Obermichelbach: Gewächshausgigant sorgt für Unruhe

30.4.2016, 16:00 Uhr
15 Fußballfelder groß wäre das Gewächshaus bei Obermichelbach. Kritiker haben diese Fotomontage erstellt.

15 Fußballfelder groß wäre das Gewächshaus bei Obermichelbach. Kritiker haben diese Fotomontage erstellt. © privat

Zwei Gemüsebauern aus dem Knoblauchsland wollen auf elf Hektar am Pfannenfeld Tomaten unter Glas produzieren. Das Investitionsvolumen: 13 Millionen Euro. Derzeit wächst auf dem Feld an dem Sträßlein zwischen Rothenberg und Untermichelbach noch Grünroggen, den der Rothenberger Ackerbauer und Energiewirt Werner Schilmeier in Kürze ernten wird, um ihn für seine Biogasanlage zu silieren.

Anschließend würde er den Almoshofer Gemüsebauern das Feld 30 Jahre lang verpachten. Wie sein Kollege Michael Bauer, der am Untermichelbacher Ortsrand ebenfalls eine Biogasanlage betreibt, könnte er die Abwärme seines Kraftwerks, die bislang weitgehend ungenutzt verpufft, an die Gewächshaus-Betreiber verkaufen.

Erstmals öffentlich wurden die Pläne in der Februar-Sitzung des Gemeinderats. Im Mitteilungsblatt hat Bürgermeister Herbert Jäger die Bevölkerung inzwischen darüber informiert, online auf der Homepage der Gemeinde sind das Protokoll der Sitzung und eine Präsentation der Bauherren zu finden. Trotzdem beklagen Kritiker eine magere Informationslage.

Sind die Pflöcke fürs Mega-Treibhaus etwa schon eingeschlagen? Abmarkierungen am Pfannenfeld, die anzeigen, wie breit das Sträßlein werden müsste, um dem Lkw-Verkehr gewachsen zu sein, lassen Kurt Aufrecht aufmerken.

Sind die Pflöcke fürs Mega-Treibhaus etwa schon eingeschlagen? Abmarkierungen am Pfannenfeld, die anzeigen, wie breit das Sträßlein werden müsste, um dem Lkw-Verkehr gewachsen zu sein, lassen Kurt Aufrecht aufmerken. © Foto: S. Dietz

Die zwei Biogasanlagen würden lediglich 18 Prozent des Energiebedarfs der Treibhausanlage decken, rechnen sie vor. Von bis zu zwei Blockheizkraftwerken zur Wärmeversorgung sei die Rede. „Dann“, sinniert Aufrecht, „kann doch auch gleich größer dimensioniert werden für zusätzliche Erweiterungen. Und ist ein solches Mega-Treibhaus gebaut, kann man es dem Nächsten nicht verweigern.“ Im Gasthaus, in loser Runde, als man über derlei Fragen diskutierte, hat ein halbes Dutzend Leute um Aufrecht und Link beschlossen, eine Bürgerversammlung zu dem Projekt zu beantragen. Innerhalb von zweieinhalb Tagen fanden sie mit 582 Unterstützern weit mehr als die ein Prozent der 3200 Obermichelbacher, die es gebraucht hätte, um den Bürgerantrag durchzusetzen. Für Aufrecht geht es darum, „profunde Informationen an die ganze Bevölkerung zu bringen. Hinterher soll keiner sagen, er hätte nicht gewusst, was da auf uns zukommt. Und das“, glaubt Aufrecht, „kann doch nicht verkehrt sein.“

Verstellte Sichtachse

Die Obermichelbacher fürchten um den dörflichen Charakter ihres Heimatortes und um das Landschaftsbild, wenn sich am Pfannenfeld eine sechs Meter hohe Glasfront entlangzieht. Das Gewächshaus, halb so groß wie der Ortsteil Rothenberg, würde den „wunderbaren Blick über unsere Hochebene“ Richtung Nürnberg verstellen, schrieb Link in dem Flugblatt, das er namens der Kritiker verfasste.

Die Unterschriften für den Bürgerantrag hat Link bereits im Rathaus vorbeigebracht und dabei offene Türen eingerannt. Bürgermeister Herbert Jäger habe ihm bei der Gelegenheit gesagt, dass er selbst bereits eine Bürgerversammlung ins Auge fasste. Die aber mache keinen Sinn, solange keine Pläne vorliegen. Nicht einmal eine offizielle Bauvoranfrage sei eingereicht, geschweige den ein Bauantrag. Als eher informelle Anfrage bezeichnet Jäger, was bisher lief.

Nur: Dass am Pfannenfeld bereits Pflöcke eingeschlagen sind, die anzeigen, dass das drei Meter breite Sträßlein noch einmal so breit werden müsste, um dem Lkw-Verkehr von und zur Tomatenproduktion gewachsen zu sein, schürt das Misstrauen der Kritiker. „Sind die Pflöcke für das Projekt etwa schon eingeschlagen?“, fragt Aufrecht. Keinesfalls, wie Jäger klarstellt. Im Zuge der Sondierungsanfrage der potentiellen Bauherren habe sich jedoch herausgestellt, dass auch der Gemüseanbau unter Glas als landwirtschaftlicher Betrieb zu betrachten und damit privilegiert sei. „Das heißt, dass wir als Gemeinde das Projekt gar nicht ablehnen können“, so Jäger. Was aber nicht bedeute, dass es ohne Auflagen genehmigt werde. Doch darüber zu entscheiden, obliege dem Landratsamt.

Derweil hat Jäger den Eindruck gewonnen, „dass die Mehrheit im Gemeinderat dem Projekt wohl nicht ablehnend gegenübersteht“. Wenn die Gemeinde die Anlage schon nicht verhindern könne, sei es ihm, so Jäger „lieber, wir begleiten das Projekt konstruktiv und versuchen, unsere Interessen so weit wie möglich im Planungsprozess einzubringen“.

Und eigentlich findet Jäger die Tomatenproduktion vor Ort so schlecht nicht. Schließlich würden die wenigsten Tomaten, die in Deutschland verzehrt werden, hier produziert. Landwirt Schilmeier hat dazu Zahlen parat: „Jeder über 20-jährige Deutsche isst im Jahr 20 Kilogramm Tomaten. Unser Selbstversorgungsgrad aber liegt bei gerade sechs Prozent. Der Rest kommt aus Holland, Spanien oder sonst woher. Da ist es doch gescheiter, die Tomaten werden vor unserer Haustür produziert und kommen frisch auf den Tisch“, findet er.

Wer sich ein Bild von Gewächshäusern im Großformat machen möchte, kann sich beim Tag der offenen Tür im Knoblauchsland am Sonntag, 1. Mai, von 10 bis 16 Uhr, auch Anlagen der Bauherren ansehen: Im Gewächshaus an der Marienbergstraße baut Familie Scherzer u.a. Tomaten an, Fam. Boss betreibt an der Almoshofer Hauptstraße 44a Treibhäuser für Erdbeeren und Chicoree.

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