Montag, 22.04.2019

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Ratzefatz auf neuer Mission in der Flüchtlingshilfe

Grit Eißler hat den Spielbus-Oldie aus dem Landkreis Fürth guten Gewissens auf Sizilien zurückgelassen - 05.04.2019 06:00 Uhr

Egal ob Groß oder Klein: Der Spielbus ist prima angekommen, sagt Grit Eißler (Mitte), hier bei einer Kurzvisite in einer Unterkunft für unbegleitete Flüchtlinge. © Playing Peas


Frau Eißler, wie war die Fahrt? Hat der Mercedes Benz, Baujahr 1984, gemuckt auf der 1100 Kilometer langen Strecke?

Eißler: Ganz im Gegenteil. Er ist gelaufen wie eine Eins. Wir — es waren noch zwei Kollegen vom Spielmobil-Verein Playing Peas, über den der Bus-Transfer lief, dabei — waren selbst erstaunt. Wir waren im Insel-Inneren unterwegs, es ging viel bergauf und -ab. Das war überhaupt kein Problem. Und es war toll zu fahren. Man sitzt in dem Bus sehr hoch und hat den Überblick über eine herrliche Landschaft.

 

Von der Landschaft abgesehen, wie ist der Spielbus bei den Kindern angekommen?

Eißler: Nach einigen Zwischenstationen noch in Deutschland und bei einem Spielfest in Meran sind wir von Vertretern des Vereins "I Girasoli" in Mazzarino empfangen worden. Wir haben die Leute erst mal mit dem Bus vertraut gemacht, Materialien und die Idee vom Spielbus, das freie und ungezwungene Spielen von Kindern zu fördern, erklärt. Den ersten Kontakt mit Kindern hatte Ratzefatz in Riesi auf einem öffentlichen Platz: I Girasoli hatte mehrere Spielfeste in verschiedenen Orten vorbereitet, so auch dort: Etwa 50 Kinder, ein kunterbunter Mix verschiedenster Nationalitäten, hat uns erwartet. Und der Bus ist supergut angekommen.

 

Wie waren denn die Reaktionen im Einzelnen?

Eißler: Beim Spielen geht alles immer so einfach und schnell: Die Kinder haben geholfen, Ratzefatz auszuladen. Der Bus war sofort leer und der Platz voll. Alle haben mitgespielt, egal ob klein oder groß. Gut war, dass eine Kollegin aus Hamburg dabei war, die viele Spiele, die auch ohne Sprache funktionieren, kennt.

 

Wieso?

Eißler: Die Italiener sprechen nicht viel Englisch. Wer als Flüchtling dort hinkommt, muss ganz flugs Italienisch lernen, sonst geht gar nichts. Spielen aber funktioniert auch ohne Sprache: Abklatsch- oder Fangspiele etwa, Ballspielen oder Seilspringen kennt auch jedes Kind. Da muss man nicht viel erklären. Und die Spielsachen selbst haben die Kinder sowieso begeistert, egal wo wir waren.

 

Wie funktioniert die neue Mission von Ratzefatz in Sizilien?

Eißler: Wir haben Ratzefatz in Milena zurückgelassen. Dort hat I Girasoli seinen Sitz. Es gibt ein Zentrum, das sich am ehesten mit einem Jugendtreff vergleichen lässt. Hier bietet der Verein viele Aktionen an. Und von hier aus wird Ratzefatz in den Orten, in denen sich I Girasoli engagiert, eingesetzt. Allerdings mit einem anderen Fokus als dem auf die klassische Spielmobil-Arbeit.

 

Wo liegt der genau?

Eißler: I Girasoli geht es um Treffpunkt-Arbeit für Flüchtlinge und Einheimische, der Verein will Raum für Begegnung schaffen und Vorbehalte abbauen. Ratzefatz soll insbesondere das Thema Menschenrechte bespielen. Dazu gehört natürlich auch das Recht auf Spielen. Die Bedingungen dafür sind in Italien nicht schön. Es gibt keine Spielflächen oder Spielplätze. Ganz zu schweigen davon, wie es in den Wohnungen der Flüchtlinge selbst aussieht. Da ist Spielzeug Fehlanzeige.I Girasoli versucht, die Migranten schnell in die Bevölkerung vor Ort zu integrieren, bringt sie auch zügig in eigenen Wohnungen unter und begleitet sie mit Hilfsangeboten. Trotzdem geht es natürlich vorrangig darum, dass Warmwasser aus der Leitung kommt, ein ordentlicher Herd zum Kochen da ist und natürlich etwas, das man Kochen kann.

 

In Milena haben Sie auch den Schlüssel für Ratzefatz übergeben. Wie war das für Sie, nachdem er Sie über 20 Jahre zu Spielaktionen im Fürther Land begleitet hat?

Eißler: Bei der Vertragsunterzeichnung sind bei mir schon ein paar Tränen gekullert. Aber ich habe Ratzefatz guten Gewissens zurückgelassen: I Girasoli macht was Tolles draus, da bin ich mir sicher. Der Verein kümmert sich sehr gut um die Flüchtlinge, die er betreut. Unsere Spielmobil-Idee ist angekommen. Und für uns im Verein Playing Peas geht es weiter. Ein Kollege aus Stuttgart hat ein altes Feuerwehrauto entdeckt, das könnte unser nächstes Projekt werden. Wir wollen die Spielmobil-Arbeit auf jeden Fall weiter bekannt machen in ganz Europa.

 

Werden Sie Kontakt zu Ratzefatz halten?

Eißler: Ja sicher. Wir haben schon ausgemacht, nächstes Jahr noch einmal runterzufahren, um zu sehen, wie es Ratzefatz geht, und noch ein paar Workshops anzubieten.

Informationen zum Verein Playing Peas inklusive Daten zum Spendenkonto sind im Internet unter www.playingpeas.com zu finden. 

Interview: Sabine Dietz

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