Rathausturm bekommt Grashalme

16.8.2012, 11:20 Uhr
Ein Mann will nach oben: Thor van Horn erklimmt ab kommendem Mittwoch den Rathausturm und malt bis zum Bayern-Spiel in schwindelerregender Höhe Grashalme. Im Rathaushof erläuterte er am Mittwochmittag sein Lüftlmalerei-Projekt.

Ein Mann will nach oben: Thor van Horn erklimmt ab kommendem Mittwoch den Rathausturm und malt bis zum Bayern-Spiel in schwindelerregender Höhe Grashalme. Im Rathaushof erläuterte er am Mittwochmittag sein Lüftlmalerei-Projekt. © Horst Linke

Da wird selbst Albrecht Dürer blass! Sein berühmtes „Großes Rasenstück“ misst gerade 40,8 mal 31,5 Zentimeter. Das Projekt „Aufstieg oder Das große Rasen-Kunst-Stück“ von Thor van Horn (47) hingegen bemisst sich auf 364 Quadratmeter. Und während Meister Albrecht im stillen Kämmerlein werkelte, dürfen die Fürther ab nächster Woche die Entstehung des Kunstwerks mit eigenen Augen mitverfolgen. Der Rest der Welt darf per Facebook unter dem Stichwort „kunstrasenstueck“ partizipieren.

Ab dem heutigen Donnerstag klettern Arbeiter den Turm entlang und montieren die Glühbirnen ab. Montag und Dienstag werden vier feuerfeste weiße Kunststoffplanen hochgezogen, die von der Turmspitze bis zum Balkon reichen, jede 14 Meter lang und fünf Meter breit. Desgleichen wird auch der Turmbalkon drapiert.

Gerne hätte Thor van Horn den ganzen Turm wie weiland Christo den Reichstag umhüllt, doch da genießt der Turmfalke, der unterm Balkon nistet, Hausrecht. Nun kommt der eigentliche Clou: Ab nächsten Mittwoch seilt sich der Künstler vom Turmdach in 55 Metern Höhe ab und malt bis zum Samstag, dem ersten Spieltag der Fußball-Bundesliga-Saison 12/13, die Planen mit Grashalmen in wetterfestem Grün an. „Die werden so 20 bis 30 Zentimeter lang, das geht natürlich in die Zehntausende Stück“, schätzt der Konzeptkünstler. Eventuell versteckt Thor van Horn auch ein Kleeblatt in seiner Wiese.

Stationen mit Ferngläsern

Gemalt wird bei jedem Wetter, außer bei Sturm. Natürlich wäre es einfacher, die Planen bereits am Boden zu bemalen, doch das widerspräche dem Charakter der „Public Art“, wie sie Thor van Horn bezeichnet — die Menschen sollen zusehen, wie die Kunst im öffentlichen Raum entsteht. Deshalb werden auch drei Beobachtungsstationen mit Ferngläsern eingerichtet.

Bisher war Thor van Horn übrigens auf dem Boden geblieben; 2003 hatte er den Stadtpark mit einem „goldigen Kälbchen“ verziert, vor zwei Jahren im Kunstsalon in der Breitscheid-Straße „Mehdorns Wohnzimmer“ eingerichtet. Als Lüftlmaler hat er sich laut eigener Aussage noch nicht betätigt. „Ich bin zwar kein Kletterer, aber dafür bin ich absolut schwindelfrei.“

Damit nichts passiert, hat der Fürther Bauingenieur Michael Lawendel die Statik durchgerechnet. Jede Bahn wiegt immerhin 50 Kilo, gesichert werden die Planen mit weißen Spanngurten, die in einem Abstand von eineinhalb Metern den Turm umrunden. „Sollte ein Sturm aufziehen, wirken Kräfte bis zu 140 Kilo auf den Quadratmeter ein“, kalkuliert Lawendel, „ein Gurt hält aber zwei Tonnen Zugkraft aus.“

Vier Wochen lang soll das „Rasen-Kunst-Stück“ das fußball-ästhetische Fürther Selbstbewusstsein demonstrieren, dann wird wieder abgebaut. Schade, denn bis dahin haben sich die Leute bestimmt damit angefreundet; obendrein würde die Lüftlmalerei der nahenden Michaelis-Kärwa erst recht zur Zier gereichen. Doch Grashalm-Aktionist van Horn winkte bei der Vorstellung seines Vorhabens gestern Mittag ab: „Installationskünstler projektieren ihre Werke nie länger als für vier Wochen. Ab dann tritt schon der Gewöhnungseffekt ein.“

Allerdings malt Thor van Horn seine Grashalme von oben nach unten. Solch eine Abseilaktion widerspricht, wenn man es recht bedenkt, eigentlich dem Gedanken vom Aufstieg. Hoffentlich schließt sich die SpVgg Greuther Fürth nicht dem Trend nach unten an. In rein sportlicher Hinsicht, versteht sich.

Die Facebook-Seite zur Kunstaktion: www.facebook.com/kunstrasenstueck

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