ist Gerhard Rießbeck gerade erst aus Grönland zurückgekehrt. "Man stellt anhand von Karten fest, wie sich die Gletscher zurückziehen", sagt er. Und liefert noch eine dicke Überraschung: "Inzwischen kann man in Südgrönland Honig aus Eigenproduktion kaufen."

"Nanortalik und zurück": Spitzweedscheune Roßtal (Schulstraße 25). Samstags 10-13 Uhr, sonntags 10-19 Uhr. Bis 13. Oktober.

REINHARD KALB

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