Gemeinde wird nicht Standort

Raitersaich und das ICE -Werk: Ein fränkisches Dorf atmet auf

Sabine Dietz
Sabine Dietz

Lokalredaktion Fürth

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6.9.2021, 06:53 Uhr
Der Traktor-Korso, der zur „Nacht mit ICE-Werk“ auffuhr, war imposant. An die 50 Landwirte simulierten mit aufgeblendeten Scheinwerfern und Hupkonzert, was den Anliegern drohen könnte.

Der Traktor-Korso, der zur „Nacht mit ICE-Werk“ auffuhr, war imposant. An die 50 Landwirte simulierten mit aufgeblendeten Scheinwerfern und Hupkonzert, was den Anliegern drohen könnte. © Foto: Hans-Joachim Winckler

Für Raitersaich und die beiden Heilsbronner Dörfer Ketteldorf und Müncherlbach sind nun die Ängste ausgestanden, dass bei ihnen in der Nachbarschaft über 30 Hektar Fläche dem Nürnberger ICE-Standort zum Opfer fallen könnten. Die Nachricht ging, kaum dass sie am Freitagnachmittag publik wurde, "rum wie ein Lauffeuer", berichtet Roßtals Bürgermeister Rainer Gegner.

Gesprächsthema Nummer eins

Das Thema bestimme seitdem die Gespräche im Ort. "Ich ziehe meinen Hut vor dem Engagement der Bürgerinitiativen". Und auch die Kooperationsbereitschaft über die Kreisgrenzen hinweg etwa mit den Bürgermeistern angrenzender Orte sei prima gewesen. Bei allem Ärger: "Das hat uns zusammengeschweißt."

"Natürlich erfreut" zeigt sich auch Manfred Wißmüller von der Entscheidung, mit der so schnell keiner gerechnet habe. Den Sprecher der Bürgerinitiative "Nicht schon wieder Raitersaich" überraschte die Nachricht, als er gerade aus dem Urlaub zurückkehrte. Was ihn im Nachgang wurmt, ist das "Planungsgebaren der Deutschen Bahn".

Sie sei mit einem wenig durchdachten Plan an die Öffentlichkeit gegangen und "hat unsere Gegend über Monate in Aufruhr versetzt". Deren jetzige Erkenntnis, dass die drei Standorte zwischen Raitersaich und Heilsbronn ungeeignet sind, da sie zu weit ab vom Hauptbahnhof Nürnberg liegen, entspreche genau einem der Gegenargumente, das "wir von Anfang an ins Feld führten".

Landwirte als Bauernopfer

Aber anscheinend habe die Bahn "Streichkandidaten" gebraucht, um formal korrekt mit mehreren Alternativ-Standorten ins Raumordnungsverfahren gehen zu können. "Das Bauernopfer waren in Raitersaich die Landwirte, die monatelang um ihre Existenz bangten", so Wißmüller.

Für ihn stellt sich genauso wie für Pfarrer Künne nach wie vor die Frage, "ob die Größenordnung so passt, auch im Blick auf die noch im Rennen verbliebenen drei Standorte" – das Muna-Gelände in Feucht, ein Areal südlich davon und eines bei Allersberg/Pyrbaum/Roth. "Wir sind raus, drei andere bleiben, das macht schon ein mulmiges Gefühl", so Künne.

"Wir legen die Hände nicht in den Schoß"

Auch Wißmüller ist sich dieser Problematik bewusst. "Aber wir wollen die Hände jetzt nicht in den Schoß legen", sagt er. Seine Gedanken sind bei dem kleinen Ort Harrlach bei Allersberg/ Pyrbaum/Roth, dem es nicht anders erginge als Raitersaich. "Dort müsste auch ein großes Waldgebiet weichen. Die dortige Initiative werden wir weiter unterstützen."

Bliebe noch der Vorwurf, nach dem Sankt-Florians-Prinzip zu handeln und die Verkehrswende zu blockieren, den sich die Raitersaicher in sozialen Medien in Form teils äußerst gehässiger Kommentare gefallen lassen mussten. Dem hält Wißmüller einiges entgegen: In Raitersaich werde demnächst das sechs Hektar große Umspannwerk erneuert und um ein Drittel vergrößert.

Die Belastungsgrenze ist erreicht: "Uns reicht's"

Und das sichere auch die Stromversorgung Nürnbergs. Dazu kommt der Ausbau der Juraleitung, die von 220 auf 380 KV aufgerüstet wird und ausgehend von Raitersaich Strom in den Süden Bayerns führt. "Wir haben drei Windkraftanlagen, ein Solarfeld, eine Baustoff-Recyling-Anlage. Die Belastungsgrenze für unseren kleinen Ort mit gerade 416 Einwohnern ist überschritten. Uns reicht’s."

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